Wegberg/Erkelenz: Das vergessene Drama am Grenzlandring

Wegberg/Erkelenz: Das vergessene Drama am Grenzlandring

Das erste, woran Helmut Niedermayr nach seinem Unfall dachte, waren seine Zähne. Gerade war er mit seinem Rennwagen in Wegberg in die Zuschauer gerast, hinter ihm starben Menschen oder stöhnten vor Schmerzen, da lag Niedermayr verletzt in seinem Rennwagen und fragte die Krankenschwester Anni Schnitzler: „Sind meine Goldzähne alle noch im Mund?”

Dieser letzte Augusttag im Jahr 1952 sollte eigentlich ein Fest für Motorsportfreunde werden. Auf dem Ring rund um Wegberg veranstaltete der Motor-Union Grenzlandring e.V. neben Rennen für Motorräder auch den 36. Lauf zur Formel-2-Weltmeisterschaft. 21 Fahrer aus Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien waren gemeldet, darunter mit der Französin Yvette Simon auf einem Ferrari 166 MM Zagato auch eine Frau. Es sollte das schnellste Rennen im Westen Deutschlands werden. Doch schon in der ersten Runde kam es zur Katastrophe: Der Formel-2-Fahrer Niedermayr verlor in der Roermonder Kurve, gleich hinter Start und Ziel, die Kontrolle über seinen Rennwagen und raste in die Zuschauer. Fünf Menschen zwischen 13 und 23 Jahren starben noch an der Unfallstelle, insgesamt verloren an diesem heißen Sonntagnachmittag 13 Menschen ihr Leben, das jüngste Opfer war acht Jahre alt.

Anni Schnitzler, die lange in Erkelenz-Ratheim gelebt hat, war 21 und als ausgebildete Krankenschwester an diesem Tag am Grenzlandring im Dienst. Heute ist sie eine der letzten Augenzeugen der Katastrophe.

Wäre es nach Anni Schnitzler gegangen, wäre sie Nonne geworden, sie war ja schon geraume Zeit im Kloster bei den Vinzentinerinnen in Köln. „Aber meine Mutter hat darauf bestanden, dass ich eine Ausbildung zur Krankenschwester mache”, sagt sie. In den Wirren der ersten Nachkriegsjahre verschlug es ihre Familie von Köln in die niederrheinische Tiefebene nach Wassenberg-Myhl. Und so kam es, dass Anni Schnitzler, die damals noch Zurmahr hieß, am 31. August 1952 als Krankenschwester vom Roten Kreuz für die Rennstrecke am Grenzlandring angefordert wurde.

Die Betonpisten, die sich wie ein Ring um den Ort Wegberg legten, waren während des Dritten Reiches für mehr als drei Millionen Reichsmark wahrscheinlich als Nachschubstraße unter anderem zu den Bunkern des Westwalls angelegt worden. Motorsportbegeisterte entdeckten den Ring gleich nach dem Ende des Krieges als Flachrennstrecke, auf der Automobilhersteller ihr Material testen konnten. Der damalige NRW-Ministerpräsident Karl Arnold zerschnitt am 19. September 1948 das Band und eröffnete damit das erste Rennen auf dem Grenzlandring. In den folgenden Jahren verfolgten stets fast 300 000 Zuschauer die Rennen auf der Strecke, auf der die Geschwindigkeitsrekorde nur so purzelten. Bis zu jenem dramatischen Sonntag im August 1952.

„Wir waren zwischen Tüschenbroich und Watern im Zelt des DRK stationiert, mein Einsatzgebiet lag genau an Start und Ziel”, sagt Anni Schnitzler. Also genau an der Stelle, an der im Rennen der Formel 2 kurz nach 16.30 Uhr Helmut Niedermayr vom MSC Berlin in seinem Zwei-Liter-Veritas-Reif-Meteor-Monoposto mit der Nummer 124 auf der Motorhaube in der Roermonder Kurve ins Schleudern kam. Mit etwa 200 Stundenkilometern wurde das Auto kurz hinter der Friedhofsbrücke nach außen von der Strecke getragen und raste in die dicht hinter Strohballen und einem niedrigen Drahtzaun sitzenden Zuschauer. „Ich hatte das Geräusch des aufheulenden Motors noch im Ohr. Aber nach dem Unfall breitete sich geradezu eine Totenstille aus.” So hat Anni Schnitzler das in Erinnerung. Untersuchungen ergaben, dass Niedermayrs Rennwagen 40 Meter durch die Luft flog und dann zwischen den Zuschauern aufprallte. Die Unfallursache wurde nie genau geklärt.

