Bundesweit steigende Quote : Sind Fahrschüler schlechter als früher?

Bundesweit steigende Quote : Sind Fahrschüler schlechter als früher?

Die Durchfallquote bei der praktischen Führerscheinprüfung steigt bundesweit. Doch woran liegt das? Unsere Zeitung hat einmal in zwei Fahrschulen in Geilenkirchen und Übach-Palenberg nachgefragt.

Mit schwitzigen Händen umklammert der Prüfling das schwarze Lenkrad, legt den ersten Gang ein und rollt langsam und leicht stockend vom Parkplatz.  Ein prüfender Blick nach links und rechts und los geht die Fahrt. Voller Konzentration wird den Richtungsanweisungen des Fahrlehrers gefolgt und behutsam vor der ersten roten Ampel abgebremst. Doch immer wieder wandert der Blick auch nervös in den Spiegel – denn heute ist die Rückbank nicht leer.

Hier hat der Prüfer vom TÜV Platz genommen. Und manchmal genügt dann ein kleiner Moment der Unachtsamkeit und alles ist gelaufen: ein Stoppschild ignoriert, den Zebrastreifen überfahren oder auf der Kreuzung dem Rollerfahrer die Vorfahrt genommen. Der Anteil der Durchfaller bei der praktischen Führerscheinprüfung steigt bundesweit. Doch woran liegt das? Unsere Zeitung hat einmal in zwei Fahrschulen in Geilenkirchen und Übach-Palenberg nachgefragt.

„Der Führerschein steht für die Jugendlichen heute nicht mehr an erster Stelle“, weiß Tobias Bonn. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Florian Bonn hat er sich erst vor kurzem mit einer eigenen Fahrschule, der „Drivers Factory Fahrschule Bonn“  in Geilenkirchen, selbstständig gemacht. Obwohl die zwei 25-Jährigen erst seit vier Jahren als Fahrlehrer unterrichten, haben sie schon einen leichten Wandel festgestellt: „Nicht jeder macht mehr sofort mit 17 Jahren seinen Führerschein. Viele melden sich erst mit 18 Jahren oder auch erst mit Anfang 20 an“, so Florian Bonn. Bei ihnen sei das noch anders gewesen.

„Wir waren ganz heiß aufs Autofahren und haben den Führerschein so schnell wie möglich gemacht“, verrät Tobias Bonn. Schließlich mussten die Zwillinge durch ihr damaliges Hobby, dem lateinamerikanischen Tanz, auch fast täglich mit der Bahn nach Aachen pendeln.

Viele Fahrschüler hätten heute Prüfungsangst. „Oftmals scheitert es einfach an der Nervosität. Die Schüler können sich nicht mehr konzentrieren, wenn hinten plötzlich ein fremder Mann sitzt“, weiß Tobias Bonn, der im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben allerdings jeden seiner rund 100 Fahrschüler erfolgreich durch die erste praktische Prüfung gebracht hat. Für feuchte Hände und nervöse Blicke in den Rückspiegel gebe es aber keinen Grund. „Prüfer sind auch nur Menschen, und wir versuchen dann immer, die Atmosphäre mit einem Gespräch aufzulockern“, verrät Florian Bonn. „Meist zeigen die Prüfer auch Verständnis für die Aufregung und sind hilfsbereit“, ergänzt sein Bruder.

Vom Teststuhl auf den Fahrersitz – von der Theorie zur Praxis: Mit diesen Worten kommentiert unser Karikaturist Heinrich Schwarze-Blanke die steigende Durchfallquote bei der Führerscheinprüfung. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Der Schulstress durch G8 macht sich auch in der Fahrschule Bonn bemerkbar. „Die Jugendlichen sind schulisch sehr eingespannt, haben wenig Freizeit, und unter der Woche bleibt da kaum Zeit für die Fahrschule“, erzählt Tobias Bonn. Gerade in den Klausurphasen sei der Druck auf die Schüler spürbar.

Insgesamt seien die Jugendlichen aber auch ein wenig unselbstständiger. „Bevor es zur theoretischen Prüfung geht, müssen alle noch einmal durch unseren Prüfungssimulator“, erklärt Florian Bonn. Und auch die praktische Prüfung werde mit ihren Schützlingen vorher detailliert durchgesprochen. Von gut gemeinten Tipps von Eltern und Freunden à la „Fahr doch einfach etwas langsamer“ halten die Zwei nichts. „Wir wollen einen zügigen und sicheren Autofahrer“, erklärt Florian Bonn das Prüfungsziel. „Ganz wichtig dabei: Einfach nur das machen, was der Fahrlehrer einem beigebracht hat.“ Außerdem raten die Zwillinge, sich gut auf die technischen Fragen vorzubereiten. Durch dieses erste Erfolgserlebnis sinke meist die Nervosität.

„Bei uns macht sich dieser Trend glücklicherweise noch nicht bemerkbar“, erzählt Michael Lauer, Inhaber der Fahrschule Michaels in Geilenkirchen und Übach-Palenberg. Seiner Einschätzung nach dürfte diese Entwicklung auf dem Land auch nicht so stark zuschlagen. „In Großstädten wie Düsseldorf, Aachen oder Köln ist die Prüfung einfach schwerer“, findet er. „In Geilenkirchen gibt es schließlich nur zwei Ampeln - der Rest sind Kreisverkehre.“

Die Durchfallquote liegt in seiner Fahrschule bei unter zehn Prozent. „Durch die Theorie schaffen es aber deutlich weniger im ersten Versuch. Da macht sich der Abi-Stress bemerkbar“, erzählt der langjährige Fahrlehrer. Noch immer würden 80 Prozent seiner Schützlinge sich direkt mit 17 Jahren in der Fahrschule anmelden. Doch bis sie dann den Führerschein glücklich in ihren Händen halten, dauert es meist sechs Monate.

„Vor fünf Jahren waren es im Schnitt noch drei bis vier Monate“, erinnert sich der Fahrschul-Inhaber. Oftmals fehle es seinen Schülern einfach an Zeit: „Früher waren die Jugendlichen mittags mit der Schule durch und hatten Zeit für eine Fahrstunde. Heute sitzen sie oftmals bis in den späten Nachmittag im Unterricht und müssen anschließend noch lernen.“

Seiner Einschätzung nach seien die praktischen Prüfungen auch schwerer geworden. „Es werden immer mehr technische Fragen gestellt“, so der Fahrlehrer. Bis zu sechs Themenbereiche seien dabei mittlerweile möglich. „Auch sonst ändern sich die Zeiten. Bald soll die Prüfungszeit auf 60 Minuten erhöht werden“, verrät Michael Lauer. Diese Änderung strebt der TÜV an, da die Prüfer bald mit Tabletts arbeiten sollen.

Wenn eine praktische Prüfung mal in die Hose geht, liegt es laut Lauer meist daran, dass etwas übersehen wird oder die Verkehrslage nicht richtig beobachtet wird. „In vielen Fällen spielt auch die Nervosität eine Rolle. Die Schüler haben heute so viel Stress, da sind sie einfach nicht mehr so belastbar“, erklärt Michael Lauer. Sein Tipp daher: einen kühlen Kopf behalten und den Verkehr gut im Auge behalten.

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