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Schuldig oder nicht: Was macht eigentlich ein Schöffe?

Schuldig oder nicht : Was macht eigentlich ein Schöffe?

Über Urteile entscheiden nicht nur Juristen, sondern auch ehrenamtliche Schöffen. Der Übach-Palenberger Horst Bergstein erzählt, was man für das Amt mitbringen sollte und was ihn an der Aufgabe fasziniert.

Kreidebleich starrte der Übach-Palenberger Horst Bergstein Ende vergangenen Jahres auf ein dickes Schreiben des Amtsgerichts Geilenkirchen. Doch die befürchtete Vorladung zu einer Verhandlung entpuppte sich als Einladung zum Kennenlernen. „Ein halbes Jahr zuvor hatte ich meine Bewerbung als Schöffe abgeschickt. Doch daran habe ich in dem Moment wahrlich nicht mehr gedacht“, verrät der Übach-Palenberger. „Meine Lebensgefährtin hatte in der Zeitung einen entsprechenden Aufruf gesehen.“

Seit Januar entscheidet Bergstein nun bereits als ehrenamtlicher Richter über Schuld und Unschuld sowie über die zu verhängende Strafe. Ehrenamtliche Richter, die auch Schöffen genannt werden, bringen ihre Lebenserfahrung, ihre außergerichtliche Perspektive in die Prozesse bei Gericht ein und gestalten so den Rechtsstaat mit. „Vorher wird man komplett durchleuchtet. Man muss eine komplett weiße Weste haben“, erklärt Bergstein. „Schließlich kann jemand mit Vorstrafen nicht mehr objektiv sein.“

Bergstein fasziniert die Rechtsprechung schon lange. Als Kind wollte der Übach-Palenberger immer Jura studieren, doch nach der Schule wurde er dann von der Polizei angeworben. Bis ins Jahr 1991 ging der heute 62-Jährige regelmäßig auf Streife. „Ich habe den Job sehr gerne gemacht“, blickt Bergstein zurück. Doch er wollte aufsteigen und innerhalb der Polizei war das zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich: „Es gab einen Beförderungsstop.“ Also wechselte er die Branche, studierte nebenbei BWL und ist seit 1992 als Versicherungskaufmann selbstständig tätig. Doch das Recht hat ihn nie so ganz losgelassen. „Mein Schwerpunkt ist Rechtsschutz“, so Bergstein.

Seine Erfahrung als Polizist kommt ihm heute im Gericht wieder zu gute. „Ich habe in den Verhandlungen viel mit Einbruchsdiebstahl und dem unerlaubten Besitz von Betäubungsmitteln zu tun. Die entsprechenden Paragrafen kann ich bis heute auswendig“, schmunzelt Bergstein.

Horst Bergstein nimmt regelmäßig im Amtsgericht Geilenkirchen neben dem Richter Platz und bringt sich als Schöffe mit seiner Lebenserfahrung in den Prozessen ein. Foto: MHA/Michèle-Cathrin Zeidler

Trotzdem habe er sich noch einmal intensiv mit seinen Aufgaben, Rechten und Pflichten als Schöffe vertraut gemacht. Dafür gab es Informationsmaterial vom Gericht. „Ich muss immer objektiv bleiben und darf nur anhand der vorliegenden Beweise urteilen“, erklärt Bergstein. „Auch der Kontakt zum Angeklagten und seinem Anwalt ist verboten.“

An seine erste Verhandlung kann sich Bergstein noch gut erinnern. „Mir war schon recht mulmig, als ich vorne neben dem Richter Platz nehmen durfte“, verrät er. Doch er war nicht allein: Immer zwei ehrenamtliche Richter stehen vor dem Schöffengericht dem Berufsrichter zur Seite. Dabei haben Schöffen dieselben Rechte und Pflichten wie Berufsrichter und nehmen an der gesamten Hauptverhandlung und Urteilsfindung teil.

„Wir haben das gleiche Stimmrecht wie der Richter“, sagt Bergstein. „Wenn sich die Schöffen einig sind, dann wird deren Empfehlung auch gefolgt.“ Diesen Fall hat der Übach-Palenberger allerdings noch nicht erlebt. „Nach den Plädoyers beraten wir uns gemeinsam. Dabei schildert jeder seine Sichtweise“, erklärt er.

Dabei komme man in der Regel zu einem gemeinsamen Ergebnis: „Die Erfahrung eines Richters kann man natürlich nicht mitbringen.“ Ihn fasziniert besonders die ausgeklügelte Fragetechnik der Robenträger. „Es ist schon interessant und teilweise auch kurios, wie sich die Leute vor Gericht herausreden wollen“, findet Bergstein.

Bisher sei es Bergstein in den Verhandlungen immer gelungen, professionell und unbefangen zu bleiben: „Man muss seine private Meinung völlig ausblenden, seine Gefühle außen vor lassen und sich nur an die Faktenlage halten.“ An zehn bis elf Verhandlungen nimmt der Laie pro Jahr auf der Richterbank teil. „Die Länge kann dabei stark variieren“, hat der Schöffe erlebt. Seine schnellste Verhandlung dauerte keine 15 Minuten: „Wenn viele Zeugen geladen sind, kann es aber auch schon mal vier Stunden dauern.“

Nach Absprache mit dem Richter dürfen die Schöffen ihre Fragen auch während der Verhandlung direkt an den Angeklagten stellen. „Das Verhältnis zum Richter ist locker. Mir macht meine Aufgabe als Schöffe wirklich viel Spaß.“ Einem Bekannten habe er das Ehrenamt bereits weiterempfohlen. Schöffen werden immer für fünf Jahre gewählt. „Wenn die Gesundheit mitspielt werde ich mich ein zweites Mal bewerben“, verrät Bergstein.