Kultur GmbH startet Theatersaison: Brechts Mutter Courage fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdet

Kultur GmbH startet Theatersaison : Brechts Mutter Courage fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdet

Die Kultur GmbH startete in die Theatersaison 2018/19 in der fast voll besetzten Stadthalle mit Bertold Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“, aufgeführt von der Burghofbühne Dinslaken.

Brecht verfasste das Drama 1938/39 im schwedischen Exil und das im Dreißigjährigen Krieg zwischen 1624 und 1636 spielt; uraufgeführt wurde es 1941 in Zürich. Brecht lebte während seines Exils in verschiedenen Ländern Europas und in den USA. Dort musste er sich mit dem Linken-Hasser McCarthy auseinandersetzen. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück, wo ihm wegen seiner radikalen marxistischen Ideen die Einreise in die Bundesrepublik verweigert wurde.

Aber auch in Ost-Berlin hatte der Schriftsteller mit seinen zahlreichen Dramen, Artikeln und Gedichten Schwierigkeiten, weil seine Figuren nicht dem Idealbild des Proletariers im Arbeiter- und Bauernstaat entsprachen.

Zeit seines schriftstellerischen Schaffens variierte Brecht auf vielfache Weise seine Überzeugung, dass die Welt in Barbarei versinken werde, wenn die Eigentumsverhältnisse mit Gewalt aufrechterhalten würden. Ob das bekannteste Zitat von Brecht „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ auch heute (noch) bei uns zutrifft, dies ist eine Frage der Interpretation.

Das Stück handelt von einer Mutter Courage genannten Frau und ihren drei Kindern, die im Krieg an verschiedenen Fronten mit dem Krieg ganz gut verdient und für die der Frieden eine Art Schreckgespenst ist. Trotzdem will sie verhindern, dass ihre beiden Söhne, sie hat auch noch eine stumme Tochter, Soldaten werden; was ihr jedoch nicht gelingt. Beide sterben im Krieg.

Und das Ende des Stückes, an dem die Mutter ihre tote Tochter im Arm hält, ist wohl die ergreifendste Szene in diesem Drama um menschliche Unzulänglichkeiten, deren größte wohl der Krieg ist. Dass diese furchtbare Geißel unter der Überschrift „Glaubenskrieg“ auch noch mit dem lieben Gott in Verbindung gebracht wird, ist seit 400 Jahren leider immer noch akut.

Vielleicht war der bewegende Schluss mit ein Grund dafür, dass es reichlich Beifall gab, insbesondere für schauspielerische und gesangliche Leistungen der acht Darstellerinnen und Darsteller.

Beim ersten Auftreten des Ensembles auf der Bühne hatte man den Eindruck, sich in einer rot-weiß gekleideten Sportriege zu befinden. Nur der Feldhauptmann war in feinen Zwirn gekleidet.

Aber dies war nicht die einzige Überraschung, welche das Publikum erlebte. So hätte Mutter Courage eigentlich Tochter Courage heißen müssen: Die Mutter war so alt wie ihre Kinder. Christiane Wilke machte das Beste aus dieser Rolle.

Das Stück war insgesamt so verfremdet, dass nur jemand, der den Inhalt kannte, mit dem Geschehen auf der Bühne etwas anfangen konnte.

Nur in einige Szenen schien durch, was Brecht wohl mit seinem Drama gewollt hatte. Dies wurde dann deutlich doch in dem einen oder anderen Dialog, in einigen Arien der Musik von Paul Dessau, einem Freund von Brecht, dessen Text-Vertonung Elemente der Zwölftonmusik enthielten, und in einer Art Video-Tagesschau, welche das Geschehen auf der Bühne historisch einordnete.

Auch allerhand Schnickschnack trug nicht dazu bei, ein stimmiges Gesamtkonzept zu präsentieren, für dessen Inszenierung André Rößler verantwortlich war. So wurde eine junge Frau auf die Bühne geholt, die für 350 Euro einem Gefangenen einen mit (Theater-)Blut getränkten Schwamm ins Gesicht schlug. Und eine Arie über das Leiden und Sterben Jesu bewegte sich hart am Rand der Blasphemie.

Und so war es nicht verwunderlich, dass bei Gesprächen während der Pause der eine oder andere Zuschauer meinte, Brecht würde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er die Bearbeitung seines Stückes gesehen hätte. Aber mit dem Umdrehen wäre es so eine Sache — mehr als 60 Jahre nach seinem Tod.

(hl)
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