Geilenkirchen-Kraudorf: Schwer gestörter Dorffrieden: Streit um Bürgerhaus spaltet Familien

Geilenkirchen-Kraudorf : Schwer gestörter Dorffrieden: Streit um Bürgerhaus spaltet Familien

Eigentlich, so sagen die Eheleute Karin Thieves und Eduard Jöris, wollten sie kurzfristig den Termin mit unserer Zeitung absagen. Zu viel Angst hätten sie, erklären sie. Angst vor Beleidigung und Bedrohung.

Doch dann, so sagen sie weiter, hätten sie allen Mut zusammengenommen. Karin Thieves und Eduard Jöris wollen weiter gegen ein von der „Interessengemeinschaft der Pfarre Kraudorf“ geplantes Bürgerhaus kämpfen, gemeinsam mit etwa zehn anderen Bürgern des kleinen Dorfes. Insgesamt aber seien es 88 Menschen aus dem 117 Einwohner zählenden Kraudorf und dem 151 Einwohner zählenden Nachbardorf Nirm, die sich dagegen ausgesprochen hätten.

Seit Monaten ist der Dorffrieden in der kleinen Ortschaft Kraudorf erheblich gestört. Während die Vereine ein Bürgerhaus für sich als Treffpunkt, für die Jugend- und Altenarbeit im Ort, für das Pfarrarchiv und den Schützenstand wollen, fürchten die Gegner, dass es mit der Ruhe und Idylle in dem beschaulichen Ort ganz vorbei ist.

Um die laufenden Kosten zu decken, so haben es Karin Thieves und Eduard Jöris ausgerechnet, müsste das Bürgerhaus regelmäßig vermietet werden. Mit 100 bis 200 Gästen rechnen sie, die an den Wochenenden Partys feiern. Und die 50 bis 100 Autos, mit denen diese meist auswärtigen Gäste anreisen, würden den ganzen Ort zuparken.

Während das kleine Kraudorf in dieser Angelegenheit bereits im Frühjahr entzweit war, sind es mittlerweile auch schon Familien, deren Bande zerrissen sind. Der Ortsvorsteher nämlich, Uwe Jöris, ist der Bruder von Eduard Jöris. Beide sind in der Angelegenheit zerstritten.

Am Randes des Brunnenfestes am vergangenen Wochenende war es wieder einmal zu Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern gekommen. Diese gingen so weit, dass die Polizei gerufen wurde. Es kam zu einer Anzeige wegen Beleidigung. Auch KarinThieves und Eduard Jöris werden von einem Anwalt beraten. „Wir werden Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstatten. Es kann nicht sein, dass wir beleidigt und bedroht werden“, sagt Karin Thieves.

„Ich bin kein Querulant und kein Verhinderer“, betont Eduard Jöris. Er habe sich immer für den Ort eingesetzt, sei 1987 Schützenkönig gewesen und seit 50 Jahren Mitglied des örtlichen Fußballvereins. „Wenn die Vereine etwas gemachthaben, habe ich geholfen.“ Als gelernter Maurer habe er die Aussegnungshalle am Friedhof und die kleine Kapelle in Hoven gebaut. Auch den Plan, ein Bürgerhaus zu errichten, habe er zunächst nicht für falsch gehalten. „Als ich später aber diese Ausmaße gesehen habe, habe ich mich gefragt: Wie soll Kraudorf das stemmen?“

Mit 336 Quadratmetern solle das Bürgerhaus für die 117 Kraudorfer oder, wenn man es hochrechnet, für die rund 420 Angehörigen der Pfarre Kraudorf, Hoven, Kogenbroich und Nirm genauso groß werden wie das Bürgerhaus in Bauchem. „Aber da leben 7000 Menschen“, sagt er.

Karin Thieves hatte eine Wirtschaftlichkeitsberechnung gemacht, hat fein säuberlich die Kosten für Versicherungen, Energie, Wasser und Abwasser, Straßenreinigung und Müllbeseitigung, für eine Reinigungskraft und einen Hausmeister aufgeschrieben. Sie kommt auf eine geschätzte Gesamtsumme von 19.703 Euro im Jahr und damit auf rund 1650 Euro im Monat.

„Diese Summe kann man nur durch Fremdvermietung hereinbekommen“, sagt sie. Ein 160 Quadratmeter großer Partyraum, der auch erweiterbar sei, biete 100 Sitzplätze oder 200 Stehplätze. „Wenn diese Besucher mit Autos kommen, ist unser Ort zugeparkt“, befürchtet sie. Die zwei Vermietungen im Monat, die die Interessengemeinschaft angekündigt habe, würden da nicht reichen. Allerdings rechne die Interessengemeinschaft lediglich mit Kosten von 6000 Euro im Jahr.

