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Gedenken an die Reichspogromnacht: Aus dem Bösen Gutes erwachsen lassen

Gedenken an die Reichspogromnacht : Aus dem Bösen Gutes erwachsen lassen

Mit Kranzniederlegungen und Gebeten hat am 9. November das Gedenken an die Reichspogromnacht auf den beiden jüdischen Friedhöfen im Erkelenzer Stadtgebiet stattgefunden.

Bürgermeister Stephan Muckel erinnerte zusammen mit Kirchenvertretern an die Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes und die Schrecken der Reichspogromnacht.

Die Gedenkfeierlichkeiten, wie sie sonst federführend von der Gemeinschaftshauptschule organisiert werden, konnten in diesem Jahr nicht stattfinden. Auch wenn die Vorbereitungen dafür schon weit fortgeschritten waren, musste kurzfristig ein anderer Weg eingeschlagen werden.

„Ich war in den letzten Jahren als Ratsmitglied bei den Gedenkfeierlichkeiten und habe diese als sehr würdig empfunden. Es ist toll, was Hauptschule, die beiden Kirchen und der Heimatverein auf die Beine stellen, um die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen – dafür bedanke ich mich. Traurig, dass das dieses Jahr so nicht möglich ist. Das Gedenken ganz ausfallen zu lassen, war aber keine Alternative“, so Bürgermeister Stephan Muckel.

Er verlas einen Ausschnitt aus einem Bericht über den 10. November 1938: „Kurz nach Mitternacht erteilen die Aachener Gestapostelle und das SS-Sturmbannbüro telefonisch den Auftrag, ,die Synagoge in Brand zu stecken’. Da hierdurch aber angrenzende Häuser gefährdet sind, gibt die örtliche NSDAP-Kreisleitung den Befehl die Synagoge zu zerstören. Erkelenzer SS und Gestapomitarbeiter dringen in die Synagoge ein und demolieren sie. Am Vormittag fahren sie zum Dorf Schwanenberg, um auch dort die Synagoge zu schänden. Ab dem Morgen werden etwa 15 jüdische Männer aus dem gesamten Landkreis verhaftet und im Erdgeschoss des Alten Rathauses, wo sich Arrestzellen der Polizeiwache befanden, eingesperrt. Alex Salm aus Wegberg ist mit 16 Jahren der jüngste der Verhafteten. Hier in Haft erlebte er, wie am 11. November der Sankt Martinszug vorbeizog. Nach einigen Tagen wurde er freigelassen, während die übrigen in die Konzentrationslager verschleppt wurden.“

Anschließend griff Bürgermeister Stephan Muckel mit einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer das Thema auf, zu dem die Schülerinnen und Schüler der Hauptschule in der Vorbereitung arbeiteten: „Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.“ Im Unterricht wurde auf die Komplexität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eingegangen und dass diese untrennbar miteinander verwoben sind. Gerade deshalb sei es wichtig, nicht zu vergessen, damit die Vergangenheit Einfluss auf Gegenwart und Zukunft haben könne.

„Haltung – das Wort ist selten geworden“, betonte Muckel. „Es steht leider im Verdacht des strengen Starrsinns und blinder Prinzipientreue, fehlender Flexibilität oder eines zu geringen Anpassungswillens. Dabei fehlt das, was es bezeichnet: Wo sind die Menschen mit einer eigenen Überzeugung, die sie gegen den Widerstand einer Mehrheit vortragen, die sich leiten lassen von selbständigen Grundformen und Werthorizonten, auch wenn sie das mehr kostet als die Verwunderung der anderen?“

Auch die Kirchengemeinden entsendeten Vertreter, die die Kranzniederlegungen begleiteten. Auf dem jüdischen Friedhof in Erkelenz an der Neusser Straße sprach Pfarrer Günter Jendges ein Gebet und Gemeindereferent Michael Kock fügte seine Segenswünsche dazu, „um nicht zu vergessen und um Wirkung zu entfalten“.

Erstmals wurde auch der jüdische Friedhof in Schwanenberg/Lentholt in die Gedenkveranstaltung einbezogen. Dort sprach Vikar Marc Jansen ein Gebet und erinnerte an das Grauen. „Es fällt uns schwer, die Verbrechen als Teil unserer Geschichte anzunehmen. Lass uns aus der Erinnerung an das Böse Kraft zum Guten erwachsen.“

Muckel bedankte sich und verabschiedete sich in der Hoffnung, im nächsten Jahr wieder in größerem Rahmen zeigen zu können, „dass Antisemitismus in unserer Gesellschaft keinen Platz hat. Wir bekunden unsere Haltung gegen Rassismus und rechtsextreme Hetze.“

(red)