Offene Ganztagsschulen in Übach-Palenberg: Mehr als betreutes Spielen

Offene Ganztagsschulen : Mehr als ein bisschen betreutes Spielen

„Das ist doch nur ein bisschen betreutes Spielen“ - Sätze wie diese machen Ulla Sevenich-Mattar, die Vorsitzende vom spielend Lernen e. V. der Arbeiterwohlfahrt im Kreis Heinsberg, wütend.

„Bei vielen Menschen, gerade in der Politik, ist noch immer nicht angekommen, was wir leisten“, so Sevenich-Mattar. Die Eltern wüssten hingegen die Chancen der Offenen Ganztagsschule (OGS) zu schätzen und wüssten um seinen Stellenwert für die weitere Entwicklung des Kindes.

„Bildung, Erziehung, Betreuung und Förderung - all das leisten Offene Ganztagsschulen“, ergänzt Nathalie Schneider von der Fachberatung.  Zentral für das Gelingen eines qualitativ hochwertigen Angebotes an Offenen Ganztagsschulen sei die intensive Zusammenarbeit zwischen Schulen und Partnern aus der Kinder- und Jugendhilfe. „Es geht um die Verzahnung und den Austausch“, betont Nathalie Schneider. Impulse aus dem Unterricht würden in den Nachmittagsstunden vertieft.

Verzahnung wichtig

„Erzählt ein Kind beispielsweise beim Essen ganz aufgeregt darüber, was er heute alles über das Wasserreinigungswerk gelernt hat, so könnte man gut ein Miniaturwerk nachbauen und die Kinder dreckiges Wasser filtern lassen“, gibt Nathalie Schneider ein praktisches Beispiel. Andere Kinder hätten nach dem Unterricht einen großen Bewegungsdrang, auch dies können in einem Spiel aufgegriffen werden. „Die Palette reicht von der Raum- und Projektgestaltung bis hin zu außerschulischen Angebote und Exkursionen“, erklärt  Nathalie Schneider. „Wir sind ein familienergänzendes System und nutzen den gesamten Sozialraum mit den örtlichen Vereinen in der Umgebung.“

Ulla Sevenich-Mattar, die Vorsitzende vom spielend Lernen e.V., und Nathalie Schneider von der Fachberatung setzten sich zusammen mit der AWO für bessere Rahmenbedingungen in der Offenen Ganztagsbetreuung ein. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Der Verein betreut aktuell mit 114 Mitarbeitern rund 1000 Kinder an vier Grundschulen in Übach-Palenberg und sechs Grundschulen in Wegberg. Im jüngsten Kreistag wurde der spielend Lernen e.V. als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt, dies war aber eher eine Formsache und wurde einstimmig befürwortet. „Wir waren auch vorher über die AWO als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt“, erklärt Ulla Sevenich-Mattar. Allerdings hätten sich die Bedingungen für die Beantragung von Förderungen zur Qualifizierung von  Mitarbeitern geändert. Ein Verein müsse dafür nun selbst als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt sein, daher dieser Schritt.

Der Verein wurde am 16. Juli 2008 gegründet, aber bereits seit dem Schuljahr 2003/04 ist die Arbeiterwohlfahrt im Kreis Heinsberg auch in der Betreuung nach der Schule aktiv. „Eltern hatten sich damals an uns gewandt. Sie wusste nicht, was sie machen sollten. Ihre Kinder waren vorher bei uns im Kindergarten in der Ganztagsbetreuung“, erzählt Ulla Sevenich-Mattar.

Familie hat sich verändert

Eine Betreuung nach der Schule habe es damals so noch nicht gegeben. „Das höchste der Gefühle war ein gesicherter Unterricht von 8 bis 13 Uhr“, erinnert sich die Vereinsvorsitzende. „Am Anfang mussten wir sehr viele Kompromisse bei den Räumen und der Ausstattung eingehen und kreativ werden.“

Als klar wurde, dass die OGS  ein „Dauerbrenner“ wird, wurde der Verein gegründet. „Heute besteht einfach die Notwendigkeit, die Familie hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert“, weiß Ulla Sevenich-Mattar. Oftmals seien beide Elternteile berufstätig, es gebe Patchwork-Familien und auch viele Alleinerziehende. „Durch die für den Job notwendige Mobilität wohnen dann die Großeltern meist nicht mehr in der Nähe und auch die Nachbarschaft ist nicht mehr so verbunden“, so Sevenich-Mattar. „Dieser Veränderungen muss man ernst nehmen und das gesellschaftliche Umfeld anpassen.“ Die Offenen Ganztagsschulen haben sich dabei zu einem wichtigen Bildungs-, Betreuungs- und Förderangebot für Schüler entwickelt. Sie tragen dazu bei, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen.

„Trotzdem stimmen die Rahmenbedingungen noch immer nicht“, sagt Ulla Sevenich-Mattar. Seit Jahren setze sich die AWO für eine Verbesserung in der Politik ein. Besonders vor dem Hintergrund, dass aufgrund der steigenden Nachfrage nach OGS-Plätzen, die inzwischen vielerorts nicht mehr gedeckt werden können, der aktuelle Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD einen Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder ab dem Jahr 2025 vorsieht, bekommt die Vereinsvorsitzende Sorgenfalten. Ihrer Meinung nach könne das Land diesen Anspruch aktuell nicht stemmen und die Rahmenbedingungen würden sich dadurch nur noch weiter verschlechtern.

„Die Mitarbeiter sind mit Herzblut dabei“, weiß Ulla Sevenich-Mattar. „Ich kann nur jedem Politiker anbieten, einmal für eine Woche in der OGS zu hospitieren. Danach wüsste er, welche Kraft darin steckt.“ Trotzdem sind die Beschäftigungsverhältnisse derzeit prekär.

Verbindliche Standards fehlen

 „Wir haben außerdem noch immer keine einheitlichen Mindeststandards bei der Personal sowie der räumlichen und sächlichen Ausstattung“, erklärt Ulla Sevenich-Mattar weiter.  Noch immer könne, trotz einer leichten Nachbesserung seitens der Politik, noch lange nicht von einer auskömmlichen Finanzierung gesprochen werden. Die Qualität der Ganztagsschulen hängt aktuell vorrangig von den freiwilligen Leistungen der einzelnen Kommunen ab. „Eine gute OGS darf aber keine Glückssachen sein“, zitiert Nathalie Schneider Slogan einer AWO-Kampagne.

Daher hat der Fachausschuss der Freien Wohlfahrtspflege NRW das Positionspapier zur OGS-Finanzierung jüngst aktualisiert. Eine wirksame Erhöhung der Kindpauschalen bleibt auf der Tagesordnung. „Es ist Zeit für ein tragfähiges, überall im Land gültiges Zukunftskonzept für den Offenen Ganztag“, so die zentrale Forderung, die auch der spielend Lernen Verein nur unterstreichen kann.