Alexander Schmitz aus Erkelenz: Schlaflos im Fahrradsattel durch Oman

Zuhause auf der Ultra-Distanz : Schlaflos im Fahrradsattel durch Oman

Der 55-jährige Alexander Schmitz ist ein Ultra-Distanz-Fahrer. Er gehört zu einer eingeschworenen Gemeinschaft von Radsportlern, bei denen der Spaß erst richtig losgeht, wenn andere bereits vor etlichen Stunden ihren Drahtesel wieder in die Garage geschoben haben.

Entspannt und ausgeruht sitzt Alexander Schmitz am Esstisch in seinem beschaulichen Heim, das er mit seiner Familie in Erkelenz bewohnt. Wenn er durch die Terrassentür blickt, schaut er gleich auf einen großen Teich in seinem Garten. Doch so idyllisch die Szenerie auch sein mag, immer wieder zieht es den 55-Jährigen in die Ferne. Und das nicht etwa als Pauschaltourist, der sich per Bus gemütlich zu den Sehenswürdigkeiten des Landes kutschieren lässt. Nein, Alexander Schmitz zieht einen harten, schmalen Fahrradsattel vor und packt nur das wirklich Allernötigste ein, wenn er auf Tour geht.

Mit 16 Jahren ging’s los

„Meine Mutter kommt vom Bodensee, da sind wir in Kindertagen immer mit dem Auto hingefahren“, erzählt Alexander Schmitz von den Anfängen seiner Leidenschaft. Als er sich mit 16 Jahren erstmals anschickte, die 550 Kilometer lange Strecke bis nach Sigmaringen mit dem Rad in Angriff zu nehmen, sei dies beileibe nicht auf helle Begeisterung bei seinen Eltern gestoßen. „Mein Vater hat damals gesagt, wenn Du im Krankenhaus landest, kommen wir Dich nicht holen.“ Die sorgenvolle und sicher nicht wirklich ernst gemeinte Drohung konnte den Filius allerdings nicht von seinem gewagten Vorhaben abbringen. Um dem Vater zu beweisen, dass er es schaffen könne, legte er zuvor schon einmal probehalber die 110 Kilometer lange Strecke bis nach Kevelaer zurück.

Die Strapazen sind Alexander Schmitz am Ziel deutlich anzusehen. Trotzdem macht sich ein Glücksgefühl breit. Foto: Alexander Schmitz

„Hochprofessionell ausgestattet“, mit einem einfachen Tourenrad, einem Seesack hinten drauf, Graubrot und Landjäger im Gepäck ging es schließlich los in Richtung Bodensee. Als er nach dreieinhalb Tagen und ein paar Übernachtungen in Jugendherbergen tatsächlich am Zielort ankam, war es quasi um den Youngster geschehen. „Dann hatte ich tatsächlich Blut geleckt“, erinnert sich der heutige Beamte, der nahezu jeden Tag mit seinem Fahrrad zu Trainingszwecken die über 50 Kilometer lange Reise zu seinem Arbeitsplatz nach Düsseldorf antritt.

Schon die Heimreise vom Bodensee nutzte der 16-Jährige, um noch einen „kleinen Abstecher“ zu machen. Zu den Rheinfällen nach Schafhausen führte ihn der Weg, ehe er am Rhein entlang Richtung Heimat strampelte. Insgesamt rund 900 Kilometer absolvierte er in fünf Tagen.

Auf dem Weg nach Muscat gönnte er sich nur eine kurze Pause an einer Bushaltestelle. Foto: Alexander Schmitz

Wer nun schon beim bloßen Lesen einen stechenden Schmerz in der Wade zu vernehmen glaubt oder sich bildende Schwielen am Gesäß, dem sei gesagt, das waren erst die vergleichsweise kindlichen Anfänge einer Begeisterung, die in sportliche Höchstleistungen münden sollte. Ein Jahr nach der „Jungfernfahrt“ zum Bodensee folgte gleich eine Mittelmeer-Tour über 1000 Kilometer von Lugano über Mailand und Genua bis nach Nizza und wieder zurück. Bis zum heutigen Tag hat Alexander Schmitz über 150.000 Kilometer in den Beinen. Dass er zwischen 1982 und 1996 auch noch in der Triathlonszene am Start war und hier mit der Teilnahme am Ironman auf Hawaii im Jahr 1988 sein Highlight erlebte, sei nur am Rande erwähnt.

Der Reiz einer Traditionsstrecke

„Ich habe 1995 eine Rennradzeitung abonniert, in der ich von dem historischen Langstrecken-Rennen über 1200 Kilometer von Paris nach Brest und wieder zurück erfuhr, das 1891 erstmals stattfand.“ Um hier im August des selben Jahres teilnehmen zu dürfen, musste Schmitz sich noch im Frühjahr über Strecken von 200, 300, 400 und 600 Kilometer qualifizieren. Am Ende legte er die Traditionsstrecke mit einer Zeitvorgabe von 96 Stunden in nur 59 Stunden zurück und wurde 180. von 3000 Teilnehmern.

So entspannt sieht Alexander Schmitz aus, wenn er nicht gerade hunderte Kilometer in den Beinen hat. Foto: Alexander Schmitz

Danach hat er übrigens auch noch einmal die Strecke zum Bodensee hinter sich gebracht, diesmal allerdings in nur 22 Stunden statt dreieinhalb Tagen. Mittlerweile ist er nicht nur in Deutschland, Frankreich oder Italien in die Pedale getreten, sondern auch auf den Kanaren, Korsika oder in Norwegen. Zuletzt war er beim Bikingman in Oman am Start. Im Norden von Muscat begab sich das 100-köpfige Teilnehmerfeld auf die 1040 Kilometer lange Strecke. 300 Kilometer davon führten durch die Wüste mit bis zu 40 Grad Hitze. „Ich habe auf der Strecke 22.000 Kalorien verbrannt und nur eineinhalb Stunden geschlafen.“

Nach 52 Stunden war der Erkelenzer am Ziel. „Als Zwölfter und erster Deutscher überhaupt.“ Der Sieger, ein junger Mann aus Peru, habe sich gar keine Pause gegönnt und sei schon nach kaum vorstellbaren 38 Stunden über die Ziellinie gefahren.

Wie eine solche Mammutleistung eigentlich zu vollbringen ist? „Alles am Ende reine Kopfsache“, meint Alexander Schmitz. Na ja, ein bisschen mehr dürfte denn schon nötig sein.

Sein nächstes Ziel hat der Ultra-Distanz-Fahrer übrigens auch schon ins Auge gefasst. Im nächsten Jahr soll’s 1200 Kilometer durch Taiwan gehen.