Übach-Palenberg: Mädchen testen typische Männerberufe beim Girls' Day

Gegen Klischees : Mädchen beim Girls’ Day für Metallarbeiten begeistern

Konzentriert positioniert Precious Nwafor ihre Metallplatte unter dem Bohrer, schließlich hat sie nur einen Versuch, und das Loch soll an der richtigen Stelle landen. Gefühlvoll drückt sie den Hebel herunter, und als sie ihn anschließend wieder anhebt, erscheint das Loch genau an der vorher markierten Stelle.

„Ich muss insgesamt drei Löcher bohren“, erklärt die 13-jährige Schülerin, die zum bundesweiten „Girls’ Day“ am Donnerstag zusammen mit neun weiteren Mädchen einen Tag in der Lehrwerkstatt von Neuman & Esser in Übach-Palenberg verbrachte.

Unter Anleitung von Auszubildenden aus dem ersten und zweiten Lehrjahr sowie dem gewerblichen Ausbildungsleiter Alexander Wicke sollen die Mädchen ein Metallgehäuse aus drei dreieckigen Platten für eine Standuhr herstellen. „Ich finde den Job der Industriemechanikerin interessant“, erzählt Precious Nwafor. „Er ist vielseitiger, als ich vorher dachte und individuell.“ Nach der Schule könnte sie sich durchaus vorstellen, eine Ausbildung in diesem Bereich zu absolvieren. „Es war toll, einmal so einen Einblick in das Unternehmen zu bekommen“, so die Gymnasiastin. „Und obwohl ich keine Vorkenntnisse hatte, haben die Arbeiten gut geklappt. Die Azubis haben mir alles verständlich erklärt.“

Als Industriemechanikerin würden die Mädchen später Maschinen und Fertigungsanlagen für Betriebe der Textil-, Maschinen- und Fahrzeug-, Elektronik- sowie Holz- und Papierindustrie zum Laufen bringen. Dafür müssten sie das Material drehen, fräsen, bohren und schleifen sowie die Bauteile anschließend montieren und justieren. Dabei ist Fingerfertigkeit, Geschick und Sorgfalt gefragt.

 „Zum Glück bin ich handwerklich begabt“, verrät Julie Kubiciel einen Tisch weiter, während sie sich im Anreißen, dem Anbringen von Bohrpunkten auf der Werkstückober-
fläche durch Einritzen, probiert. „Und ich zeichne auch gerne.“ Was sie später einmal beruflich machen möchte, weiß die 15-Jährige noch nicht. „Daher wollte ich den Tag nutzen, um einmal zu schauen, ob dieser Bereich etwas für mich ist“, so die Schülerin aus Baesweiler. „Bisher klappt es auf jeden Fall gut. Ich bin flotter als die anderen.“

Die 13-jährige Precious Nwafor bekommt Hilfestellung von mehreren Azubis. Sie könnte sich vorstellen, später in diesem Bereich zu arbeiten. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Auch Alexander Wicke ist zufrieden mit den Jugendlichen. „Normalerweise führen wir immer einen Girls’ and Boys’ Day durch, aber in diesem Jahr sind nur Mädchen dabei“, sagt der gewerbliche Ausbildungsleiter. „So war aber auch der ursprüngliche Gedanke des Aktionstags: nämlich Mädels an eher typische Männerberufe heranzuführen.“

In seiner Lehrwerkstatt herrscht sonst ein deutlicher Testosteron-Überschuss. „Noch immer machen hauptsächlich Männer eine Ausbildung zum Industriemechaniker oder Zerspanungsmechaniker bei uns“, weiß Wicke. Lediglich drei Frauen hätten bisher diesen Weg eingeschlagen: „Dann allerdings auch als Industriemechanikerin in Kombination mit einem dualen Studium.“

Trotzdem hatte der Aktionstag schon einen positiven Effekt. „Einige teilnehmende Jungs und auch ein Mädchen haben dann später tatsächlich eine Ausbildung bei uns angefangen“, verrät Alexander Wicke. Bei den Mädchen würden die Interessen allerdings häufig einfach anders liegen. „Ihnen macht die Arbeit mit dem Metall zwar für einen Tag lang Spaß, für den Rest ihres Lebens können sich die meisten diese Arbeit aber nicht vorstellen“, weiß er aus Erfahrung.

Zwischen 15 und 18 Jugendliche starten jährlich ihre Ausbildung in verschiedenen Unternehmensbereichen. „Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sind mir bei potenziellen Azubis besonders wichtig“, sagt Alexander Wicke. Beim Probearbeiten achte er daher besonders auf das Sozialverhalten der Bewerber: „Sie müssen teamfähig sein und ins Unternehmen passen.“ Erst danach werde auf das Werkstück und die Noten geschaut. „Mit dem Einstellungstest soll der Wissensstand abgefragt werden. Wir wollen sichergehen, dass die Bewerber in der Berufsschule mitkommen“, erklärt er.

Wer Interesse an einer Ausbildung hat, sollte sich frühzeitig bewerben. Traditionell führt das Unternehmen jedes Jahr einen „Tag der Ausbildung“ durch, in diesem Jahr ist er am 6. Juli. „Nach den Sommerferien starten dann die Einstellungstests für das nächste Jahr“, so Alexander Wicke.