Vortragsabend mit Andrej Gurkov in Schloss Zweibrüggen

Gesellschaft für Sicherheitspolitik : Ein Russland-Experte blickt auf das System Putin

Sein Auftritt war eines Stars würdig: Doch es waren die vielen Umleitungen und geänderten Verkehrsführungen, die es Andrej Gurkov nicht ermöglichten, pünktlich zu seinem Vortragsabend im Schloss Zweibrüggen zu erscheinen. Die Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Sektion Aachen/Heinsberg, hatte gemeinsam mit der Anton-Heinen-Volkshochschule des Kreises Heinsberg und in Kooperation mit der Stadt Übach-Palenberg zu diesem Abend eingeladen.

Und das gut halbstündige Warten auf den ausgewiesenen Russland-Experten lohnte sich, warf Gurkov doch einen interessanten, facettenreichen und tiefen Blick auf das Russland unter Putin.

Schon zwei Mal war Gurkov zu Gast und traf nicht nur mit seinen aus Sicht der russischen Machthaber oppositionellen Standpunkten den Nerv der Gäste. Auch seine Einschätzungen erwiesen sich als sicher und fundiert, und ganz bestimmt auch abseits des in russischen Medien propagierten Mainstreams. Selbst von russischer Staatsangehörigkeit, fiel es ihm natürlich leicht, Russland mit seiner beeindruckenden Weite, seiner tollen Kultur und Natur zu loben. „Und wir haben bei der Fußball-WM im letzten Jahr auch alle wirklich tolle Bilder gesehen“, gab er zu.

„Aber wir sollten uns von diesem Schein nicht trügen lassen“, so der Referent weiter. Schließlich sei Vladimir Putin, dessen aktuelle Amtszeit noch bis zu den Neuwahlen 2022 reicht, nicht nur ein machtbewusster Mensch, sondern verstehe es auch, mit vielen Mitteln seinen Einfluss zu zementieren. Ein Beispiel war für ihn die Annexion der Krim 2014, die von der Mehrheit im eigenen Land wie ein großer Sieg gefeiert wurde. „Für mich war es aber der größte Fehler, den Putin begehen konnte“, meinte Gurkov dazu.

Schließlich habe der Machthaber damit nicht nur klar das Völkerrecht verletzt, sondern auch internationale Absprachen gebrochen. In Russland hingegen hatte dieses von vielen internationalen Partnern mit Argwohn betrachtete oder geächtete Vorgehen die ohnehin große Popularität Putins noch weiter gepuscht.

Diese Welle der Unterstützung, die ihm zeitweilig Sympathiewerte von bis zu 86 Prozent in der Bevölkerung einbrachte, hatte nach Gurkov zwei Folgen. Zum einen verbreitete sich mit dem als Sieg empfundenen Vorgang auf der Krim das Gefühl bei den Menschen, militärisch unbesiegbar zu sein. Das wurde bei Putins Rede zur Lage der Nation über den Blick in die Zukunft des militärisch wieder hochgerüsteten Russland noch gestärkt.

Zum anderen schien sich Putin aber seiner Sache immer sicherer zu werden, und das Land stieg 2015 in den Syrien-Krieg ein, um den Partner Assad zu stützen. „Eine ähnliche Geschichte scheint sich aktuell in Venezuela anzubahnen“, erklärte Gurkov weiter.

In seinen Ausführungen bewies sich der Journalist nicht nur als profunder Kenner der Materie, sondern auch als präziser Beobachter des Geschehens. Denn so unberührt Putins Macht auch schien, seine Pläne, zur Finanzierung unter anderem des gigantischen Militärapparats das Renteneintrittsalter im Land für Frauen von 55 auf 63 Jahre und für Männer von 60 auf 65 Jahre anzuheben, schürte Widerstand im Volk.

Von den russischen Medien wenig beachtet, habe sich, so Gurkov vor den rund 70 begeisterten Zuhörern, auch eine Zahl von Widerständlern gebildet, die sich in nie gekannten Massen auch durch die russische Metropole Moskau bewegten. Mit Blicken auf innenpolitische Probleme wie das molochartige Anwachsen Moskaus und aus dem gesteigerten Wohlstand resultierender Müllproblematiken und einem Blick auf die Handelspartnerschaft mit Deutschland, die Russland nur einen mauen 15. Platz zuweist, schloss er seine Ausführungen.

Aber natürlich ging das nicht, ohne auf die strategische Partnerschaft bei den Energieträgern Gas, Kohle und Öl zu sprechen zu kommen. „Ich sehe es als gegenseitige Abhängigkeit, schließlich ist das für Putin eine gute Chance, sich Devisen für den Militäreinsatz zu beschaffen“, schloss Gurkov. So sprach er sich dafür aus, die durchaus umstrittene Pipeline „Nordstream 2“ nicht zu verbieten, aber die derzeit intensive Zusammenarbeit im Energiesektor herunterzufahren. „Wir haben dort einen Nachbarn, den man vorsichtig betrachten sollte“, sagte er.