Weiterentwicklung des Gymnasiums: „G8 war eine unsinnige Entscheidung“

Weiterentwicklung des Gymnasiums : „G8 war eine unsinnige Entscheidung“

Jüngere Abiturienten und effektiverer Unterricht — das waren 2005 die Hoffnungen der Politik, als in Nordrhein-Westfalen die Schulzeitverkürzung am Gymnasium beschlossen wurde. Eltern dagegen befürchteten mit dem Turbo-Abi verstärkten Lernstress und sorgten durch politischen Dauerdruck dafür, dass der Landtag im vergangenen Sommer die Rückkehr zu G9 beschloss.

Bei der Frage, ob diese Entscheidung richtig ist, sind sich die Schulleiter am Gymnasium in Übach-Palenberg und Geilenkirchen einig. „Ich bin ganz klar für G9 und daher glücklich über diese Entwicklung“, so Jürgen Pallaske, Schulleiter am Bischöflichen Gymnasium St. Ursula in Geilenkirchen. „G8 war eine unsinnige Entscheidung.“ Die Zeit, die die Kinder nun mehr hätten, sei der Gewinn schlechthin.

Dieser Meinung habe sich der Schulträger, das Bistum Aachen, glücklicherweise ebenfalls angeschlossen. Auch mit dem Gerücht, dass es in Geilenkirchen trotzdem weiterhin eine Klasse geben soll, die nach G8 unterrichtet wird, räumt Jürgen Pallaske auf. Die Schule sei geschlossen zu G9 zurückgekehrt. Die jetzigen Fünftklässler würden alle in neun Jahren ihr Abitur machen:  „Ein Parallel-System beider Varianten würde auch keinen Sinn machen.“

Wieder Zeit für Hobbys

Hans Münstermann, Schulleiter am Carolus-Magnus-Gymnasium in Übach-Palenberg, ist ebenfalls froh über die Abkehr vom Turbo-Abi. „Niemand an der Schule ist nach der Entscheidung auf die Idee gekommen, an G8 festzuhalten“, erzählt der Schulleiter.

Als Vater habe er beide Systeme aus der Perspektive der Eltern erleben können. Eines seiner Kinder wurde nach G9 beschult, das andere machte in einem Jahr weniger sein Abitur. „Bei G8 sind die Nachmittage entsetzlich gepresst, und außerschulische Hobbys lassen sich nur schwer einbauen“, erzählt Hans Münstermann. „G9 gibt den Kindern einfach mehr Zeit.“ Zeit zum Spielen, Zeit für Hobbys, Zeit zum Nachdenken und Träumen, aber auch Zeit für Langeweile – eben einfach Zeit zum Kindsein. „Auch die Eltern sind sehr froh über diese Entwicklung“, weiß der Pädagoge.

Hans Münstermann, Schulleiter vom Gymnasium in Übach-Palenberg, sieht die Umstellung auf G9 trotz fehlender Prüfungsordnung entspannt: „Vielleicht bin ich aber auch so ruhig, weil ich mich so sehr über G9 freue.“. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Wie genau die Umsetzung von G9 aussehen soll, ist derzeit allerdings noch nicht klar. „Wir befinden uns ein wenig zwischen den Welten“, gesteht der Schulleiter in Übach-Palenberg. „Wir haben noch keine gültige Prüfungsordnung, keinen neuen Lehrplan, und es gibt auch noch keine angepassten Schulbücher.“ Mit einer neuen Prüfungsordnung rechnet er Anfang April.

Weiter nach alten Plänen

Aktuell wird daher noch Unterricht nach G8 gemacht, nur hätte die fünfte Klasse bereits jeden Tag um 13.15 Uhr Schulschluss. „Ich bin da relativ entspannt, schließlich haben wir ein Jahr mehr Zeit für den Stoff“, so Hans Münstermann. „Vielleicht bin ich auch so ruhig, weil ich mich so sehr über G9 freue.“

Auch in Geilenkirchen sieht die Lehrerschaft die Unklarheiten gelassen. „Mit der Entscheidung waren die Eckpunkte klar, und beim Rest sind wir einfach pragmatisch vorgegangen“, so Jürgen Pallaske. Es gab keine neuen Bücher, also wurde auch am bischöflichen Gymnasium nach den alten unterrichtet. „Die haben aktuell vielleicht ein Kapitel mehr als nötig, aber das lässt sich gut verantworten“, findet der Schulleiter.  Er freut sich besonders über die neuen Freiräume. Laut Entwurf der G9-Stundentafel müssen die Schüler mindestens 180 Gesamtwochenstunden bis zum Abi erreichen, bei G8 waren es 163. Weiterhin sind nun bis zu acht Ergänzungsstunden möglich.

„Da überlegen wir gerade, wie wir die am besten einsetzen“, so Jürgen Pallaske. Ergänzungsstunden können zur Profilbildung der Schule verwendet werden und dienen der zusätzlichen individuellen Förderung in Deutsch, Mathematik, den Fremdsprachen oder in den Naturwissenschaften.  Bei der Verteilung der Wochenstunden auf die Jahrgangstufen hat sich das Gymnasium bereits einen Rahmen festgelegt: „Von der fünften bis zur achten Klasse planen wir mit 30 Wochenstunden, somit ist jeden Tag nach der sechsten Stunde Schluss, und es bleibt auf  Wunsch der Eltern Zeit für AGs oder Tutorien.“

Sitzenbleiber brauchen zehn Jahre

Ein weiterer offener Punkt ist bisher der Umgang mit Sitzenbleibern, die dann von G8 in einen G9-Jahrgang wechseln müssten. „Die rechtliche Frage wurde da noch nicht beantwortet, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass für diese Schüler dann weiter G8 ermöglicht wird“, so Hans Münstermann. In dem Fall würde eine Wiederholungsrunde die Zeit bis zum Abitur auf zehn Jahre erhöhen: „Aber dieses Jahr mehr kommt leistungsschwachen Schülern ja eigentlich eher zu gute.“

In der Theorie wäre in diesem Fall allerdings auch ein Wechsel auf die Gesamtschule möglich, allerdings seien die Klassen der Gesamtschule in Übach-Palenberg bereits heute eher überfüllt. „Ich habe die Hoffnung, dass sich unter G9 die Zahl der Sitzenbleiber zukünftig verringert“, erklärt Jürgen Pallaske. Es gebe schließlich nun mehr Zeit für individuelle Förderungen: „Daher sollte die Reduzierung der Sitzenbleiber auch ein Ziel von uns sein.“

Raumbedarf kein Problem  

An beiden Schulen sind aktuell Bauarbeiten im Gange oder stehen kurz bevor. Daher gibt es keine Probleme in diesem Bereich. „Der erhöhte Raumbedarf wurde bei der Planung berücksichtigt“, sagt Hans Münstermann ebenso wie sein Kollege in Geilenkirchen: „Uns ist es wichtig, trotzdem auch weiterhin eine gute Mittagsverpflegung anbieten zu können, schließlich werden die Nachmittagsangebote der Schule gut angenommen.“