Vor 210 Jahren wurde Nikolaus Becker geboren

„Rheinlied“-Verfasser Nikolaus Becker : Als ein Lied aus Geilenkirchen in Deutschland für Furore sorgte

Vor 210 Jahren wurde Nikolaus Becker geboren. In Geilenkirchen schrieb er das Lied vom „freien deutschen Rhein“ und erntete unerwartete Beifallsstürme aus ganz Deutschland, selbst vom preußischen König. Kritik kam von Heinrich Heine.

Wer träumt nicht davon, mit einem einzigen Gedicht zu Ehre und Ruhm zu gelangen? Der Geilenkirchener Nikolaus Becker jedenfalls war über seinen Erfolg selbst überrascht, den er mit dem „Rheinlied“ hatte.

Geboren wurde Nikolaus Becker vor 210 Jahren, genau gesagt am 8. Oktober 1809 in Bonn. Bis zum Tode seiner Mutter im Jahre 1835 lebte er in Köln, wo er nach Beendigung seines Militärdienstes in den juristischen Vorbereitungsdienst eingetreten war. Nach dem Tod seiner Mutter zog er nach Geilenkirchen-Hünshoven, wo seine jüngste Stiefschwester Cäcilie lebte. Bei seinem Schwager erhielt er eine Anstellung als Hilfsgerichtsschreiber. Hier hatte er noch ausreichend Zeit, sich der Dichtkunst zu widmen. Ausflüge in die Umgebung, besonders in das landschaftlich so reizvolle Wurmtal, und die Liebe zur Natur wirkten so vorteilhaft auf seinen poetischen Geist, dass zahlreiche Gedichte entstanden.

Der Verleger Joseph DuMont, ein naher Verwandter von Beckers Mutter, bewog ihn zu einer Veröffentlichung, und so erschienen  1841 im DuMont-Schauberg-Verlag in Köln 72 seiner Gedichte, darunter sein berühmtes Lied: „Der deutsche Rhein: Sie sollen ihn nicht haben“. Das war in einer Zeit, in der politische Streitigkeiten, ob der Rhein zu Deutschland oder Frankreich gehöre, an der Tagesordnung waren. Deutsche und französische Zeitungsartikel erschienen über den Rhein, in denen den patriotischen Gefühlen, die fast an Fanatismus grenzten, freien Lauf gelassen wurde. Nach dem Krieg 1813/14 waren sich die beiden Völker Deutschland und Frankreich immer noch nicht freundlich gesonnen. Beckers Rheinlied entstand genau zur richtigen Zeit.

„Sie sollen ihn nicht haben,/Den freien deutschen Rhein,/Ob sie wie gier’ge Raben/Sich heiser danach schrei’n,“ heißt es in der ersten Strophe  in Richtung Frankreich. Und in der siebten und letzten Strophe meint Becker: „Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Bis seine Flut begraben/des letzten Manns Gebein!“

Ausflüge in das landschaftlich reizvolle Wurmtal inspirierten Nikolaus Becker. Hier erschien der größte Teil seiner Dichtungen, unter anderem das berühmte „Rheinlied“. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Nikolaus Becker traf mit seinen Versen, in denen glühender Patriotismus, an Fanatismus grenzend, nicht zu verkennen ist, genau den Zeitgeist. Sein „Rheinlied“ kann nur aus dieser politisch bewegten Zeit heraus verstanden werden. Am 18. September 1840 erschien es zum ersten Mal in der Nummer 257 der Trierischen Zeitung. Es machte den Hilfsgerichtsschreiber Nikolaus Becker zum Helden des Tages. Von nun an „flog“ das Gedicht wie ein Lauffeuer durch ganz Deutschland. Es wurde verbreitet, vertont und gesungen.

Erstaunt über die begeisterte Aufnahme des Liedes war der Dichter selbst. Wegen seiner trostlosen finanziellen Lage hatte er sich kurz vorher an seinen Neffen Edmund Oppenhoff gewandt, der ihm eine bessere Stelle besorgen sollte. Nach der begeisterten Aufnahme des Gedichtes wurden ihm plötzlich zahlreiche Ehrungen zuteil.

Unter diesem gotischen Teil der Hünshovener Pfarrkirche liegt das Grab von Nikolaus Becker. Eine Gedenktafel an der Außenfassade erinnert an ihn. Foto: ZVA/Udo Stüßer

König Friedrich Wilhelm IV ließ ihm seinen königlichen Dank aussprechen und bot ihm ein Geschenk von 1000 Talern Gold oder eine jährliche Pension von 300 Talern an. Becker entschied sich für das Geschenk. Einen silbernen, reich vergoldeten Pokal sandte ihm König Ludwig I. von Bayern in seiner Eigenschaft als „Pfalzgraf bey Rhein“ zu. Sein königliches Schreiben hatte folgenden Wortlaut: „Es sind Worte zu seiner Zeit gesprochen, die in jeder zu wiederholen, die ihr Lied: der teutsche Rhein, enthält, die Anklang finden in allen teutschen Herzen. Sie sind hinlänglich, damit ihres Verfassers Name unsterblich werde. Aus diesem vergoldeten, silbernen von Mir angegeben wordenen Pocale, den ich Ihnen hiermit schicke, trinken Sie oft, das singend: ‚Sie sollen ihn nicht haben den freyen teutschen Rhein.‘“

