Trolle und Telefonterror: Wie Klimaaktivisten mit Hass umgehen

Trolle und Telefonterror : Wie Klimaaktivisten mit Hass umgehen

Seit ihrer „How-Dare-You“-Rede hat der Hass gegen Greta Thunberg weiter zugenommen. Beleidigungen, Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhält die junge Schwedin inzwischen täglich. Doch auch in Geilenkirchen ist „Fridays for Future“ vielen ein Dorn im Auge. Wie gehen die Jugendlichen mit dem Hass um?

Kurz nach ihrer Rede vor den Vereinten Nationen meldete sich Greta Thunberg auf Twitter. Sie schrieb: „Wie ihr vielleicht bemerkt habt, sind die Hater so aktiv wie eh und je – greifen mich, mein Aussehen, meine Kleidung, mein Verhalten und meine Besonderheiten an. Sie denken sich jede erdenkliche Lüge und Verschwörungstheorie aus.“ Seit ihrer „How Dare You“-Rede hat der Hass gegen die schwedische Schülerin noch weiter zugenommen. Beleidigungen, Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhält Thunberg inzwischen täglich.

Auch die „Fridays for Future“-Ortsgruppe Geilenkirchen kennt sich mit Hasskommentaren und Beleidigungen mittlerweile gut aus – wenngleich sie zum Glück nicht das Ausmaß wie bei Greta Thunberg erreichen. „Zum Beispiel müssen wir regelmäßig Trolle aus unserer WhatsApp-Gruppe verwarnen oder entfernen“, erzählt Laura Savelsberg.

Beliebt seien eindeutige Finger-Emoticons und Greta-Thunberg-feindliche GIFs: „Damit werden dann alle 80 Mitglieder zugespamt. Das geht nicht.“ Da in der Gruppe auch die Handynummern des Orgateams sichtbar sind, folgt anschließend oftmals Telefonterror. „Erst neulich hat mich jemand nach einer Verwarnung zehnmal angerufen. Als ich abgehoben habe, meinte er nur ‚Fridays for Future ist scheiße’ und hat wieder aufgelegt,“ berichtet Laura Savelsberg. „So etwas ist einfach nur unproduktiv, nervt und kostet Kraft.“

Auch im Alltag oder in der Schule muss sich das Orgateam regelmäßig für ihr Engagement für den Klimaschutz rechtfertigen. „Euch nimmt doch eh keiner ernst“, „Greta kann gar nichts“, „Ihr habt keine Ahnung, wovon ihr da redet“ und „Wenn ihr erst einmal arbeitet, seht ihr das eh ganz anders“ seien beliebte Kommentare von anderen Schülern aber auch Lehrern.

„‚Du Ökotante’ höre ich voll oft“, berichtet Hailey Eskens. „Da fühlt man sich nicht wirklich ernst genommen. Echt nicht mehr witzig fand ich es aber, als ich mehrfach als Antifa-Schlampe bezeichnet wurde.“ Lange Zeit sei sie auch hinter ihrem Rücken Greta genannt worden.

Neulich sei ein anderes Mitglied des Orgateams im Bus wieder einmal wüst angepöbelt und beschimpft worden. „All das verletzt uns nicht. Wir wissen, wofür wir stehen“, sagt Hailey Eskens.

„Wir versuchen, den Hatern immer freundlich und nett zu antworten“, ergänzt Laura Savelsberg. Teilweise sei es aber gar nicht so einfach, ruhig zu bleiben. „Innerlich brodelt es manchmal ganz schön, aber das lasse ich dann nicht raus. Das würde man uns auch nur vorwerfen.“ Oftmals würden aber dennoch nur Beschimpfungen zurückkommen. Die Mitglieder setzten trotzdem immer auf Argumente, um ihren Standpunkt zu untermauern: „Und die wiegen schwerer als Hasstiraden.“

Laura Savelsberg (l.) und Hailey Eskens vom Orgateam von Fridays for Future Geilenkirchen treffen gerade im Netz auf viele Hasskommentare. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Gerade im Internet sei der Hass noch extremer. „Online trauen sich Menschen mehr. Im echten Leben würden sie dir das niemals ins Gesicht sagen“, weiß Hailey Eskens. In den Sozialen Medien seien die Hemmungen aber geringer. „Auf Facebook ist es deutlich schlimmer und aggressiver als auf Instagram“, berichtet Laura Savelsberg. Auf Instagram würde die Ortsgruppe Geilenkirchen viel Unterstützung und positives Feedback von anderen Ortsgruppen bekommen: „Auf Facebook lassen die Leute hingegen gerne ihre Wut auf die Welt bei uns raus. Sie sehen Fridays for Future als Ursache für all das, was bei ihnen nicht läuft.“

„Alles Lappen, die sollen lieber mal zur Schule gehen, anstatt jeden Freitag auf die Straße zu gehen und dem arbeitenden Volk ihre Arbeit streitig zu machen!“, lautet beispielsweise eine Bewertung ihrer Facebook-Seite. „Deutschland hat andere Probleme, die weitaus schlimmer sind und braucht nicht noch pubertierende Kids, die meinen, mit Schulschwänzen die Welt retten zu können.“

Es freut die Ortsgruppe, dass sie bei solchen Kommentaren immer wieder den Rückhalt durch ihre Community spüren. „Bei manchen Menschen kommt man mit Argumenten und Fakten nicht weiter“, hat Laura Savelsberg die Erfahrung gemacht. So habe sie an ihrem Infostand beispielsweise Menschen kennengelernt, die den einfach belegbaren Treibhauseffekt trotzdem verleugnen.

Die zwei jungen Frauen machen im Alltag bereits viel fürs Klima: Sie verzichten wo es geht auf Plastik, fahren viel mit Bus und Bahn und sind Vegetarierin bzw. Veganerin. „Ich bin bereits seit zwei Jahren Vegetarierin und seit zwei Monaten lebe ich vegan“, erzählt Hailey Eskens. „Ich bin kein Fan von Massentierhaltung und will nicht, dass Tiere für meinen Konsum leiden müssen.“ Durch ihren Fleischverzicht würde sie zudem viel CO2 einsparen. „Ich trinke seit Jahren Leitungswasser und fülle es mir in meine Glasflasche ab“, sagt Laura Savelsberg. „Leitungswasser wird viel mehr kontrolliert als Flaschenwasser, ist günstiger, und man spart sich die langen Transportwege ein.“ Zudem benutzt sie keine klassische Zahnpasta mehr, hat eine Bambuszahnbürste, kauft ihr Shampoo unverpackt und ihren Joghurt im Glas.

„Auch habe ich meinen Klamottenkonsum stark eingeschränkt und kaufe viel Second-Hand“, erzählt die Schülerin. „Das sieht aber keiner. Stattdessen bekomme ich Nachrichten und muss mich rechtfertigen, wenn ich einmal auf das Weinfest in Geilenkirchen gehe oder mit dem Auto unterwegs bin.“ Die Menschen würden da mit zweierlei Maß messen. Auf ein paar Dinge möchte oder kann man einfach nicht verzichten. Ich färbe mir beispielsweise gerne meine Haare und liebe Avocados“, sagt Hailey Eskens, die aktuell gelbe Haare hat.

Die nächsten Aktionen der Ortsgruppe sind bereits in Planung. „In den nächsten Wochen ist eine Mahnwache geplant“, erzählt Laura Savelsberg. Genaue Details kann sie aber noch nicht verraten. Thema der Aktion soll Geld und Konsum sein. Zudem wollen sich die Geilenkirchener wieder mit einer Aktion zum nächsten globalen Klimastreik am 20. November beteiligen.

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