Auch ohne Uniform im Kreis Heinsberg im Polizeidienst

Neue Kollegen : Auch ohne Uniform im Polizeidienst des Kreises Heinsberg

Personallücken klaffen auch bei der Polizei im Kreis Heinsberg. Um sie zu schließen, werden immer häufiger Regierungsbeschäftigte aus anderen Berufsfeldern eingesetzt.

Jeden einzelnen Zentimeter des Linoleumbodens in dem Discounter, der an diesem Tag kein Einkaufsort, sondern ein Tatort ist, nimmt Hans Pöttgens ganz genau in Augenschein. Jede einzelne Spur, die die Einbrecher, die hier in den vergangenen Stunden gewütet haben, dort hinterlassen haben und alles das, was auch nur im Entferntesten eine Spur sein könnte, wird von ihm festgestellt, fixiert, gegebenenfalls in eine kleine Tüte gepackt, sichergestellt und für kriminaltechnologische Untersuchungen im Labor bereitgestellt.

Vorher schießt Pöttgens natürlich Fotos vom Tatort und den Spuren und sichert Fingerabdrücke. Der 61-Jährige ist bei der Kreispolizeibehörde Heinsberg der Mann für die Spurensicherung. „Beim Stichwort Spurensicherung schießen eingefleischten Tatort-Fans zunächst die Bilder von Spezialisten in weißen Ganzkörperanzügen durch den Kopf“, weiß Pöttgens. Doch einen solchen trägt Hans Pöttgens an diesem Tag nicht, den zieht er nur an, wenn er die Spuren eines Kapitalverbrechens sichern muss. Nein, Hans Pöttgens ist in zivil.

Er ist immer in zivil, denn auch, wenn er in der Spurensicherung und im Erkennungsdienst der Kreispolizeibehörde arbeitet – ein Polizeibeamter ist er nicht – und eine Uniform, die besitzt er auch nach 30 Jahren im Team der Heinsberger Polizei nicht.

Angestellter statt Polizeibeamter: Eugen Becker sitzt für die Kreispolizeibehörde Heinsberg im Blitz-Wagen und nimmt Tempomessungen vor. Damit hält er den "echten" Polizisten den Rücken frei für hoheitliche und Sicherheitsaufgaben. Foto: Nicola Gottfroh

Personallücken geschlossen

Um die Personallücken bei der Polizei zu schließen, setzt die Polizei in Nordrhein-Westfalen nicht nur ausschließlich auf ausgebildete Polizeibeamte, sondern auch auf Angestellte, sogenannte Regierungsbeschäftigte. Der Kreis Heinsberg erhält in diesem Jahr fünf neue Stellen für Regierungsbeschäftigte in seiner Kreispolizeibehörde.

Nicht nur in der Verwaltung der Dienststellen, in denen es schon immer Angestellte, beispielsweise in den Sekretariaten, gegeben habe, könnten die neuen Mitarbeiter wertvolle Dienste leisten, sagt Pressesprecherin Angela Jansen. Auch bei der Unterstützung von Verkehrskontrollen oder bei der Verwaltung von Einsatzmitteln und Fahrzeugen. Hinzu kämen Spezialaufgaben wie etwa die Auswertung von Computerdaten oder die Besetzung der Pressestelle. Oder eben im Erkennungsdienst.

„Es gibt viele Bereiche innerhalb der Polizei, wo die Regierungsbeschäftigten wertvolle Entlastung leisten können, auch in Kriminalkommissariaten“, sagt Angela Jansen.

Hans Pöttgens ist vor fast drei Jahrzehnten durch seine Leidenschaft für die Fotografie von der Post zur Polizei gekommen. „Und ich habe es nie bereut – auch, wenn man bei bestimmten Einsatzlagen mal nachts aus dem Bett geklingelt wird“, sagt er. Damals, in Zeiten der analogen Fotografie, suchte die Behörde jemanden, der im Erkennungsdienst die Fotos von Tatverdächtigen anfertigt, Fingerabdrücke nimmt und Merkmale und Daten der Personen erfasst.