Derweil hat Eduard Jöris der Interessengemeinschaft andere Vorschläge unterbreitet. „Ich würde das seit zwei Jahren nicht mehr bewohnte Pfarrhaus ausbauen, die obere Wohnung vermieten und die unteren Räume für Vereine und Feiern zur Verfügung stellen“, sagt er.

Schließlich sollten auch innerörtliche Häuser im Ortskern erhalten bleiben. Doch dieser Vorschlag sei bei den Bürgerhaus-Befürwortern auf wenig Gegenliebe gestoßen. „Manche möchten sich mit dem Bürgerhaus ein Denkmal setzen. Würde man aber das Pfarrhaus umbauen, hätten wir ein Haus für die Gemeinschaft und müssten nicht fremdvermieten“, sagt Eduard Jöris.

Worüber er sich mächtig ärgert, ist das Ergebnis einer Versammlung des CDU-Ortsverbsandes am 20. Juni, an der er, zwar nicht CDU-Mitglied, teilnehmen wollte. Sein Bruder, der örtliche CDU-Vorsitzende Uwe Jöris, habe ihm erklärt, dass dies eine nichtöffentliche Sitzung sei und er den Raum verlassen müsse. Schließlich habe er den Sitzungsraum verlassen und sich im Schankraum aufgehalten.

Eduard Jöris kämpft weiter

Franz-Michael Jansen (CDU) habe ihm nach der Versammlung mitgeteilt, die CDU werde sich aus der Angelegenheit heraushalten. Es sei allerdings der Auftrag an den Ortsverband der CDU mit ihrem Vorsitzenden Uwe Jöris gegangen, eine neuerliche Befragung der Bürger vorzunehmen.

CDU-Fraktionschef Max Weiler habe ihm das Prozedere erklärt: Demnach solle die Interesengemeinschaft eine Versammlung für alle Dorfbewohner einberufen. Jede Partei habe dann 20 Minuten die Möglichkeit, ihr Projekt vorzustellen, bevor nochmals abgestimmt wird. Mit dieser Verfahrensweise seien alle Anwesenden einverstanden gewesen. Man sei der Meinung gewesen, dass so Ruhe im Dorf einkehren könne.

In einem späteren Gespräch habe ihm sein Bruder aber deutlich gemacht, dass er sich nicht an die Absprache halten wolle. „Auch der bei der CDU-Versammlung anwesende Parteichef Dirk Kochs konnte sich nicht mehr an die Absprache erinnern. Und Max Weiler ist nicht mehr zu erreichen“, zeigt sich Eduard Jöris mehr als enttäuscht. Für ihn steht aber fest: „Nachdem die Sache so eskaliert ist, werden wir weiter kämpfen.“

„Wir wollen Ruhe in der Pfarre“

Derweil möchte Ortsvorsteher Uwe Jöris endlich wieder Frieden im Dorf haben. „Als Ortsvorsteher muss ich für ein vernünftiges Zusammenleben sorgen. Das ist im Moment aber sehr schwierig“, gesteht er. Bei der Idee von Franz-Michael Jansen, die Bürger nach erneuter Vorstellung der Konzepte zu befragen, habe es sich nur um einen Vorschlag gehandelt. Jansen sei nicht so im Thema drin und kenne die Probleme zwischen Gegnern und Befürwortern des Bürgerhauses nicht.

Außerdem, so sagt Uwe Jöris, hätten die Gegner des Bürgerhauses nach der CDU-Versammlung in einem Schreiben an die Bevölkerung falsche Tatsachen behauptet. „Jede Partei — Befürworter und Gegner eines Bürgerhauses — hatte die Möglichkeit, ihr Konzept den Ratsfraktionen vorzustellen. Das haben beide getan. Jetzt sollte man die Fakten sprechen lassen und nicht immer wieder für neuen Streit im Dorf sorgen“, sagt Uwe Jöris.

„Wir wollen Ruhe in der Pfarre“, sagt auch Hubert Braun, Sprecher der Projektgruppe Bürgerhaus. Jansen sei bei CDU-Versammlung „vorschnell zu einer Antwort gezwungen worden“. Braun kritisiert, dass den Gegnern des Bürgerhauses ein unverbindliches Gesprächsangebot vom 8. Mai schriftlich vorliege, allerdings bisher nicht wahrgenommen wurde.

„Durch Falschbehauptungen und andere Aktivitäten ist genügend Unruhe in der Pfarre entstanden“, ärgert er sich. So würden die Gegner mit falschen Zahlen agieren. Die monatlichen Kosten für ein Bürgerhaus würden sich keinesfalls auf 1650 Euro belaufen. „Das Bürgerhaus in Würm verursacht Kosten in Höhe von 825 Euro im Monat. Warum sollten unsere Kosten höher liegen?“, fragt er und versichert: „Wir haben einen Auftrag, und den verfolgen wir weiter. Und vermieten müssen wir das Bürgerhaus nur einmal im Monat.“ Außerdem gebe es nur ein Konzept für ein Bürgerhaus, ein zweites liege nicht vor.