Kreis Heinsberg: 1959 ernährte ein Hof 13, heute 130 Leute

Kreis Heinsberg: 1959 ernährte ein Hof 13, heute 130 Leute

Vorbei sind die romantischen Zeiten, als der Bauer im Märzen die Rösslein anspannte. Genmais, intensive Landwirtschaft, Flächenverbrauch, Massentierhaltung und mehr — im Gespräch mit Bernhard Conzen beackern wir das breite Themenfeld, dem sich der Landwirt von heute gegenübersieht.

Der Gangelter ist Vorsitzender der Kreisbauernschaft, Vizepräsident des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes und Vizepräsident der Europäischen Rübenbauern.

Bernhard Conzen sieht in der Gentechnologie durchaus Vorteile, doch letztlich entscheide der Verbraucher. Foto: dawin

Ist Genmais für Sie eine Alternative zum konventionell gezüchteten Mais?

Seinen Acker könnte der Landwirt heute per High-Tech führerlos pflügen lassen. Doch die Flächen reduzieren sich immer weiter. Foto: stock/Rust

Conzen: Wenn wir den Umweltschutz ernst nehmen, ist Genmais eindeutig eine Alternative. Wenn die Pflanze in der Lage ist, sich gegen Schädlinge, in dem Fall gegen den gefährlichen Maiszünsler und Wurzelbohrer, selbst zu wehren, dann ist das eine positive Feststellung und spricht für die Gentechnologie. Andernfalls müssten bei Befall chemische Spritzmittel eingesetzt werden, die sich negativ auf Boden, Pflanze und nützliche Insekten auswirken.

Aber wie sich der genmanipulierte Mais auf den tierischen und damit auch menschlichen Organismus auswirkt, weiß man nicht.

Conzen: Sicher kann man das noch nicht genau sagen. Allerdings hat man in den USA, in denen die Gentechnologie in der Landwirtschaft seit Langem eingesetzt wird, bislang keine Auffälligkeiten festgestellt. Aber eines ist klar: Will der Verbraucher keine gentechnisch veränderten Produkte, werden die Landwirte das akzeptieren. Wir im Kreis Heinsberg stehen für gesunde und hochwertige Produkte. Ich denke allerdings, in zehn, 20 Jahren werden auch in Deutschland Gen-Produkte selbstverständlich sein.

Wie sieht es mit der Gentechnologie im Kreis Heinsberg aus?

Conzen: Gott sei Dank sind wir in der Region nicht noch von dem Maiszünsler oder Wurzelbohrer bedroht, da stellt sich die Frage nach dem Mais mit dem insektentoleranten Gen nicht. Aber wir können auch hierzulande nicht so tun, als würden wir auf der Insel der Glückseligen leben. Wir sind Importweltmeister von landwirtschaftlichen Produkten. Und 90 Prozent des Sojaanbaus in der Welt etwa sind gentechnisch gesteuert. Das schlägt sich natürlich auch in den Lebensmitteln nieder, die aus aller Welt bei uns in den Regalen landen. Die Landwirte im Kreis verwenden allerdings kein Gen-Futter. Konventionelles Futter bedeutet aber: Die Kosten betragen mehr als das Doppelte. Der Verbraucher ist bereit, den höheren Preis mitzutragen. Noch. Der Preiskampf im Zuge der globalen Konkurrenz könnte uns aber irgendwann dazu zwingen, den weitaus günstigeren Genmais zu verwenden. Der Weg wird uns dann vom Verbraucher vorgegeben. Die Landwirte sind Dienstleister und folgen der Nachfrage.

Dienstleister in einer industriellen Agrarwirtschaft? Die Romantik vom Bauern, der im März die Rösslein anspannt, ist doch längst dahin.

Conzen: Das kann man so nicht sagen. Schließlich gibt die Natur nach wie vor den Takt vor, sagt uns, wann wir zum Säen und Ernten rausfahren können. Natürlich unterscheiden wir uns heute durch gezielten Pflanzenanbau, durch ausgetüftelte Züchtung und durch Technik beziehungsweise Forschung ganz gewaltig von der Landwirtschaft der 50er und 60er Jahre. Da hieß es noch: Pap het dat so gedoan. Heute haben wir Computer, und 20 Prozent der Betriebsleiter sind inzwischen akademisch gebildet. Der Spruch „Der dümmste Bauer hat die dicksten Kartoffeln“ stimmt nicht mehr.

Die Massentierhaltung hat aber durchaus eine industrielle Note.

Conzen: Das ist eine furchtbare Entwicklung, die die Landwirtschaft nicht immer in einem guten Licht erscheinen lässt. Aber man muss auch sagen, dass Massentierhaltung unter sorgsamer Beachtung der Hygienevorschriften grundsätzlich nicht anzuprangern ist. Und eines ist auch klar: Letztendlich forciert der Verbraucher diese Art der Tierhaltung. Je mehr Schweine, Hühner oder Rinder im Stall, desto effizienter die Aufzucht und preisgünstiger das Fleisch. Die Geiz-ist-geil-Mentalität schlägt sich also auch in den Ställen nieder.

Die Grünen hätten lieber eine extensive als eine intensive Landwirtschaft. Wie sehen Sie das?

Conzen: Funktionieren kann unter heutigen und hiesigen Verhältnissen nur die intensive Landwirtschaft. Die zu bearbeitende Fläche wird nämlich von Tag zu Tag weniger. Wir versiegeln in NRW für Baugebiete, Straßen und so weiter pro Tag 15 Hektar Ackerfläche. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Allein für die neue Bundesstraße 56 zwischen Janses Mattes und der niederländischen Grenze werden 100 Hektar landwirtschaftliche Fläche asphaltiert. Das entspricht der Fläche zweier Durchschnittsbetriebe, die damit platt gemacht wurden. Daher kann nur gelten: Wir müssen mehr Intensität auf weniger Fläche erreichen, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. 1959 ernährte ein Bauer 13 Menschen, heute sind es 130. Anbau, Züchtung und Technik auf modernem Standard sind dabei die Säulen.

(dawin)