Afghanische Jungs in Heinsberg geheilt

Afghanische Jungen : Nach einer Odyssee in Heinsberg geheilt

Cihan und Irfan aus Afghanistan werden mit Verletzungen und Entzündungen aus dem Friedensdorf in Oberhausen ins Heinsberger Krankenhaus eingeliefert. Nach einer monatelangen Behandlung mit zahlreichen Operationen geht es ihnen wieder besser.

Wer in ihre strahlenden Gesichter sieht, kann sich heute kaum mehr vorstellen, was Cihan und Irfan aus Afghanistan schon mit ihren jungen Jahren durchgemacht haben. Bei beiden Kindern wurde nach einer Odyssee erst in Heinsberg eine chronische Knochenentzündung diagnostiziert. Während diese bei Irfan durch einen Unfall und einen anschließenden offenen Bruch mit freiliegendem Knochenfragment herrührte, lag die Ursache für die Entzündung bei Cihan völlig im Unklaren. Medizinische Unterlagen zu früheren Behandlungen? Fehlanzeige!

Welch ein Glück, dass sich die humanitäre Organisation „Friedensdorf International“ der beiden Jungen annahm und das Städtische Krankenhaus in Heinsberg dazu gewann, ihnen zu helfen - über Monate hinweg und kostenlos.

„Den ersten Kontakt zum Friedensdorf in Oberhausen hatten wir im Jahr 1994“, erinnert sich der Geschäftsführer des Krankenhauses, Heinz-Gerd Schröders. Wer damals zuerst auf wen zugegangen sei, weiß er allerdings nicht mehr so genau. Fest steht jedoch, dass seit dieser Zeit immer wieder Kindern aus Afghanistan geholfen werden konnte. „Es handelte sich stets um Verletzungen aus kriegerischer Einwirkung oder aufgrund von Unterversorgung“, sagt Schröders.

Auch Cihan und Irfan litten in ihrer Heimat lange unter den schwerwiegenden Verletzungen, die vor Ort nicht adäquat behandelt werden konnten. In Heinsberg durchliefen die Jungen dann das komplette medizinische Programm. Nach einer Vorstellung und Erstversorgung im Februar dieses Jahres folgten über die nächsten Monate hinweg Untersuchungen, Diagnosen, Operationen und mehrere Aufenthalte in der Klinik.  Cihan wusste für die Ohren der Heinsberger Ärzte geradezu Abenteuerliches zu berichten. Demnach war er in Afghanistan bei einem so genannten Heiler aufgrund angeblicher Wachstumsschmerzen „gestreckt“ worden. Ob die Entzündung dadurch ausgelöst wurde oder schon bestand und fälschlicherweise als Wachstumsschmerz angesehen wurde, konnte von den Medizinern nur vermutet werden.

Nach aufwändigen mikrobiologischen Analysen und MRT zur Überprüfung von Struktur und Funktion des Gewebes konnten schließlich zwei Entzündungsherde lokalisiert und operativ entfernt werden. Darauf folgte eine Langzeit-Antibiotikumtherapie über einige Monate, in denen Cihan im Friedensdorf in Oberhausen lebte und für die Nachsorge immer wieder ins Krankenhaus nach Heinsberg kam.

„Mit dem Therapieverlauf können wir sehr zufrieden sein“, stellt Dr. Claus Cieslok, Chefarzt der Chirurgie für Unfallchirurgie und Orthopädie, fest. „Die Entzündung ist vollständig verheilt. Die Gefahr einer lebensgefährlichen Blutvergiftung oder chronischen Knochenmarksentzündung, die Cihan im schlimmsten Fall sein Bein gekostet hätte, konnten wir abwehren.“

„Die Kinder gehen von uns zurück ins Friedensdorf und werden dann soweit betreut, auch medikamentös, dass sie bei der Rückreise in ihre Heimat beschwerdefrei weiterleben können“, sagt Schröders. Cihan ist mittlerweile schon wieder bei seinen Eltern und den drei Geschwistern in Kabul angekommen.

Langwieriger gestaltet sich die vollständige Genesung des achtjährigen Irfan, da der Eingriff ungleich komplizierter war. Das freiliegende Knochenfragment und bereits abgestorbene Knochenteile mussten entfernt und durch einen Knochenersatzstoff ausgetauscht werden. Ein externer Fixateur – ein durch die Haut befestigtes Haltesystem aus Carbon – stabilisiert die Knochenteile. „Die Entzündung war bei Irfan bereits so weit fortgeschritten, dass das Wachstum seines Beines gefährdet war und letztlich damit seine Gehfähigkeit. Ohne die durchgeführte Therapie hätte Irfan in ein paar Jahren nicht mehr laufen können – wenn nicht die Entzündung schon vorher noch Schlimmeres angerichtet hätte“, zeichnet Cieslok ein düsteres Bild, das leider nur zu oft Realität für Kinder aus Kriegsgebieten ist. Doch Irfan hatte Glück. Bald darf auch er die Heimreise zu seiner Familie nach Afghanistan antreten und mit seinen Geschwistern wieder schmerzfrei Fußball spielen.

Die Kosten für den mehrwöchigen Aufenthalt der beiden Kinder, die Operationen, Untersuchungen und  Medikamente sowie Materialien seien zwar „nicht unerheblich, aber als gemeinnützige Einrichtung sehen wir hier eine gesellschaftliche Verpflichtung, zu helfen“, erklärt  Schröders das Engagement. „Es ist interessant zu beobachten, dass unsere Mitarbeiter über Sprachbarrieren hinweg schnell eine Zuneigung zu den Kindern entwickeln und häufig Geschenke, Kleidung und Spielsachen mitbringen.“

Dass der Einsatz eine lohnende Erfahrung sei, kann Pflegedienstleiter Hans-Josef Jöris nur bestätigen. „Die Jungs haben unsere Kolleginnen und Kollegen auf der Station ganz schön auf Trab gehalten“, schmunzelt er. „Aber wir haben auch viel positive Energie zurück bekommen.“

Bürgermeister Wolfgang Dieder als Verwaltungsratschef des Krankenhauses dankt in dem Zusammenhang allen Mitarbeitern des Krankenhauses sowie den ehrenamtlichen Helfern für ihren Einsatz; so zum Beispiel den Dolmetschern oder Simone Wellens, die viele Stunden in ihrer Freizeit mit den Jungen aktiv war.