„Zeitzeuge“ in Hückelhoven: DDR-Geschichte eindrucksvoll mit Leben gefüllt

„Zeitzeuge“ in Hückelhoven : DDR-Geschichte eindrucksvoll mit Leben gefüllt

Fast drei Jahrzehnte vergangen – dennoch präsent: Der in der Oberlausitz geborene Andreas Herzog hat Hückelhovener Gymnasiasten über das Leben in der DDR erzählt.

Wer heute zur Schule geht, lernt aus dem Geschichtsbuch, dass es in der Neuzeit einmal zwei deutsche Staaten mit zwei völlig unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen gegeben hat. Der eine davon ist das Land, in dem wir in der Jetztzeit leben, die Bundesrepublik Deutschland also, ein demokratischer Staat, in dem die Bürger ziemlich viele Rechte in Anspruch nehmen und Freiheiten genießen können; der Staat auch, in dem nach den Gesetzen der kapitalistischen Marktwirtschaft ein ziemlich hoher Wohlstand erwirtschaftet wird.

Der andere Staat, der vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1989 daneben auf deutschem Boden existierte, war die Deutsche Demokratische Republik (DDR), ein Staat mit einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, in dem die Bürger ihre Rechte nur bedingt in Anspruch nehmen konnten, ihre Freiheiten ziemlich eingeschränkt waren und in dem nach den Gesetzen der Planwirtschaft eine ziemliche Mangelwirtschaft herrschte.

Von diesem Staat, der sich von der Bundesrepublik durch den Bau einer Mauer „schützen“ wollte und der nach dem Fall dieser Mauer in sich zusammenbrach und heute nicht mehr existiert, erfahren die Schüler in der Regel nur aus Büchern. In Hückelhoven war jetzt ein „Zeitzeuge“ zu Gast, der den Schülern der Jahrgangsstufe 9 aus eigenem Erleben von seinen Erfahrungen mit und vom täglichen Leben im damaligen „ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“, wie die DDR-Regierenden ihren Staat gerne nannten, berichtete.

Der 1958 in Löbau in der Oberlausitz geborene Andreas Herzog erzählte den Schülern unaufgeregt, sehr persönlich und deshalb sehr plastisch, um Sachlichkeit bemüht, betont undogmatisch, aber natürlich immer auch mit dem Abstand von 35 Jahren, die vergangen sind, seit er die damalige DDR verlassen konnte, von seinem Werdegang in diesem Staatsgebilde.

Das begann mit der Jugendweihe, bei der die Schüler, damals im gleichen Alter wie die, denen er in Hückelhoven heute davon berichtetet, dem „sozialistischen Bruderstaat Sowjetunion ewige Treue geloben“ mussten, setzte sich fort in der vormilitärischen Ausbildung in einem Internat 250 Kilometer von seinem Elternhaus entfernt („Ich hatte zu der Zeit kein besonders gutes Verhältnis zu meinen Eltern, außerdem wollte ich Forstwart werden“), seiner dreijährigen Ausbildung in einem Wachregiment („Das war eine Kaderschmiede für sie Staatssicherheit, die berüchtigte Stasi“) und mündete in seinem geplanten Fluchtversuch über „grüne Grenze“ in Österreich, die er über den Besuch eines Motorradrennens in der damaligen CSSR, einem sozialistischen Bruderstaat, erreichen wollte.

Für die Jugendlichen in Hückelhoven gut nachvollziehbar beschrieb Andreas Herzog anhand vieler Details, die mit Dokumenten aus seiner zwei Waschkörbe füllenden Stasi-Akte anschaulich belegt auf die Leinwand projiziert wurden, seine damals stetig wachsenden Zweifel an der ständig und überall propagierten Überlegenheit des sozialistischen Systems. „Die meisten Menschen in der DDR arrangierten sich mit den Gegebenheiten und sagten sich nach einem Roman von Erich Loest: Es geht alles seinen sozialistischen Gang. Ich konnte das nicht.“

Sein Fluchtversuch indes scheiterte, die Stasi hatte ihn längst im Visier, er kam nach Hohenschönhausen in Untersuchungshaft und wurde wegen „Spionage“ zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis in Bautzen verurteilt. „Ich wurde nicht wegen des Fluchtversuchs, sondern wegen Spionage verurteilt mit der Begründung: Wenn ich geflohen wäre, hätte ich Geheimes aus dem Wachregiment ausplaudern können“, sagte der Zeitzeuge Herzog. Eine Rechtsprechung, die selbst 15-jährige Schüler nicht nachvollziehen können.

Nach Verbüßung der gesamten Haftstrafe wurde Herzog im Dezember 1983 zunächst für acht Monate in die DDR entlassen („Ich war Bürger zweiter Klasse, hatte keinen Personalausweis“), bis ihm 1984, also fünf Jahre vor dem Mauerfall, die Ausreise in die Bundesrepublik genehmigt wurde. Auf dem zweiten Bildungsweg machte er das Abitur, studierte Philosophie und Germanistik und arbeitet heute in Düsseldorf.

Zur Einstimmung auf das Thema hatten die Hückelhovener Schüler in der Aula den Film „Das schweigende Klassenzimmer“, in dem die Frage nach dem politischen Erwachen auf dem Weg zum Erwachsenwerden thematisiert wird, angeschaut: Was heißt es, eine eigene Meinung zu entwickeln und die auch gegenüber Widersprüchen zu behaupten? Was bedeutet es, Solidarität zu zeigen selbst dann, wenn dadurch individuelle Ziele in Gefahr geraten? Wie geht man mit Angst und Ohnmachtsgefühlen angesichts übermächtig erscheinender Machtstrukturen um?

Die ausgesprochen rege Diskussion nach dem Vortrag von Andreas Herzog bewies eindrucksvoll, wie intensiv es der „Zeitzeuge“ in dieser Sonderveranstaltung geschafft hatte, Geschichte mit Leben zu füllen.

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