Unsicherheit nicht nur in England: „Wir wünschen uns endlich Klarheit“

Unsicherheit nicht nur in England: „Wir wünschen uns endlich Klarheit“

Kommt doch noch ein harter Brexit? Für 500 britische Staatsbürger im Kreis Heinsherg ist diese Frage entscheidend. Kenneth Howey will auf jeden Fall auch weiterhin britischer Staatsbürger bleiben.

Seit 1962 lebt der gebürtige Brite Kenneth Howey bereits in Geilenkirchen. „Obwohl ich schon so lange hier lebe, bin ich im Herzen noch immer ein Engländer. Schließlich bin ich in England geboren und aufgewachsen“, sagt der 85-Jährige mit einem charmanten britischem Akzent. Zurück in seine Heimatstadt South Shields im Norden Englands möchte er trotzdem nicht. „Ich habe hier meine Familie“, so der Rentner.

Daher schlug sein Herz in der vergangenen Woche auch deutlich schneller, als er einen Brief vom Kreis Heinsberg in den Händen hielt. Der Inhalt des Schreibens: Was britische Staatsbürger im Kreis tun müssen, wenn der Brexit kommt. „Wir waren zunächst besorgt, dass Ken in Alter und Krankheit wieder zurück nach England muss“, so seiner Frau Annemie.

Am 29. März endet nämlich nach genau zwei Jahren der britischen Austrittsmitteilung die Mitglied-
schaft Großbritanniens in der EU. Ob es zu einem geregelten oder ungeregelten Austritt kommt, ist zurzeit noch nicht klar. Für Kenneth Howey und die anderen rund 500 britischen Staatsbürger im Kreis Heinsberg ist dies jedoch bedeutsam. Sollte es zu einem geregelten Austritt kommen, würde sich in einem Übergangszeitraum bis zum 31. Dezember 2020 nichts ändern, und britische Staatsbürger würden wie EU-Bürger weiterhin erst einmal Freizügigkeit genießen.

Sofern es jedoch zu einem ungeregelten Austritt kommen würde und das geplante Austrittsabkommen scheitern sollte, würden britische Staatsbürger ab dem 30. März  zu Drittstaatsangehörigen werden, ihr Freizügigkeitsrecht verlieren und einen Aufenthaltstitel benötigen.

Zur Vermeidung von Härten beabsichtigt die Bundesregierung, dass bisher freizügigkeitsberechtigte britische Staatsangehörige für eine Übergangszeit von zunächst drei Monaten ohne weitere ausländerrechtliche Maßnahmen in Deutschland leben und arbeiten können wie bisher.  Bis zum Ende der Übergangszeit am 30. Juni müssen britische Staatsbürger für den weiteren Aufenthalt in Deutschland dann bei der zuständigen Ausländerbehörde einen Antrag auf Erteilung eines Aufenthaltstitels stellen. Bis zur Entscheidung über den Antrag bleiben der Aufenthalt sowie die Ausübung jeder Erwerbstätigkeit erlaubt.

„Als wir das dann verstanden hatten, haben wir uns wieder ein wenig beruhigt“, erzählt Annemie Howey. „Unser Sohn wird im Fall der Fälle einen Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis stellen.“ Kenneth Howey liebt seine Heimat, daher will er trotz allem auch weiterhin britischer Staatsbürger bleiben. Die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, stand für ihn bisher nicht zur Debatte.

Mit Anfang 20 diente der gelernte Werkzeugmacher beim britischen Militär und war für zwei Jahre in Teveren stationiert. „In dieser Zeit lernte ich meine Frau kennen und lieben“, verrät der Brite. Nach einer mehrjährigen Fernbeziehung zog er schließlich für die Liebe nach Deutschland:„Ich habe diesen Entschluss nie bereut.“ Der Start in dem fremden Land war allerdings nicht leicht: Kenneth Howey sprach zu Beginn kein Wort Deutsch. Zum Glück konnte seine Frau durch ihre Arbeit aber schon damals gut Englisch. „Ich habe dann erst einige Monate als Schlosser gearbeitet“, blickt Kenneth Howey zurück. „Später war ich erst Werkzeugmacher und dann in der Qualitätssicherung bei Schlafhorst.“

In England hat Kenneth Howey eine Schwester: „Wir haben regen Kontakt und besuchen uns gegenseitig.“ Auf diesen Reisen hat Annemie Howey ihre Liebe zu England entdeckt. „Ich schwärme für alte Sachen“, sagt sie und deutet auf ihre zahlreichen kleinen antiken Schätze im heimischen Wohnzimmer. „In England wurde anders als bei uns vieles erhalten.“ Sie schlendert gerne durch die kleinen verträumten Gassen, besucht Pubs und geht in der weiten Landschaft spazieren: „Wenn der Rhododendron blüht, ist es einfach nur traumhaft.“

Deutschland den Rücken kehren will sie aber trotzdem nicht. „Ich hatte immer Angst, irgendwann Heimweh zu bekommen“, verrät die Geilenkirchenerin. Auch sei in England zwar vieles unbürokratischer und lockerer, aber die medizinische Versorgung sei auch auf einem anderen Stand. Mit Blick auf sein Alter sei ihr Mann ihrer Meinung nach in Deutschland einfach besser aufgehoben.

Aktuell verfolgt das Ehepaar die Nachrichten rund um den Brexit gebannt im Fernsehen. „Aber da steigt ja keiner mehr richtig durch. Dieses ständige Hin und Her“, sagt Kenneth Howey. Von der Entscheidung für den Austritt aus der EU sei er vor zwei Jahren völlig überrascht gewesen. „Das ist doch Blödsinn“, so der sonst eher zurückhaltende Brite geradeheraus. In der EU sei Großbritannien besser dran. „Ich wünsche mir vor allem endlich Klarheit, wie es nun weitergeht“, fügt seine Frau hinzu.

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