Übach-Palenberg: Villen zeugen von einstiger Bergbau-Ära

Übach-Palenberg: Villen zeugen von einstiger Bergbau-Ära

Wenn man Übach-Palenberg durchfährt oder zum Einkaufen dorthin kommt, sieht man zwar sogleich die altehrwürdige Karlskapelle am Bahnhof, aber ansonsten fehlen in dieser Stadt besondere historische Bauwerke.

Eine architektonische Besonderheit fällt jedoch auch unbedarften Besuchern bei genauerem Hinsehen ins Auge: Viele Häuser rings um die ehemalige Zeche Carolus Magnus tragen an ihren Fassaden Namenszüge: „Haus Heribert”, „Haus Mathilde” - sogar ein „Haus Mäxi” ist vertreten.

Margarethenhöhe

Wie kamen diese Häuser zu ihrem Namen? Hatte der Architekt einfach eine blumige Phantasie, oder sollten die Vornamen von den Inhabern der Zeche verewigt werden, wie es beispielsweise bei Krupp-Siedlung „Margarethenhöhe” in Essen geschah, die nach der Gattin des damaligen Konzernchefs Friedrich Alfred Krupp benannt wurde? Der Lösung des Rätsels kommt man näher, wenn man die Namen der Häuser mit denen der Straßen vergleicht, in denen sie stehen. Dabei fällt nämlich auf, dass sie mit dem Anfangsbuchstaben des Straßennamens übereinstimmen. Die Hausnamen der Bahnstraße beispielsweise fangen allesamt mit „B” an: Haus Benjamin, Haus Barnabas, Haus Balthasar oder Haus Balduin.

Carlstraße weicht von Regel ab

Analog dazu wurden im benachbarten Heidberg Namen gewählt, die mit einem „H” beginnen: Haus Helma, Haus Hedwig und weitere. Einzig die Carlstraße weicht von dieser Regel ab, denn hier findet man teilweise ebenfalls Häuser mit dem Anfangsbuchstaben „H”, so dass man vermuten kann, dass diese Straße früher einen anderen Namen trug. Denn am Carlsplatz findet man wiederum konsequenterweise ein Haus Cäcilie und ein Haus Cläre und in der Maastrichter Straße die Häuser Michel und Martin. Offenbar wollte der Architekt also bei der Namenswahl nach einem festen Ordnungsprinzip verfahren.

Kohleförderung startete 1917

Für welche Bewohner wurde diese Häuser geschaffen? Der Ortsteil Palenberg wurde zum größten Teil als Werkssiedlung für die Zeche Carolus Magnus angelegt. Nachdem im Jahre 1917 mit der Kohlenförderung begonnen wurde, stieg die Einwohnerzahl rasant um mehrere Tausend an. Ab 1927 schuf das Aachener Bauunternehmen Robert Grünzig zwei große Bergmannssiedlungen in Frelenberg und in Palenberg. Zugleich entstanden auch die mit Eigennamen versehenen Häuser in der Carlstraße, der Bahnstraße und am Heidberg. Sie sind recht großzügig, erscheinen fast wie kleine Villen, während die langgestreckten Häuserzeilen etwa in der Region nördlich der Theresienkirche oder in Frelenberg ausgesprochen gleichförmig und sehr einheitlich wirken. Daraus kann man schließen, dass in die größeren Villen rund um die Zeche meistens höhergestellte Belegschaftsmitglieder - etwa Zechenbeamte - einzogen. Die großen Häuser in der Carlstraße direkt gegenüber dem Verwaltungsgebäude (dem heutigen Carolus-Magnus-Zentrum) waren dagegen den Steigern vorbehalten. Dies war keineswegs eitler Standesdünkel, sondern hatte eine handfeste praktische Bedeutung: Gab es auf der Zeche einen Unfall oder gar ein Grubenunglück, so musste der Steiger als Hauptverantwortlicher für die Belegschaft möglichst schnell vor Ort sein. Daher war es wichtig, dass er auch seinen Wohnsitz nahe am Betriebsgelände hatte.

Trotzdem drückten sich in der Architektur durchaus auch soziale Machtverhältnisse und Ansprüche aus: Die streng einheitliche, geradezu uniforme Gestaltung der einfachen Bergmannshäuser entsprach dem patriarchalischen Geist der damaligen Zechenherren, die von ihren Arbeitern strikte, bedingungslose Unterordnung forderten. Der Bau von Werkssiedlungen entsprang keineswegs in erster Linie einem sozialen Gewissen, sondern ermöglichte vor allem auch eine Kontrolle des Privatlebens der Arbeitnehmer.

Tarifstreitigkeiten

Darüber hinaus konnte man die Bergarbeiter bei Tarifstreitigkeiten oder Streiks unter Druck setzten: Eine Kündigung bedeutete nicht nur den Verlust der Arbeit, sondern auch den der Wohnung. Wesentlich besser gestellt waren hingegen die Zechenbeamten und noch mehr die Steiger, die vom Bergamt ernannt wurden und daher nicht so sehr von der Zechenleitung abhängig waren.

Sie wohnten meist in den größeren, villenartigen Häusern mit den Namenszügen, die daher auch durchaus individuell gestaltet wurden und keineswegs alle gleich aussehen. Heute, vierzig Jahre nach der Schließung von Carolus Magnus, sind sämtliche Häuser der einstigen Werkssiedlung privatisiert, allerdings leider auch teilweise stark individuell umgestaltet und daher oft nicht mehr original erhalten. Immerhin haben einige Straßenzüge - etwa in der Palenberger Kirchstraße und in Frelenberg (vor allem in der Saarstraße und der Weststraße) - ihr ursprüngliches Aussehen bewahrt.

Zusammen mit den großzügigen Steiger- und Beamtenvillen in der Umgebung des Carolus-Magnus-Zentrums sind sie auch heute noch als architektonische Denkmäler ein lebendiges Zeugnis der Bergbauvergangenheit der Stadt Übach-Palenberg und ebenso ein Spiegelbild der damaligen Gesellschaft.

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