Umsiedlungen: Der lange Kampf gegen die Braunkohle

Umsiedlungen : Der lange Kampf gegen die Braunkohle

Wenn Hans-Josef Dederichs durch seinen Heimatort geht, dann kommen ihm beinahe die Tränen. Das liegt daran, dass all das, was Dederichs dann sieht, demnächst weg sein wird. Die Häuser, die Bäume, die Wiesen, die Menschen. Dabei wollen Dederichs und viele andere Kuckumer gar nicht weg.

Aber sie müssen. Der Ort muss dem Braunkohletagebau Garzweiler II weichen, mit allem, was dazugehört. Der Umsiedlungsprozess läuft. Dederichs, 54 Jahre, baut bereits ein neues Haus im Erkelenzer Norden, in Kuckum (neu), wo bereits einer der Umsiedler aus dem Ort lebt. Dederichs will aber nicht bloß, der alten Heimat hinterherweinen. Auch wenn es ein schmerzhafter Neuanfang ist, steckt darin eine Chance.

Politisch begleitet Dederichs den Umsiedlungsprozess und den Braunkohletagebau seit mehr als 20 Jahren. Wobei das viel zu neutral ausgedrückt ist. Dederichs kämpft gegen den Tagebau: „Der Braunkohleabbau ist eine riesige Katastrophe mit verheerenden Folgen für nachfolgende Generationen.“ Dass Orte verschwinden und Wälder gerodet werden, um Braunkohle abzubauen, bezeichnet er als völlig überflüssig, energiepolitisch und wirtschaftlich unvernünftig. Trotzdem werden die Tagebaue in der Region weitergeführt. Trotzdem werden Dörfer umgesiedelt. Trotzdem finden massive Eingriffe in Grundrechte der Umsiedler statt.

Die Braunkohle ist das beherrschende Thema für den Politiker Hans-Josef Dederichs. Er ist Sprecher des Grünen-Ortsverbandes Erkelenz, Brudermeister der Kuckumer Schützen und hauptberuflich Polizeibeamter. Eine bemerkenswerte Kombination.

Seine politische Laufbahn beginnt jedoch ganz anders. Dederichs ist Ur-Kuckumer. Der Heimat fühlt er sich nicht zuletzt als aktiver Schützenbruder verpflichtet. Auch wenn er zwischendurch mal eine Wohnung in Köln hat, bleibt sein Erstwohnsitz immer in Kuckum. Je mehr er sich im Dorf engagiert, desto mehr realisiert er, welche Probleme der Tagebau mit sich bringt. Er will etwas ändern. Also gründet er in den 90er Jahren mit einigen anderen einen SPD-Ortsverein. Aber nach einem halben Jahr tritt er freiwillig wieder aus. Sonst hätten die Genossen ihn wegen seiner umweltpolitischen Ansichten vor die Tür gesetzt, sagt Dederichs. Er ist damals bereits Sachkundiger Bürger, wechselt zu den Grünen und findet seine politische Heimat.

In den folgenden Jahren etabliert er sich als feste Größe der Grünen im Kreis Heinsberg. Er zieht in den Erkelenzer Stadtrat ein, engagiert sich überregional in Grünen-Gremien, kandidiert für den Bundestag und für den Landtag. „Das wäre schon eine tolle Sache gewesen, meine Politik und meine Leute im Bundestag oder Landtag zu vertreten. Aber ich weine der verpassten Chance nicht hinterher“, sagt er. „Mein Traumberuf ist Polizist. Damit bin ich glücklich.“ Der Schichtdienst bei der Polizei und die Politik ließen sich ganz gut vereinen. Politik, Polizei und Familie ist jedoch zu viel. Dederichs erste Ehe sei daran zerbrochen.

Seit ein paar Tagen ist Dederichs wieder verheiratet. In ein paar Monaten wird er in sein neues Haus ziehen. Und sich neuen Aufgaben stellen. Er will sich für die Dorfgemeinschaft im neuen Ort einsetzen, in dem die Grenzen zwischen den neuen Orten Kuckum, Keyenberg, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath verschwimmen werden. Mit dem neuen Borschemich befinde man sich dann in einer „Schicksalsgemeinschaft von rund 2500 Menschen“. Als Brudermeister will Dederichs die St.-Antonius-Schützen „vernünftig durch die Umsiedlung bringen“. Es ist die Chance, etwas neues zu gestalten. Dederichs spricht davon, dass die Menschen aus den Umsiedlerorten sich zusammenraufen müssen, um gemeinsam neues zu schaffen. Trotzdem soll jede Gemeinschaft ihre Identität bewahren. Das klingt nach viel Arbeit.

Aufmerksamkeit

Überregionale mediale Aufmerksamkeit bekam der Widerstand gegen die Braunkohle jüngst aber eher wegen der Besetzung des Hambacher Forstes, wegen der Protestaktionen des Bündnisses „Ende Gelände“ und wegen des Klimacamps. Dederichs ist selbst mal in das Klimacamp gegangen, um als Anwohner mit den Aktivisten zu reden. Als die hörten, dass er Polizeibeamter ist, sprachen sie aber bloß Abseits des Camps. Die Proteste, die auch in Erkelenz stattgefunden haben, befürwortet Dederichs.

Er könne auch nicht nachvollziehen, warum Hundertschaften von Polizisten den Abriss des Immerather Doms sichern mussten, während sich die Umsiedler in den leerer werdenden Orten immer unsicherer fühlten. Straftaten und Gewalt von Kohlegegnern, wodurch vorwiegend die Aktivisten im Hambacher Forst in die Schlagzeilen geraten, lehnt er jedoch strickt ab. „Ich will nicht mit Gewalttätern diskutieren“, sagt er.

Dederichs kämpft derzeit ohnehin einen anderen Kampf. In der laufenden Umsiedlung geht es darum, praktische Probleme zu lösen. Wie sollen Grünflächen im neuen Orts aussehen? Wieso liegt die Straße 70 Zentimeter höher als die Grundstücke? Dederichs ärgert die „Arroganz“, mit der die Anliegen der Umsiedler ignoriert werden. Mit ihren Anliegen liefen die Betroffenen bei RWE, der Stadt und der Bezirksregierung gegen ein Wand. Etwas durchzusetzen, sei nicht leicht. Allerdings mache man nach außen klar, dass man als Ort zusammenstehe. Und die gegenseitige Unterstützung schweiße die Gemeinschaft zusammen.

Und auch wenn die Dorfgemeinschaft die Umsiedlung am Ende übersteht, bleibt doch eine schwierige Zeit voller Ungewissheit, Zorn und Betroffenheit. „Man nimmt uns 15 Jahre unseres Lebens, in denen wir uns mit der Umsiedlung beschäftigen müssen“, sagt Dederichs. Bei der Entschädigung von Hauseigentümern, die umsiedeln müssen, berücksichtige RWE das: mit 3000 Euro pro Familie.

Mehr von Aachener Nachrichten