Übach-Palenberg: „Wir wollen die Frauen seelisch aufbauen”

Übach-Palenberg: „Wir wollen die Frauen seelisch aufbauen”

Es ist ein schmaler Grat zwischen Leid und Freude, auf dem sich Gerti Windeck seit über 20 Jahren bewegt. 1982 trat sie der frisch gegründeten Frauenselbsthilfegruppe nach Krebs e.V. in Geilenkirchen und Übach-Palenberg bei, 1985 wurde sie stellvertretende Leiterin, 1992 schließlich Gruppenleiterin und die ist sie bis heute geblieben.

Im Jahr 1999 wurde Windeck für ihr Engagement bereits mit der Goldenen Ehrennadel der Stadt Übach-Palenberg ausgezeichnet.

Zur Zeit sind es rund 30 Frauen von 38 bis 90 Jahren, die regelmäßig zu den Gruppentreffen erscheinen - alle aus dem Kreis Heinsberg. Die nächste Gruppe gibt es erst wieder in Aachen.

Die Zahl der Menschen, die Windeck insgesamt ehrenamtlich betreut, schätzt sie auf etwa 90. Hinzu kommen noch die Frauen und Männer, die telefonisch und meist anonym mit ihr in Kontakt treten. Windecks Kontaktadresse erhalten sie von Ärzten und Krankenhäusern.

Die Frauen in der Selbsthilfegruppe leiden zu 80 Prozent unter Brustkrebs. „Viele sind sehr in ihrer Krankheit gefangen, aus dieser seelischen Krise wollen wir ihnen heraushelfen”, erklärt die 75-Jährige das Anliegen. „Meistens fallen die Frauen nach der Chemotherapie oder Bestrahlung in ein tiefes Loch”, führt Windeck aus.

Viele fühlten sich in ihrem näheren Umkreis nicht verstanden, hätten mit Vorurteilen und Zurückweisungen zu kämpfen. „Du kannst jetzt nicht kochen, du hast doch Krebs”, seien typische Sätze, die sie zu hören bekommen. Zudem zerbreche jede dritte Ehe an der Krankheit Brustkrebs, viele Ehemänner würden Intimitäten ablehnen, die Frauen litten häufig unter Minderwertigkeitsgefühlen.

Auch unmittelbar nach der Diagnose sitze der Schrecken tief. „Für viele bedeutet die Diagnose ihr Todesurteil, sie denken: âJetzt muss ich sterben. Wir wollen ihnen Hoffnung geben, ihnen zeigen, dass sie eine Chance auf Leben haben und ihnen ihr Selbstwertgefühl wiedergeben.”

Gerti Windeck weiß, wovon sie spricht. 1975, mit erst 38 Jahren, erkrankte sie selbst an Brustkrebs, ein paar Jahre später folgte ein Herzinfarkt. Von heute auf morgen wurde die damalige Näherin zur Rentnerin. Harte Schicksalsschläge. Wenn sie da die Gruppe nicht gehabt hätte, wäre sie verloren gewesen, glaubt sie heute. „Das war keine schöne Zeit, aber da muss man durch.”

Den Frauen diese schwere Phase zu erleichtern, das will Gerti Windeck. Sie wirkt stark, man kann sich sehr gut vorstellen, wie sie anderen Betroffenen Mut macht. Dabei ist ihr das nicht immer leicht gefallen, gibt sie zu. Vor etwa fünf Jahren war sie an einem Tiefpunkt angelangt.

„In diesem Jahr gab es sieben Todesfälle. Wenn man diese Frauen jahrelang betreut hat, und dann an ihrem Grab steht, steckt man das nicht so einfach weg.” Und dann? „Mein Mann hat die Koffer gepackt, wir sind weggefahren.” Danach wurde in der Gruppe getrauert und schließlich akzeptiert: „Das ist das Leben.” Gerti Windeck hat nicht aufgegeben, denn es gab und gibt ebenso viele Glücksmomente.

Ein Beispiel: Eine junge Frau sei zum ersten Mal zum Gruppentreffen erschienen, erinnert sich Windeck: „Sie stand da, wie vom Donner gerührt, wollte nichts essen und nichts trinken. Dann haben wir eine Stunde geredet und sie sagte: Jetzt nehme ich doch eine Tasse Kaffee und versprach, beim nächsten Mal wieder zu kommen. ”Nicht alle könnten mit der meist fröhlichen Atmosphäre bei den Gruppentreffen und Ausflügen umgehen.

„Wie könnt ihr denn lachen und singen?”, würden manche Erkrankte und Außenstehende fragen und auf Distanz gehen. Gerade diese Fröhlichkeit sei doch wichtig, erklärt Windeck: „Wir wollen die Frauen seelisch aufbauen. Da kann man ja nicht zwei Stunden lang nur über Krebs reden, das deprimiert ja. Bei uns kommen die Frauen oft weinend rein, und gehen lachend wieder raus.”

Als Leiterin der Selbsthilfegruppe darf Windeck keine medizinischen Tipps geben. Dafür sind die Referenten zuständig, die Windeck alle zwei bis drei Monate zu den Treffen einlädt. Sie selbst leistet psychologische Hilfe. Das seelische Wohlbefinden spiele eine große Rolle bei der Bekämpfung der Krankheit.

Um diese Aufgabe möglichst gut zu erfüllen, nimmt Windeck mehrmals im Jahr an Regionaltreffen und Weiterbildungen teil. Dabei geht es zum Beispiel um „Trauerbewältigung”, „Krebskranke und ihre Angehörigen” oder Rollenspiele, bei denen die Gruppenleiter lernen, sich in andere hinein zu versetzen. Daneben gibt es jede Menge Papierkram zu erledigen, Gerti Windeck hat mittlerweile zwei Räume voller Akten. Das strengt an, gibt sie zu.

Ihr Gesicht erhellt sich aber wieder, wenn sie an den Zusammenhalt ihrer Gruppe denkt: „Das Leid schweißt zusammen, genauso wie die Freude”, sagt sie. „Viele sind schon seit 20 Jahren dabei. Es ist eine sehr schöne Gruppe, die eine ist für die andere da.” Dann gebe es ja noch die vielen schönen Ausflüge, wie kürzlich der nach Brüggen, oder die traditionellen Weihnachtsfeiern.

Noch ein Jahr lang wird Gerti Windeck die Gruppe leiten. „Auch wenn mir die Aufgabe sehr viel Freude macht, reicht es auch langsam”, findet sie - zumal die Satzung ohnehin vorsehe, dass man nur bis zu 73 Jahren Gruppenleiterin sein kann.

Allerdings macht sich Windeck etwas Sorgen, wie es ohne sie weitergehen wird. „Es ist schwer, eine Nachfolgerin zu finden.” Es ist in der Tat schwer vorstellbar, wer Windecks Werk fortsetzen wird.

Ersetzbar scheint die engagierte Ehrenamtlerin, die ihrer Aufgabe so beherzt nachgeht und im Übrigen noch zwei weitere Ehrenämter innehat, in keinem Fall.