Kinder auf Schulweg vorbereiten: Das Elterntaxi einmal stehen lassen

Kinder auf Schulweg vorbereiten : Das Elterntaxi einmal stehen lassen

Am Donnerstag beginnt für viele Kinder in Geilenkirchen, Übach-Palenberg und Gangelt der Ernst des Lebens – ihr erster Schultag steht vor der Tür. Doch bei all den Vorbereitungen zur Einschulungsfeier sollten Eltern eines nicht vergessen: Der Schulweg und das Verhalten im Verkehr müssen geübt werden und nicht erst, wenn stolz die große Schultüte im Arm gehalten wird.

„Eltern sollten frühzeitig den Weg zur Schule mit ihrem Kind üben“, rät Uwe Castens, Verkehrssicherheitsbeamter in der Kreispolizeibehörde Heinsberg. Besonders wichtig dabei: „Beim Üben darf keine Hektik herrschen. Die Kinder brauchen ihre Zeit.“ Oftmals würde der Beamte Eltern mit dem Handy in der einen und dem Kind an der anderen Hand im Straßenverkehr beobachten. „Eltern sind Vorbilder. Daher sollten sie das Handy in der Hosentasche lassen und den Weg mit ihren Kindern aktiv gehen“, betont der Polizist.

Auch sei der kürzeste Weg nicht immer der sicherste für die i-Dötzchen. „Es ist sinnvoll, sich einmal auf die Höhe der Kinder zu begeben und zu schauen: Was sieht mein Kind überhaupt?“, erklärt Castens. Anders als Erwachsene könnten Kinder nämlich nicht über parkende Autos schauen. „Auch Geschwindigkeiten und Entfernungen sind für Kinder schwer einzuschätzen. Ebenso können sie Geräusche noch nicht so zuordnen“, weiß der Verkehrssicherheitsbeamte. Auf dem Weg würde es auch viel potenzielle Ablenkung geben: ein durch die Luft wirbelndes Blatt, eine kleine Pfütze oder ein freundlicher Hund.

Eine große Herausforderung für Kinder seien dabei Zebrastreifen. „Kinder müssen lernen, Blickkontakt mit dem Autofahrer aufzunehmen“, sagt Castens. Oftmals würden sie sich erst über die Straße trauen, wenn das Auto wirklich steht. „Viele Fahrer rollen aber langsam an den Zebrastreifen heran. Das irritiert die Kleinen.“

Uwe Castens ist Verkehrssicherheitsbeamter im Kreis Heinsberg. Er geht regelmäßig in die Schulen und gibt Eltern Tipps, wie sie ihren Nachwuchs auf den Schulweg vorbereiten. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Auch vom beliebten „Rüberwinken“ hält der Polizist bei Kindern wenig. „Der Fahrer muss dann garantieren können, dass die Straße wirklich frei ist“, so Castens. Kinder würde oftmals nicht noch einmal nach links und rechts gucken: „Auch wenn die Kinder abwinken und nicht über die Straße gehen wollen, müssen Fahrer das akzeptieren und nicht weiter drängen.“

Damit die frischgebackenen Schulkinder im Verkehr von den Autos gut gesehen werden, rät Uwe Castens zu Warnwesten. „Nicht nur im Herbst sind die Westen sinnvoll. Auch in der Sonne sind die Kinder damit besser sichtbar.“ Wem die Weste optisch nicht zusagt, der könne auch online nach modischen Leuchtjacken suchen: „Die sehen dann aus wie eine ganz normale leichte Jacke. Allerdings reflektieren sie das Licht bei Kontakt mit Scheinwerferlicht.“

Die Angst besorgter Eltern vor einem Unfall auf dem Schulweg kann der Beamte relativieren. „Natürlich gibt es heute mehr Verkehr als früher, aber die Unfälle auf Schulwegen befinden sich im Kreis Heinsberg im niedrigen zweistelligen Bereich“, berichtet Castens. Zudem seien sie im ersten Halbjahr 2019 markant rückläufig: „In ganz NRW sind von allen 660.000 Unfälle lediglich 1200 von Kindern auf dem Schulweg.“

Ab welchem Alter Eltern ihren Nachwuchs guten Gewissens alleine zur Schule gehen lassen können, sei sehr verschieden. „Manches Kinder kann man in der Kita schon fast alleine gehen lassen, andere lassen sich selbst in der vierten Klassen noch zu sehr ablenken“, so Castens. Dabei gelte: Übung ist alles.

Meisten Kinder werden gefahren

„Von der Rückbank aus können Kinder nicht besser werden“, betont der Experte. Er schätzt, dass 80 Prozent der Eltern ihre Sprösslinge zur Schule fahren. Dabei habe es viele Vorteile, den Weg zu Fuß zu meistern: „Die Motorik wird gefördert, das Gefahrenbewusstsein und der Orientierungssinn werden verbessert. Außerdem ist es auch gut für das Selbstbewusstsein der Kinder, sie erleben die Natur, und nach einem kleinen Fußweg, bei dem einen der Wind um die Ohren pfeift,  starten die Kleinen wach in den Schultag.“

Doch selbst wer seine Kinder aus Zeitgründen oder aufgrund der Distanz mit dem Auto zur Schule fahren muss, soll nicht bis zum Eingang des Schulgeländes vorfahren. „Die letzten hundert Meter kann man gehen und das Verhalten im Straßenverkehr üben“, findet Castens. Dadurch würde sich auch das hohe Verkehrsaufkommen vor den Schulen entspannen. Nicht nur vor dem St. Ursula Gymnasium in Geilenkirchen würde sich regelmäßig ein Stau bis in den Kreisverkehr bilden, auch die anderen Schulen im Kreis beklagen die vielen Fahrzeuge vor Unterrichtsbeginn.

„Wir können da nicht viel machen. Selbst wenn wir einen Tag Verwarngeld für die Missachtung des Halteverbots verteilen, ändert sich nichts“, weiß der erfahrene Beamte. Die Eltern seien Belehrungsresistent und das Problem würde sich stattdessen immer weiter zuspitzen. „Man sollte einen Moment mal nicht nur sein eigenes Kind im Blick haben“, plädiert Uwe Castens für mehr gegenseitige Rücksichtnahme.

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