Trickbetrüger: Warnung vor falschem Polizisten am Telefon

Trickbetrüger : Warnung vor falschem Polizisten am Telefon

Nicht nur Senioren sind von der Masche betroffen: Insgesamt 261.900 Euro wurden im Kreis Heinsberg 2018 von vermeintlichen Beamten erbeutet. Opfer werden über Tage hinweg bearbeitet.

Eine ältere Dame übergibt nach einem dreistündigen Telefonat einen Schmuckkoffer im Wert von 50.000 Euro an einen vermeintlichen Polizeibeamten vor ihrer Tür, und ein 63-jähriger Mann hebt nach zahlreichen Telefonaten über zwei Tage hinweg insgesamt 32.000 Euro von seinen Konten ab und übergibt sie an einen Boten: Eine neue Betrugsmasche nimmt auch im Kreis Heinsberg immer mehr zu.

Dreiste Betrüger geben sich am Telefon als Polizeibeamte, BKA-Beamte, Staatsanwälte oder andere Amtspersonen aus. Dabei lassen sie die Rufnummer örtlicher Polizeidienststellen, des BKA oder die 110 mit einer Ortsvorwahl im Telefondisplay erscheinen. Im vergangenen Jahr wurden 276 derartige Betrugsdelikte im Kreis gemeldet, davon scheiterten allerdings 267 Anrufe im Versuch.

Doch sind die Betrüger erfolgreich, fahren sie hohe Summe ein: Bei den zehn erfolgreichen Delikten wurden insgesamt 261.000 Euro erbeutet. „Wir müssen in diesem Bereich außerdem von einer hohen Dunkelziffer ausgehen“, sagt Angela Jansen, Polizeihauptkommissarin und Pressesprecherin der Polizei in Heinsberg. Viele Opfer würden sich zu sehr schämen und daher vor einer Anzeige zurückschrecken: „Dafür gibt es aber keinen Grund, die Täter gehen sehr perfide und glaubhaft vor. Sie bauen systematisch und mit viel Druck eine Scheinwirklichkeit auf.“

Zunächst würden sich die Täter im Telefonbuch gezielt Menschen mit alt-deutschen Namen heraussuchen. In den überwiegenden Fällen sind die Opfer älter als 60 Jahre und alleinstehend. „Der Telefon-Terror beginnt dann meist in den Abendstunden“, erklärt Angela Jansen das Vorgehen. „Aufgrund der späten Uhrzeit trauen sich die Opfer nicht mehr, Familienmitglieder zu Rate zu ziehen, und durch die Dunkelheit wird die Situation als bedrohlicher wahrgenommen.“  Beide Faktoren würden den Tätern in die Karten spielen und das Opfer isolieren.

Die Anrufer würden meist gutes Hochdeutsch sprechen und seien erfahren in der Gesprächsführung. Im Hintergrund sei sogar oft die Geräuschkulisse einer Polizeiwache zu hören - samt Funkgeräuschen, klingenden Telefonen und anderen Gesprächen:  „Dadurch entsteht der Eindruck, der Anruf käme tatsächlich von einer Dienststelle.“ In Kombination mit der 110 im Display erhöhe dies die Glaubwürdigkeit. „Die Polizei ruft aber nie mit 110 an, sondern stets mit unterdrückter Nummer“, stellt die Pressesprecherin klar.

Die vermeintlichen Polizeibeamten schildern dann einen Einbruch in der Nachbarschaft und erzählen von einem Zettel mit weiteren geplanten Zielen der Einbrecher. Natürlich stehe auch der Angerufene auf dieser Liste und die Besorgnis steigt.  „Meistens handelt es sich auch nicht um einen, sondern mehrere Anrufe, und die Opfer werden über Stunden in der Leitung gehalten“, so die Polizeibeamtin. „Dabei wird der Anrufer an verschiedene Positionen in der Wache durchgestellt“, erzählt Angela Jansen. Auch durch dieses scheinbare hierarchische Durchstellen an den zuständigen Ermittler werde die Glaubwürdigkeit erhöht. „Dann werden die Opfer zu Vermögen daheim und auf dem Konto befragt“, schildert Angela Jansen den weiteren Ablauf der Anrufe.

Bei Auskunft werde Besorgnis geäußert, dass dieses Vermögen in Gefahr sei. Unter dem Vorwand, dass die Wertsachen doch bei der Polizei viel sicherer seien, wird eine Übergabe vereinbart. „Das würde die echte Polizei aber niemals tun“, betont die erfahrene Beamtin.

Damit der Betrug nicht kurz vor der Übergabe am Bankschalter scheitert, erzählen die falschen Polizisten meist noch, dass auch die Bankangestellten in die Taten involviert waren: „Daher soll man dort dann auch keine Auskunft geben, für was man das Geld benötigt oder einen Autokauf vorschieben.“ Durch sensibilisierte und aufmerksame Bankangestellte konnte aber trotzdem erst Anfang des Jahres eine Übergabe verhindert werden.

Die Übergabe des Geldes und Schmucks erfolgt dann in der Regel an einen angeblichen Kriminalbeamten in zivil direkt vor der Haustür. In einigen Fälle sollten die Sachen aber auch an einem bestimmten Übergabeort deponiert oder zum Fenster heraus gereicht werden. „Um keine Zweifel an der Richtigkeit zu saen, nennt der Bote noch den Namen des bisherigen Anrufers“, erzählt die Pressesprecherin.

Das Opfer wiegt sich danach in Sicherheit. „Damit das Opfer weiterhin nichts von dem Betrug merkt, wird oft noch ein Vernehmungstermin in den nächsten Tagen vereinbart“, sagt Angela Jansen. Die Zweifel würden dann oft erst später kommen, die Tat bleibt erst einmal unbemerkt.

Im vergangenen Jahr hat ein Opfer die Masche durchschaut und vor der Übergabe die richtige Polizei hinzugezogen. „So konnten wir den Boten festnehmen“, verrät die Polizistin. Trotzdem kein Erfolg für die Beamten: „Die Boten wissen aus taktischen Gründen nichts über die Hintermänner.“ Diese agieren häufig aus Callcentern im Ausland, oftmals der Türkei. Sie nutzen das sogenannte „Call-ID-Spoofing“. Dies ermöglicht die Anzeige einer frei wählbaren Telefonnummer im Display des Angerufenen mittels Internettelefonie. Die wahre Herkunft des Anrufes wird dadruch verschleiert.

„Die Spur verschwindet, und die Fälle lassen sich nur schwer aufklären“, weiß Angela Jansen. Mittlerweile seien bundesweit Ermittlungsgruppen zu dem Schwerpunkt aktiv: „Die Fälle kommen meist in Schüben. Es scheint fast so, als würden sich die Täter systemisch bestimmte Postleitzahlen vornehmen.“ Der falsche Polizeibeamte macht mittlerweile sogar einen deutlich höheren Anteil der Betrugsdelikte aus, als der Enkeltrick.

Gerade daher mahnt Angela Jansen: „Jeder betrügerische Anruf sollte zur Anzeige gebracht werden.“ Nur so könnten die Beamten mit ihren Ermittlungen vorankommen und die Öffentlichkeit über die Vorgehensweisen informieren. „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen am Telefon nicht sofort glauben, dass es sich um einen Polizisten handelt und sich im Zweifelsfall unter der 110 darüber rückversichern“, appelliert sie.

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