„Demokratie in Kinderschuhen“: Besonderes Mitbestimmungsrecht für Kindergartenkinder

Demokratie : In der Kita St. Andreas bestimmen die Kinder

Partizipation nennt sich das Konzept der Kita St. Andreas, mit der sie den Kindern früh das Wesen der Demokratie näherbringen möchte, ihnen aber auch die Möglichkeit geben will, selbst Verantwortung zu übernehmen.

 Im Gruppenraum der Kita St. Andreas in Heinsberg-Eschweiler greift jedes Kind in ein großes Glas mit bunten Steinen und nimmt sich einen heraus. Jeder der farbigen Kiesel entspricht einer Kinderstimme, denn die Kinder haben an diesem Tag etwas Wichtiges zu entscheiden. Es geht um die neuen Namen der beiden Kindergartengruppen.  Sollen die Gruppen künftig  Zwerge und Riesen oder Raupen und Schmetterlinge heißen? Am Ende des Wahlgangs liegt ein größerer Berg Steine vor dem Bild mit Raupe und Schmetterling.  Die Hauptakteure der Kita, die Kinder,  haben demokratisch gewählt und entschieden. Denn in der Kita St. Andreas dürfen schon die Kleinsten mitbestimmen.

 „Jedes Kind hat das Recht, seine Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern und die Meinung muss entsprechend des Alters und der Reife berücksichtigt werden“, zitiert Einrichtungsleiterin Saskia Bongartz gerne den Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention, wenn sie auf ihr Kita-Modell angesprochen wird. „Und die Möglichkeit möchten wir unseren Kindern hier bieten.“

Partizipation nennt sich das Konzept der Kita, mit der sie den Kindern früh das Wesen der Demokratie näherbringen möchte, ihnen aber auch die Möglichkeit geben will, selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Kita  beteiligt  sich an dem Projekt „Demokratie in Kinderschuhen“ der Diözesangemeinschaft katholischer Tageseinrichtungen für Kinder im Bistum Aachen. Bistumsweit machen 22 Einrichtungen mit. Aus dem Kreis Heinsberg beteiligen sich neben der Kita St. Andreas noch die Katholische Kindertageseinrichtung St. Hubertus aus dem Selfkant. Die Einrichtungsleiter treffen sich dazu zu vier Werkstatttagen, die dazu dienen, weitere praktische Schritte zur Demokratiebildung in Kindertagesstätten zu erarbeiten.

In der Kita St. Andreas ist in der jüngsten Vergangenheit bereits jede Menge umgesetzt worden: es gibt eine regelmäßige, wöchentliche Kinderkonferenz, in denen die Kinder auch mal ganz klar sagen können, was ihnen nicht passt. Einmal mit Monat treffen sich die älteren Vorschulkinder zum Kinderparlament, um sich mit den in der Kinderkonferenz angesprochenen Themen noch einmal intensiver beschäftigen.

Saskia Bongartz und Ramona Frenken ist es wichtig, dass Kinder mitbestimmen dürfen. Foto: Nicola Gottfroh

Einen festen Rahmen stecken

Und auch im Kindergartenalltag zählt das Wort der Kinder. „Allerdings in einem festen Rahmen, den wir Erzieher vorgeben. Sonst wären die Kinder schnell überfordert“, sagt Einrichtungsleiterin Saskia Bongartz. Möglichkeiten der Mitbestimmung gibt es im Kindergartenalltag dennoch genug. Die Einflussnahme der Kinder kann beispielsweise das Tagesprogramm betreffen. So werden die Kinder an der Entscheidung beteiligt, ob ein Spaziergang gemacht oder gesungen wird. Und auch beim Essen haben sie Mitspracherecht. Die Kids entscheiden beispielsweise,  ob es am nächsten Tag Pfannkuchen oder Suppe zum Mittagessen geben soll.  „Das hat zur Folge, dass es in der Kita nun häufiger als zuvor Pfannkuchen und Nudeln gibt, als uns Erziehern lieb ist“, scherzt Bongartz.

 Mitbestimmen dürfen die  Kinder auch, was gewisse Vorschriften und Verhaltenskodexe betrifft. So haben die Kinder die Regeln, die in der Bewegungslandschaft der Kita zu beachten sind, selbst erarbeitet. „Und erstaunlicherweise sind die Kinder bei der Umsetzung strenger als wir. Sie sind die Sheriffs ihrer eigenen Gesetze“, hat die Einrichtungsleiterin festgestellt. Warum es so wichtig ist, dass Kinder früh das Prinzip der Demokratie kennenlernen, erklärt Bongartz so: „Für uns ist Partizipation auch eine Art Schutzkonzept, ein Mittel zur Prävention. Denn wer sich ernstgenommen fühlt, seine Meinung äußern und auch klar ‚Nein‘ sagen kann, der kann sich gut schützen – beispielsweise vor sexueller Gewalt.

 Zudem lernten die Kinder zwar ihre eigene Meinung zu vertreten, aber auch die von ihren Mitmenschen anzunehmen und zu akzeptieren.

Den Eltern gefällt das neue Konzept – auch wenn manche zunächst Angst hatten, dass ihre Autorität zu Hause untergraben werden könnte. „Sie haben aber festgestellt, dass es schön ist, den Kindern in einem festen Rahmen Möglichkeiten zur Mitbestimmung zu geben“, sagt Erzieherin Ramona Frenken.

Sie ist überzeugt, dass durch die Partizipation auch das demokratische Bewusstsein der Kinder, die eines Tages Erwachsene sein werden, schon früh geschult wird. „Wir fördern damit eine Kultur des demokratischen Engagements“, sagt Frenken. Und das sei in der heutigen Zeit des Politikverdrusses  wichtiger als jemals zuvor.

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