Anni Schnitzler stand zwischen einem Autowrack und am Boden liegenden Menschen, die teilweise schwer verletzt waren, viele hatten offene Brüche. Es gab viel zu wenig Verbandsmaterial am Ring, es gab zu wenige Krankenwagen, die Verletzten wurden auf offenen Lastwagen in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Anni Schnitzler sagt: „Es herrschte ein heilloses Durcheinander.” Es sind Bilder, die sie nicht aus ihrem Gedächtnis löschen kann. „Die Verletzten schrien vor Schmerzen, die Toten lagen auf den Lebenden.” Mancher Anblick hat sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt: „Was ich immer wieder vor mir sehe, sind die drei toten Schüler”, sagt sie. Der Draht, der die Strohballen miteinander verband, fügte den Kindern schwerste Kopfverletzungen zu. Die drei Schüler waren zusammen mit ihrem Lehrer aus Düsseldorf nach Wegberg gekommen und hatten in der Nähe der Rennstrecke gezeltet.

„Als ich mich nach dem ersten Schock umdrehte, lag dieser Rennfahrer da”, sagt Anni Schnitzler. Auf der Grasnarbe, hinter den Strohballen, die die Piste von den Zuschauern abgrenzte, lagen die Verletzten, darunter auch Kinder. Nach offiziellen Angaben gab es 42 Schwerverletzte. „Ich habe die Rennleitung sofort über das Streckentelefon informiert”, sagt Anni Schnitzler. „Aber die haben mir nicht geglaubt. Die haben gedacht, ich sei hysterisch.” Das Rennen wurde nicht unterbrochen, der Veranstalter ließ die Autos weiterfahren. Es wurde sogar noch ein weiterer Wettbewerb gestartet. Dies wurde später in der Öffentlichkeit heftig kritisiert. Die Zehntausenden, verteidigten sich die Verantwortlichen später, die bis dahin noch nichts von dem Unglück gehört hatten, sollten unbefangen nach Hause gehen. Jede Information hätte Tausende von Neugierigen angelockt und womöglich den schmalen Weg ins Wegberger Krankenhaus verstopft, wurde argumentiert. Der Veranstalter wies alle Vorwürfe von sich.

„Da ist im Nachhinein viel vertuscht worden”, sagt Anni Schnitzler. „Es wird immer davon geredet, dass 500 000 Mark für die Opfer zur Verfügung gestellt worden sind. Ich weiß nur ganz sicher, dass eine Verletzte im Erkelenzer Krankenhaus eine Tafel Schokolade bekommen hat.” Verbürgt ist, dass der Wegberger Gemeinderat in einer außerordentlichen Sitzung 10 000 Mark für die Opfer zur Verfügung gestellt hat, die Stadt Rheydt hat 5000 Mark gespendet.

Der Verkehrsausschuss des Düsseldorfer Landtages tagte am 4. Oktober 1952 im Wegberger Rathaus und machte eine Ortsbesichtigung. Es wurde die Frage der Sicherheit an der Strecke diskutiert und ob überhaupt Rennen auf dem Ring stattfinden sollten - zu einer Entscheidung kam es nicht. Der damalige Rennleiter Josef Müller erklärte nach der Katastrophe: „Es war ein unerhörtes Unglück, eine Verkettung von unglücklichen Umständen. Aber es waren Sicherheitsmaßnahmen getroffen wie kaum bei einem Motorsportereignis solcher Art.” Für das Jahr 1953 war eine neue Veranstaltung am Grenzlandring geplant. Sie wurde abgesagt, nachdem einige Fahrer erklärt hatten, die Strecke sei für Autorennen nicht geeignet.

Unter Asphalt verschwunden

Der Grenzlandring als Rennstrecke ist längst Vergangenheit, die Betonplatten sind unter einer Asphaltdecke verschwunden, heute erinnert nur noch der vor wenigen Tagen an der Unglücksstelle errichtete Gedenkstein an die Ereignisse vor genau 60 Jahren.

Der Verursacher des furchtbaren Unfalls am 31. August in der Roermonder Kurve fuhr weiter Autorennen. Helmut Niedermayr starb 1985 mit 69 Jahren. Die jetzt 81 Jahre alte Anni Schnitzler sagt heute: „Das, was an diesem Sommertag 1952 passiert ist, war für mich das Sinnloseste, was ich je erlebt habe.”

Mehr von Aachener Nachrichten