Zwei fast identische Fälle am Geilenkirchener Gericht

Zwei Fälle am Geilenkirchener Gericht : Wilde Messerattacken statt Sex

„Morgens um 7 ist die Welt noch in Ordnung“ heißt eine Filmkomödie, die 1968 in die Kinos kam. 1968 war die Welt zwar eine etwas andere, aber geliebt und gestritten wurde auch damals schon. Die beiden „Paare“, um deren Lieben und Streiten es hier geht, waren bei der Filmpremiere noch gar nicht geboren.

Die vier jungen Menschen trafen sich im Amtsgericht Geilenkirchen bei Richter Thomas Schönig. In zwei aufeinander folgenden Verhandlungen ging es um zwei fast identische Fälle.

Morgens um 7 Uhr vor anderthalb Jahren war die Welt von Paar 1 schon dermaßen aus den Fugen, dass es reif war für eine Behandlung in der Gangelter Psychiatrie. Kokain und Alkohol zu so früher Stunde hatte vor allem dem nun angeklagten Partner so schwer zugesetzt, dass er komplett neben sich stand. Eigentlich hatte das Paar an diesem Morgen miteinander schlafen wollen, doch ein „Geräusch“ hatte abrupt die Gefühle zum Erliegen gebracht.

Der junge Mann war wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen. Er hatte ein Messer geholt. Mit dem Messer hatte er seiner Partnerin die Wäsche zerschnitten. Dann hatte er die Klinge sich selbst und auch seiner Freundin an die Kehle gesetzt. Mit dem Messer hatte er sich ins Bein gestochen und dann so wild die Couch malträtiert, dass die Klinge zerbrach. Sie habe an diesem Tag um ihr Leben gefürchtet, gab die junge Frau an.

Der Angeklagte war wohl so irritiert von seinem Verhalten gewesen, dass er die Eltern seiner Freundin herbeigerufen hatte. Das Paar war, nach kurzer Erholungsphase, schließlich gemeinsam nach Gangelt gefahren. Dort habe man allerdings eine Aufnahme des Mannes in die Psychiatrie wegen fehlender Dringlichkeit verweigert.

Die junge Frau schilderte, aufgrund dieses Vorfalls noch lange Panikattacken gehabt zu haben. Der Angeklagte hatte sich Gedanken über seinen geistigenZustand gemacht und war zu dem Schluss gekommen, dass er sich „mega schnell“ in die Ecke gedrängt fühle und dann aggressiv werde, aber nur aus Angst. Seine Kindheit spiele sicherlich eine Rolle, wenn man sein Verhalten ergründen wolle.

Aufgrund des Verlaufs dieser seltsamen Geschichte, bei der ja nicht das Opfer, sondern der Täter verletzt worden war, rang sich das Gericht schweren Herzens dazu durch, den Fall einzustellen. Es kam noch zu einer Entschuldigung des Angeklagten gegenüber seiner ehemaligen Freundin im Gerichtssaal. Dazu erhob sich der junge Mann feierlich und sprach den schönen Satz: „Ich hoffe, dass Du doch irgendwann ein bisschen Platz in Deinem Herzen hast, um mir zu vergeben.“ Die Botschaft blieb nicht unerhört.

Depressionen

Die Welt von Paar 2, das danach vor des Richters Pult trat, war ebenfalls gründlich auf den Kopf gestellt worden. Auf der Anklagebank saß ein junger Mann, der als Staplerfahrer und Küchenhelfer gearbeitet hatte und nun unter Vormundschaft steht. Sein Verteidiger erklärte, sein Mandant leide unter Depressionen, einer Persönlichkeitsstörung und etwas, das der Rechtsanwalt aber auf dem ärztlichen Attest nicht entziffern konnte. Zudem entstamme er schwierigen Familienverhältnissen. Auch in dieser Paarbeziehung war ein Messer zum Einsatz gelangt.

Der Angeklagte hatte es in der gemeinsamen Geilenkirchener Wohnung ergriffen und damit rumgefuchtelt. „Raus mit Dir“, soll er dazu laut Aussage der Partnerin geschrien haben. Ihr Partner sei stets eifersüchtig gewesen, erklärte die 22Jährige. Er habe heftige Aussetzer gehabt, die immer schlimmer geworden wären, „sonst ist er aber ein sehr netter Mensch.“

Beim Versuch, ihrem Partner das Messer abzunehmen, sei es zu einer Schnittwunde an ihrem Oberarm gekommen. Richter Schönig stellte daraufhin fest, dass nach dieser Darstellung wohl eher eine fahrlässige als eine gefährliche Körperverletzung in Betracht komme.

Tierschützer werden es nicht gerne hören, aber das Gericht erklärte, dass diese glimpflich verlaufene Messerattacke schwerer wiege, als der Tatvorwurf in Bezug auf zwei Katzen. Noch vor der Messerattacke im Juni 2018 hatte der Angeklagte, nachdem seine Freundin einmal die gemeinsame Wohnung verlassen hatte, sich wohl stellvertretend die beiden Katzen vorgenommen. Die Katzen hatte er getreten und geschlagen und einer zudem das Fell verbrannt.

Die eine Katze war an den Verletzungen verstorben, die andere war mit Brandwunden und Knochenbrüchen davongekommen. Zum Konglomerat der Straftaten kam noch ein Ladendiebstahl in einem Supermarkt hinzu. Noch am Tag vor der Verhandlung hatte das Paar Kontakt gehabt. Richter Thomas Schönig verlas das Gesprächsprotokoll vom Handy der Freundin, als sich Uschi meldete. „Soll ich dran gehen“, fragte Schönig. Schönig erklärte Uschi dann, dass ihre Freundin gerade nicht sprechen könne, da sie vor dem Richter stehe. Uschi legte daraufhin auf. Schönig: „Jetzt wird Uschi wohl sauer sein.“

Da zumindest eine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten in Betracht kommt, wie Richter, Verteidiger und Staatsanwältin übereinstimmend erkannten, muss vor der Fortsetzung der Verhandlung ein Gutachter den jungen Mann untersuchen. Bis zum nächsten Verhandlungstermin verbot Richter Schönig dem Angeklagten jeglichen Kontakt mit seiner Ex-Freundin. Und auch der Freundin riet er, sich vom Angeklagten fern zu halten. Schönig: „Das wäre nicht gut für dieses Verfahren, aber auch nicht gut für Sie.“

Mehr von Aachener Nachrichten