Wassenberg: Das Handy als OP-Lampe: Tierärztin auf der Insel Rhodos

Wassenberg: Das Handy als OP-Lampe: Tierärztin auf der Insel Rhodos

Es sei wohl ein bisschen wie im Krieg, sagt Verena Johann-vor-der-Brüggen. „Im ersten Jahr diente uns eine Schreibtischlampe als OP-Lampe. Und als die dann noch ausfiel, hat jemand mit dem Handy in den Bauch hineingeleuchtet.“

Ein 1,5 Quadratmeter kleines Räumchen sei gleichsam Toilette für alle Mitarbeiter, Wohnort für eine Hundemama mit sieben Welpen und Reinigungsstelle für alle Operations-Instrumente. Zum dritten Mal hat die promovierte Tierärztin jetzt schon einen Teil ihres Jahresurlaubs auf der Insel Rhodos verbracht. Doch während die übrigen Urlauber sich in ihren Ferien an Strand oder Hotelpool vergnügen, steht die 37-jährige Wassenbergerin jeden Tag stundenlang am provisorischen Operationstisch in einem eigens hierfür hergerichteten Appartement auf der Insel. Mit zwei weiteren Tierarztkollegen hat sie auf diese Weise in nur zwei Wochen 328 herrenlose Vierbeiner kastriert.

Wenn ein Hund zu schwer ist und nicht auf den OP-Tisch gehoben werden kann, wird er eben auch schon einmal auf dem Boden operiert.

Vor fünf Jahren gehörte die Veterinärin selbst noch zur Touristenschar auf der griechischen Sonneninsel. Damals, so erzählt sie, sei sie in der Branchenzeitung VET Impulse auf eine Annonce der Direct Animal Protection Society, kurz DAPS genannt, gestoßen. „Dort wurden Mitarbeiter für eine Kastrationsaktion auf Rhodos gesucht.“ Wie in so manchem südlichen oder osteuropäischem Land stellt die unkontrollierte Vermehrung von Hunden und Katzen ein gravierendes Problem dar.

Die Hündin und ihre Welpen bewohnen die Toilette, die auch zur Reinigung der Instrumente dient.

Selbst in Deutschland appellieren die Tierschutzorganisationen bekanntlich seit Jahren an die Katzenhalter, dass sie ihre Freigänger kastrieren lassen sollen, um die Bestandszunahme einzudämmen. Wie wichtig dies sei, zeige ein simples Rechenbeispiel, erläutert Verena Johann-vor-der-Brüggen. Wenn man davon ausgehe, dass ein Katzenpaar zwei Mal im Jahr Nachwuchs bekomme mit je drei Katzenbabys pro Wurf, die überlebten, so seien das nach zehn Jahren über 80 Millionen Nachkommen.

2011 packte die Wassenberger Tierärztin, die eigentlich aus Schloss Holte-Stukenbrock im Herzen Ostwestfalens zwischen Bielefeld und Gütersloh stammt und in Hannover studierte, ehrenamtlich zum Skalpell. „Ich habe mich für die Hilfe vor Ort entschieden, weil ich der Meinung bin, dass die Tierheime bei uns schon bis zur Belastungsgrenze gefüllt sind. Außerdem sind importierte Tiere häufig mit so genannten Mittelmeererkrankungen wie Leishmaniose, Babesiose und Ehrliose belastet.

Sie werden meist durch Zecken oder Mücken übertragen. Die Krankheiten stellen auch ein potenzielles Infektionsrisiko für den Menschen dar. Nicht selten wird ein süßer kleiner Hund vom Straßenrand mit nach Hause genommen. Und wenn sich dann herausstellt, dass er krank ist, landet er doch wieder im heimischen Tierheim, weil eine Behandlung sehr kostenintensiv ist.“ Wichtig ist der erfahrenen Tierärztin, die normalerweise mit fünf Kollegen in einer Wassenberger Kleintierpraxis arbeitet, die Feststellung: „Wir nehmen den Tierärzten auf Rhodos nichts weg, da wir ja nur Streuner behandeln.“ Meistens jedenfalls. Denn natürlich erinnert sich Verena Johann-vor-der-Brüggen auch gerne an die mittellose alte Dame, die dem Ärzteteam als Bezahlung für die Behandlung ihres Lieblings kurzerhand einen Kuchen gebacken hat.

Improvisationstalent, Neugier und die Liebe zu den Tieren sind wohl die Eckpfeiler, die es für die tierärztliche Arbeit auf Rhodos braucht. „Unter solchen Bedingungen kann man natürlich keinen Anfänger dort hinschicken“, meint die 37-Jährige. In die Wiege gelegt wurde der Tochter eines Versicherungskaufmanns und einer Sekretärin dazu wohl ein „gewisser Forscherdrang“, den die Eltern schon früh erkannten.

„Ich habe schon als Kind tote Frösche aufgeschnitten und wollte sehen, woran sie gestorben sind. Eben ein wenig hinter die Krankheit blicken, sie verstehen. Für meine Eltern war daher früh klar, dass ich Tierärztin werden würde.“ Der Forschung allerdings, der sie sich mit einer Promotion im Bereich Pharmakologie in Dresden widmen sollte, kehrte sie schnell den Rücken.

„Da ich ein prinzipiell recht ungeduldiger Mensch bin und man in der Forschung meist lange auf Ergebnisse warten muss, habe ich mich für die Tierarztpraxis entschieden. Hier sieht man das Resultat seines Handelns am Patienten ja schon schnell.“ Außerdem fehlte im Labor irgendwie der Kontakt zu Mensch und Tier.

Den gibt es auf Rhodos reichlich. Und bisweilen werden aus skeptischen Griechen dann auch schon einmal eifrige Unterstützer. „Ich weiß, dass es immer nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, was wir auf Rhodos machen, aber es ist schön, wenn man erlebt, dass vor Ort ein Umdenken in den Köpfen stattfindet.“

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