Zur Vorfeier der Huldigung von König Friedrich Wilhelm IV am 13. Oktober 1840 wurde unter anderem Beckers Rheinlied im Kölner Schauspielhaus gesungen. Die Kölnische Zeitung schrieb darüber am 15. Oktober 1840: „Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieses Lied unter dem Titel ‚Der deutsche Rhein‘ bald Nationallied sein wird.“

„Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“ steht auf der Tafel zu lesen. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Welche starke psychologische Wirkung Nikolaus Beckers Gedicht selbst auf die Kampfkraft der Soldaten hatte, zeigen die Worte von Reichskanzler Otto von Bismarck am 18. August 1893: „Aber dankbar bin ich der Musik, daß sie mich in meinen politischen Bestrebungen wirkungsvoll unterstützt hat. In diesem Stadium war das Beckersche Rheinlied mächtig und bei der Schnelligkeit, mit der es von der Bevölkerung aufgegriffen wurde, die damals meist noch partikularistisch war, hatte es die Wirkung, als ob wir ein paar Armeecorps mehr am Rhein stehen hätten, als wir hatten.“

Nikolaus Becker starb am 28. Juli 1845 an den Folgen einer Lungenschwindsucht im Hause seiner Stiefschwester Cäcilie in Geilenkirchen-Hünshoven.

Im Sterbehaus des Dichters lebt das Andenken fort: Die frühere Gaststätte Jansen heißt heute Nikolaus-Becker-Stube. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Nikolaus Beckers Grab liegt heute unter der gotischen Kapelle an der katholischen Pfarrkirche St. Johannes Baptist Hünshoven. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Teil der Kirche zerstört.

Der berühmte Kirchenbauer Professor Domenikus Böhm baute die gotische Kapelle an den zerstörten Teil der Kirche an, doch leider genau über Nikolaus Beckers Grab. Auch eine Gedenktafel an der Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Nach Kriegsende fand man sie mit zahlreichen Rissen und Bombensplittern versehen. Sie wurde restauriert und an den gotischen Teil der Kirche, worunter Beckers Grab liegt, angebracht.

Nach Veröffentlichung des Rheinliedes hatte Nikolaus Becker nicht nur Bewunderer. Als Antwort auf das Lied Beckers erschienen verschiedene französische Zeitungsartikel, die das Nationalgefühl der Franzosen ebenso energisch ausdrückten. Zu seinen schärfsten Kritikern zählte Heinrich Heine, der in seinem politischen Denken stark von Karl Marx beeinflusst worden war. Seine Abscheu gegen den Nationalismus ließ ihn den Kommunismus, wenn auch nicht völlig akzeptieren, so doch wenigstens in Betracht ziehen. In diese Zeit fällt die Entstehung  von „Deutschland - Ein Wintermärchen“, in dem er alles angreift, was ihm missfällt: Zensur, Zollbehörden, das militante Nationalgefühl der Deutschen, Burschenschaften, die Schwärmerei für das Mittelalter und das Gerangel um den Rhein.

In Caput V des Anfang 1844 entstandenen Gedicht-Zykluses „Ein Wintermärchen“ lässt Heine den Rhein sprechen: „Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,/Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!/Doch schwerer liegen im Magen mir/Die Verse von Niklas Becker.“  Weiter schreibt er: „Das dumme Lied und der dumme Kerl!/Er hat mich schmählich blamieret,/Gewissermaßen hat er mich auch/Politisch kompromittieret.“ Heine bekennt: „Ich habe sie immer so lieb gehabt,/Die lieben kleinen Französchen...“ und verspricht: „Gib dich zufrieden, Vater Rhein/ Denk nicht an schlechte Lieder,/ Ein besseres Lied vernimmst du bald - Leb wohl, wir sehen uns wieder.“ Heute ist der Rhein ein europäischer Strom geworden, und das deutsche und französische Volk sind eng miteinander befreundet.

Übrigens: Aus Anlass des 50. Todestages von Nikolaus Becker soll es einen amüsanten Wettlauf zwischen zwei Schützenbruderschaften gegeben haben. Die Junggesellenschützen von Geilenkirchen beschlossen am 17. Juni 1895, eine Gedenktafel an das Gasthaus „Zur Krone“, in dem der Dichter oft Einkehr hielt und Billard spielte, anzubringen.

Am 25. August 1895 wurde sie bei einem Volksfest enthüllt. Die Hünshovener Schützen waren den Geilenkirchener Schützen zuvorgekommen und ließen schon am 6. August eine Gedenktafel an das Hünshovener Gasthaus Jansen, in dem Becker gewohnt hatte und in welchem er am 28. August 1845 um halb fünf Uhr morgens im Alter von 36 Jahren verstarb, anbringen.

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