Geilenkirchen: Sportvereine: Bei Unfällen stößt das Ehrenamt an seine Grenzen

Geilenkirchen : Sportvereine: Bei Unfällen stößt das Ehrenamt an seine Grenzen

Ronnie Goertz ist Vorsitzender des Kreissportbundes Heinsberg und als solcher bemüht, den angeschlossenen Sportvereinen all diejenigen Hilfen an die Hand zu geben, die einen reibungslosen Ablauf der Vereinstätigkeit möglich machen. Wie schnell und unerwartet aber eine ehrenamtliche Vereinsführung in die Klemme kommen kann, erlebt seit vier Jahren der TuS Oberbruch.

Vor dem Amtsgericht Geilenkirchen wird derzeit ein Tauchunfall unter die Lupe der Justiz genommen, der sich am Sonntag, 2. Juni 2013, am Lago Laprello ereignet hat. Eine junge Taucherin hatte an einem Tauchgang teilgenommen, der von der Tauchabteilung des TuS Oberbruch durchgeführt worden war. Vermutlich an den Folgen des Unfalls ist die Taucherin im September 2016 gestorben.

Totschlag durch Unterlassung?

Das dramatische Ereignis dahingehend aufzuklären, ob den angeklagten Tauchpartner der Verunglückten, ein Tauchlehrer des TuS Oberbruch, eine Schuld am Unfallgeschehen trifft, ist die schwierige Aufgabe des Gerichts. Derzeit steht sogar ein Totschlag durch Unterlassung im Raum.

Als Zeugen werden auch Ehrenamtliche des TuS Oberbruch gehört, die teilweise Vorstandsämter im Gesamtverein oder Aufgaben in der Tauchabteilung wahrnehmen oder -nahmen. Die Zeugenbefragung ist für die Betroffenen alles andere als ein Kindergeburtstag. Da geht es ans Eingemachte, da werden die Vereinsstrukturen und Verantwortlichkeiten mit Nachdruck erörtert. Es stellt sich die Frage: Ist ein ehrenamtlich geführter Verein in der Lage, Strukturen aufzubauen und kontrolliert umzusetzen, die, wenn es hart auf hart kommt, einer gerichtlichen und versicherungsrechtlichen Überprüfung standhalten? Und wenn nicht: Wer hält den Kopf hin?

Ronnie Goertz sieht, dass das Ehrenamt in solchen Fällen schnell an seine Grenzen stoßen kann. Der Kreissportbund bemühe sich, so Goertz, den Verantwortlichen im Verein über Weiterbildungskurse des Landessportbundes Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. Goertz: „Wir wollen euch so fit machen, dass ihr die Rahmenbedingungen kennt und beachtet.“ Doch Ronnie Goertz sagt auch: „Bei der Forderung, mehr Zeit aufzuwenden, um etwas zu erreichen — da bin ich mit viel Demut unterwegs.“

Das Aufrechterhalten des normalen Vereinslebens mit seinem Trainings- und Spielbetrieb selbst sei schon eine enorme Herausforderung, die oft neben der beruflichen Tätigkeit zu meistern sei. Da bleibe kaum Zeit, Kursangebote wie die „Kurz & Gut“-Seminare des Landesportbundes wahrzunehmen. „Eigentlich müsste jeder Vereinsvorstand die Inhalte der Seminare drauf haben“, ist Goertz überzeugt. Doch die Realität sieht anders aus. Weitergehende Möglichkeiten böten die Vereinsberatungen, die bis zu einem gewissen Umfang kostenlos vom Landessportbund angeboten würden. Doch auch hier sei die Nachfrage im Verhältnis zur Vereinszahl nicht groß. Die Vereinsberatung würde die Tür öffnen, um Schwachstellen in der Organisation eines Vereins oder einer Abteilung ausfindig zu machen.

Lückenlose Rückverfolgung

Im Falle des Tauchunfalls wird beispielsweise der Punkt der Gerätewartung penibel hintergefragt. Ronnie Goertz verweist hier auf die Feuerwehr, die, wenn sie ehrenamtlich betrieben wird, oftmals für diesen sensiblen Bereich von der Stadt bezahltes Fachpersonal einsetze. Es mag ein Unterschied sein, ob ein Fußball falsch aufgepumpt oder ein Atemregler der Tauchausrüstung Probleme macht — das Vereinsleben wird aber in beiden Fällen von Ehrenamtlichen aufrecht erhalten. Ronnie Goertz: „Wenn es um die lückenlose Rückverfolgung der Kontrollen geht, ist die Personalabteilung eines ehrenamtlich geführten Vereins schwach aufgestellt. Im rechtlichen Rahmen zu dokumentieren, ist kaum möglich.“

Im Kreis Heinsberg, so Goertz, habe nach seinem Wissen lediglich der TV Erkelenz eine hauptamtliche Mitarbeiterin in der Geschäftsstelle, und wenige weitere Vereine hätten Minijobs zur Unterstützung im verwaltenden Bereich eingerichtet. Ronnie Goertz: „Die meisten Vereine sind zwar zu groß, um ehrenamtlich geführt zu werden, aber zu klein, um jemanden zu bezahlen. Das ist eine organisatorische Herausforderung für den Sport.“ Themen wie Finanzen und Steuern, Sportversicherung und Berufsgenossenschaft müssten ehrenamtlich aufgearbeitet werden.

VIBSS heißt das Programm, mit dem der Landesportbund den Vereinsverantwortlichen Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand geben möchte. Auch eine Vorstandsklausur unter Einbeziehung eines externen Moderators wird angeboten. Doch welcher ehrenamtliche Vereinsvorstand hat dafür Zeit? Ronnie Goertz spricht zu Recht von „Demut“, wenn er an die Leistungen der Ehrenamtlichen im Sportverein denkt. Doch wenn ein Fall eintritt wie der Tauchunfall am Lago Laprello, stellt sich die Frage, was man besser hätte machen können. Oder war es ein Unfall, der nicht zu verhindern war?

Ronnie Goertz denkt im Gespräch laut nach und kommt zu dem Schluss, dass, wenn die Gesellschaft das Ehrenamt will, sie demjenigen, der bereit ist, ein Ehrenamt auszuüben, auch entgegenkommen muss. Schließlich haben auch Ehrenamtler nur einen 24-Stunden-Tag. Ronnie Goertz: „Bislang dringen die Inhalte unserer Angebote nicht in die kompletten Vorstände rein.“