Das Fachwissen im Bereich Fotografie brachte er mit, in verschiedenen Lehrgängen erhielt er die weiteren Qualifikationen, die er für die neue Stelle bei der Polizei benötigte. Inzwischen sei er aus dem Team gar nicht mehr wegzudenken, sagen seine Kollegen unisono. Doch vor drei Jahrzehnten war er einer der wenigen, der als nicht ausgebildeter Polizeibeamter bei der Polizei „mitspielen“ durfte – die Verwaltungsmitarbeiter mal ausgenommen.

Nachrücker fehlen

In den vergangenen Jahren aber setzt das Land NRW vermehrt auf die Einstellung von Regierungsbeschäftigten. „Dahinter steht die Überlegung, dass nicht für alle Aufgaben, die die Polizei erledigt, unbedingt ein ausgebildeter Polizeibeamter notwendig ist“, erklärt Angela Jansen. Denn auch bei der Polizei gibt es durch den demografischen Wandel ein Personalproblem – junge Polizeibeamte, die von den Hochschulen aus in den aktiven Dienst starten, rücken nicht so schnell nach, wie die Altgedienten aus dem Dienst ausscheiden. „Dadurch, dass Regierungsbeschäftigte Verwaltungs- oder Spezialaufgaben übernehmen, bietet sich für die klassischen Polizeivollzugsbeamten wieder die Möglichkeit, mehr Aufgaben im operativen Bereich wahrnehmen zu können. Damit werden sie auf der Straße präsenter, um vor Ort ihre Kernaufgaben zu erfüllen“, sagt Angela Jansen.

 Nicht allen innerhalb der Polizei gefiel dieser Vorstoß der NRW-Regierung zunächst. Zu den Skeptikern, so räumt er ein, gehört auch Heinrich Kaumanns, Leiter der Direktion Verkehr, als ihm im vergangenen Jahr mitgeteilt wurde, dass künftig zwei Angestellte mit dem berühmt-berüchtigten und bei vielen Autofahrern verhassten ESO-Wagen unterwegs sind und Geschwindigkeitsmessungen durchführen würden. „Angestellte, die ureigene Aufgaben der Polizeibeamten erfüllen – das ist doch eine Geringschätzung unserer Arbeit“, habe er geschimpft. Und mit ihm viele andere Kollegen.

Seine Meinung von damals habe er völlig revidieren müssen, gibt er heute zu und haut dem Eugen Becker, dem Regierungsbeschäftigten in seinem Team, anerkennend auf die Schulter. Becker ist 29 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und hat bis vor einem Jahr noch in einer Autowerkstatt als KFZ-Mechatroniker an Motoren geschraubt. Heute ist er mit dem „Blitz-Wagen“ in der Region unterwegs. „Und er ist eine echte Bereicherung für das Team“, sagt Kaumanns. Nicht nur, weil er den Kollegen den Rücken für hoheitliche Aufgaben freihalte. Sondern, weil er mit seiner Berufserfahrung als Mechatroniker noch besonderes Fachwissen mitbringe, das Polizisten nicht haben.

„Bei einer Verkehrskontrolle sieht er beispielsweise beim ersten Blick unter die Motorhaube, ob etwas getunt wurde“, sagt Kaumanns. „Auch für uns als Polizei ist es an vielen Stellen gut und sinnvoll, sich Fachwissen von Außen reinzuholen, Menschen, die Experten auf ihrem eigenen Gebiet sind“, stimmt dem auch Angela Jansen zu.

Als Polizist, so sagt Becker, fühle er sich nicht – allerdings als vom Team voll anerkannt. Und dass er keine Uniform trägt, stört ihn gar nicht. „Die muss man sich in der Polizeiausbildung verdienen – und das zu Recht“, findet er.

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