Darmstadt/Übach-Palenberg: Verfahren um mutmaßliche Drogenhändler sorgt für Verwunderung

Darmstadt/Übach-Palenberg : Verfahren um mutmaßliche Drogenhändler sorgt für Verwunderung

Die Überraschung erfolgt auf nüchternen Magen: „Da war doch gar kein Hund im Haus“, sagt der Polizist kurz vor der Mittagspause und wundert sich offensichtlich, wieso das niemandem bekannt ist. Für einen Moment herrscht Schweigen in Saal drei des Landgerichts im südhessischen Darmstadt.

Fünf Angeklagte nebst ihren bis zu acht Verteidigern sind ungewohnt still. Und selbst die Kammer aus zwei Berufsrichtern und zwei Schöffen wirkt, als sei sie sich nicht sicher, gerade richtig gehört zu haben.

Große Augen vor Gericht

Wieder einmal hat das Verfahren um eine Bande mutmaßlicher Drogenhändler vor dem Landgericht Darmstadt Unerwartetes hervorgebracht. Nach einem schreienden Verteidiger, gereizter Stimmung unter den Beteiligten, zahlreichen zu Verzögerungen führenden Sitzungspausen und einem immensen Polizeiaufgebot, das Prozessbeteiligte schützen soll, hat zu Wochenbeginn ein Hundeführer der Polizei Heinsberg für große Augen gesorgt.

In dem Verfahren müssen sich eine 58-Jährige aus Übach-Palenberg, ihr 78 Jahre alter Ex-Lebensgefährte, ein junger Niederländer, ein Mannheimer sowie ein 28-Jähriger aus Südhessen wegen bandenmäßigen, unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge verantworten. Sie sollen überwiegend harte Drogen, die aus den Niederlanden stammten, in Deutschland verkauft haben. Das Haus der angeklagten Frau aus dem Stadtteil Marienberg habe als „Bunker“ gedient, so die Staatsanwaltschaft. Allein bei der Durchsuchung dieses Hauses im Juni vergangenen Jahres habe man damit gerechnet, „kiloweise Drogen“ zu finden, so der Leiter der Aktion vor Gericht. Doch außer freilaufenden Frettchen, den Haustieren der 58-Jährigen, einigen Handys und Notizbüchern waren lediglich 200 Gramm Kokain sowie etwa 50 Gramm Heroin den Beamten in die Hände gefallen.

Wirkliche Mengen, nämlich mehr als fünf Kilo Heroin, fanden sich erst gut vier Monate später — im Keller jenes Hauses in Übach-Palenberg, das die Polizei bereits durchsucht hatte. Gefunden haben will sie der ebenfalls angeklagte Ex-Lebensgefährte der Frau, nachdem dieser als einziger aus der Untersuchungshaft entlassen worden und zurückgekehrt war.

Auf der Suche nach einem Karton seien ihm die Drogen entgegengefallen, hatte der Mann gesagt. Kaum versteckt in einem Karton am Kühlschrank, darauf ein Plüschteddy. Der 78-Jährige informierte seinen Anwalt, der wiederum die Polizei. Beamte aus Heinsberg betraten daraufhin erneut das Haus und fanden besagtes Heroin an jener Stelle, die ihnen der Angeklagte genannt hatte. Ohne großes Suchen.

Die Frage, ob es möglich ist, dass neun Polizisten und zwei Spürhunde eine derartige Menge kaum versteckter Drogen bei der ersten Durchsuchung übersehen, hatte vor Wochen bereits die Gemüter der Prozessbeteiligten erhitzt. Besonders der Verteidiger der Frau hatte sich den 78-Jährigen Finder vorgeknöpft. Er glaube die Geschichte vom Zufallsfund nicht, so der Anwalt, und ließ durchblicken, dass seine Mandantin davon ausgehe, ihr Ex habe die Drogen selbst dort abgelegt — vielleicht, um sich bei den Behörden in besseres Licht zu rücken. Tatsächlich schien es unglaubwürdig, dass trainierten Hundenasen so viel Heroin entgehen kann.

Ob das so ist, wird sich in diesem Fall jedoch nicht mehr klären lassen, denn: „Die Hunde kamen nicht zum Einsatz“, berichtet auch der zweite Hundeführer vor Gericht. Die Tiere seien wegen der freilaufenden Frettchen nicht ins Haus gelassen worden. Man habe vermeiden wollen, dass es zu Beißereien kommt. Der Geruch der Frettchen, der überall im Haus wahrnehmbar gewesen sei, hätte den Hunden die Arbeit zudem unnötig erschwert. Also seien sie im Auto geblieben.

Wie gründlich war die Aktion?

Das war jedoch sogar dem Leiter der Durchsuchungsaktion entgangen. Er hatte am Morgen noch ausgesagt, einer der Hunde sei im Keller gewesen und habe dort nichts gefunden. „Ich bin davon ausgegangen“, sagt er später, als er nochmals in den Zeugenstand gerufen wird und erklären soll, wieso er Hunde gesehen haben will, die gar nicht da waren. Er habe Hunde im Auto gesehen und später einen Hundeführer im Keller. Deswegen habe er angenommen, auch der Hund sei dort gewesen.

Da auch in keinem Durchsuchungsprotokoll der Polizei irgendetwas über die Hunde vermerkt worden war, hatte sich die „Annahme“ des Durchsuchungsleiters offenbar hartnäckig gehalten. Weitere Beamte geben im Anschluss an, auch den Keller „gründlich“ durchsucht zu haben. Wer in welchen Karton oder welche Ecke geschaut hat, daran kann sich zwar niemand mehr erinnern. Das Gewicht von fünf Kilo, berichtet ein Polizist auf Nachfrage, wäre ihm aber aufgefallen, wenn er einen Karton in die Hand genommen hat.

Den angeblich nachträglichen Drogenfund kann sich kein Beamter erklären. Schulterzucken, Kopfschütteln. Dennoch: Ob die Drogen tatsächlich übersehen worden sind, ob sie vielleicht Dritte in den Keller geräumt haben — es war vor Wochen bereits über ominöse „Holländer“ spekuliert worden, die Drogen geliefert und deswegen einen Schlüssel zum Haus gehabt haben sollen — oder doch der Mitangeklagte selbst, darüber lässt sich nur spekulieren. Der Prozess wird fortgesetzt, weitere Termine sollen am Freitag bekannt gegeben werden.

Mehr von Aachener Nachrichten