Keine Busfahrkarte mehr von der Stadt: Zwölfjähriger soll 43 Minuten zur Schule gehen

Keine Busfahrkarte mehr von der Stadt : Zwölfjähriger soll 43 Minuten zur Schule gehen

Eine Mutter aus Scherpenseel ist sauer über die Streichung des Tickets für den Bus zur Schule. Die Strecke sei zu weit und gefährlich in der dunklen Jahreszeit für ihren zwölfjährigen Sohn.

Gabi Künzel aus Scherpenseel ist verärgert. Ihr Sohn Jan ist von der Korrektur bei der Ausstellung der Bustickets in Übach-Palenberg betroffen. Der Zwölfjährige soll die 3,34 Kilometer bis zur Realschule Übach-Palenberg zukünftig zu Fuß zurücklegen. „Dafür wäre er pro Strecke 43 Minuten unterwegs. Und das ist die reine Geh-Zeit, ohne Wartezeiten vor Ampeln oder dem Zebrastreifen“, sagt die  Mutter.

Ihr Sohn habe immer ein Ticket von der Stadt bekommen, und auch zu ihrer Schulzeit hätten die Kinder aus Scherpenseel stets mit dem Bus zur Schule fahren können. „Ich lasse ihn diesen weiten Weg nicht alleine gehen. Der führt entlang von Feldern und Wäldern. Da ist es stockdunkel“, führt Künzel aus. Im Sommer sei es bei gutem Wetter noch eine Option, das Fahrrad zu nehmen. „Aber jetzt kommt die dunkle Jahreszeit. Das ist unzumutbar für ein Kind.“ Es sei zu unsicher, ein Kind bei Regen, Eis und Glätte mit dem Fahrrad fahren zu lassen.

Viel Stress für die Familie

„Ich bin berufstätig und muss ihn jetzt jeden Morgen zur Schule fahren und mittags wieder abholen“, berichtet die 43-Jährige von ihrer Lösung. Dabei liege ihre Arbeit genau in der entgegengesetzten Richtung. „Das ist total stressig. Und was ist, wenn ich mal krank bin?“

Besonders unfair findet es Gabi Künzel, dass die Stadt die Wege scheinbar unterschiedlich berechnet habe: „Einige Kinder in der unmittelbaren Nachbarschaft dürfen weiter mit dem Bus fahren, während andere den Bescheid ebenfalls bekommen haben.“

Die Verunsicherung unter den Eltern in Scherpenseel sei groß. „Noch funktionieren alle Karten“, weiß die Mutter. „Wenn es gar nicht anders ging, habe ich meinen Sohn auch nochmal mit den Bus fahren lassen.“ Doch das sei keine Dauerlösung.

Die Familie hat direkt vor ihrer Haustür eine Haltestelle. „Früher ist Jan zum Bus gegangen und dann bin ich zur Arbeit gefahren. Das hat gut gepasst“, erklärt die Scherpenseelerin. „Jetzt fange ich später an und muss bei der Arbeit immer die Uhr im Blick behalten. Das finde ich nicht schön.“ Natürlich habe es Überlegungen gegeben, eine Fahrgemeinschaft zu gründen: „Keiner lässt sein Kind diese Strecke gehen. Doch eine Fahrgemeinschaft zu bilden,ist gar nicht so einfach. Die Kinder gehen in verschiedene Klassen.“

Vor der Schule komme es durch die neue Regelung vermehrt zu Staus. „Wenn das die Greta sehen würde“, so Künzel in Anbetracht der vielen Autos. Das Streichen der Tickets sei  nicht zeitgemäß und nicht umweltbewusst. „Andere Städte überlegen gerade generell, einen kostenlosen ÖPNV einzuführen. Aber Übach-Palenberg steckt sein Geld lieber in Projekte wie die Klangbrücke und den Rathausplatz als in die Kinder.“

Bei der Stadtverwaltung und der Polizei fühlt sie sich nicht ernst genommen. „Die Polizei hat auf ihre Unfallstatistik verwiesen und angemerkt, dass die meisten sexuellen Übergriffe ja in der Familie stattfinden“, so die Mutter schnaubend.

Mehrfach habe sie auch mit der Sachbearbeiterin in der Stadtverwaltung telefoniert und E-Mails geschrieben: „Ich wurde nur hingehalten. Es gab keine Informationen.“ Mittlerweile sei ihr allerdings mitgeteilt wurden, dass der Weg durch die Kreispolizeibehörde geprüft wurde und keine Gründe für die Annahme einer besonderen Gefährlichkeit des Schulweges vorliegen. „Für die Grundschüler ist der Weg zu gefährlich, aber nicht für einen Zwölfjährigen?“, fragt Künzel. Jüngst hatte die Stadtverwaltung für die Kinder, die von Marienberg nach Scherpenseel zur Schule müssen, ihre anfängliche Einschätzung revidiert und den Schulweg als gefährlich eingestuft.

„Ich habe mittlerweile kaum noch Hoffnung“, räumt Künzel ein. Alleine vor Gericht ziehen möchte sie eigentlich nicht: „Die anderen Eltern würden da aber auch mitmachen. Wir werden sehen, wie es weitergeht.“

Auf Anfrage teilt die Stadtverwaltung mit, dass alle Ablehnungen erneut geprüft worden. „Alle Ablehnungen sind im Rahmen der Normierungen in der Schülerfahrkostenverordnung NRW erfolgt“, erklärt Pressesprecher Thomas de Jong.

Alle Bescheide erneut geprüft

„Die Marienberger Schüler der Primarstufe, die die KGS Scherpenseel besuchen, erhalten eine Schülerfahrkarte aufgrund der fehlenden Querungshilfen im Bereich der Marienstraße und der Vom-Stein-Straße.“ Der Sohn von Gabi Künzel muss allerdings nicht über diese Querungshilfe gehen, um zur Schule zu gelangen. „Im Übrigen hat die Kreispolizeibehörde diesen Weg als nicht besonders gefährlich eingestuft“, so de Jong weiter. Er weist darauf hin, dass in der Schülerfahrkostenverordnung  zwischen Schülern der Primarstufe (Schulweg einfache Entfernung mehr als zwei Kilometer) und Schülern der Sekundarstufe (Schulweg einfache Entfernung mehr als 3,5 Kilometer) unterschieden wird.

Auf die Frage, wie es sein kann, dass einige Kinder aus Scherpenseel das Ticket weiterhin bekommen und andere nicht, obwohl die Kinder teils Tür an Tür wohnen, entgegnet der Pressesprecher: „Die Prüfungen erfolgen im Einzelfall und metergenau nach den Vorgaben der Schülerfahrkostenverordnung NRW.“

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