Schülerin Leandra Thelen aus Geilenkirchen besiegt Krebs

Mit eigener Geschichte anderen helfen : Schülerin besiegt den Krebs

Wenige Tage vor ihrem sechsten Geburtstag stellte der Zahnarzt während einer Routineuntersuchung bei Leandra Thelen einen aggressiv und schnell wachsenden Knochentumor am rechten Oberkiefer fest. Ein Schock für die ganze Familie.

„Meine Eltern waren sehr beängstigt und aufgeregt, ich habe die Tragweite der Diagnose damals noch nicht verstanden“, erzählt die Schülerin aus Geilenkirchen.

Heute mit 13 Jahren möchte Leandra Thelen anderen Patienten Mut machen und ihnen und ihren Angehörigen zeigen, dass sie mit ihrem Schicksal, ihren Sorgen und Ängsten nicht alleine sind. Unter dem Titel „Meine persönliche Krise: Krebs“ hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben und mit einer wissenschaftlichen Arbeit zu einem historischen Vergleich zwischen der früheren und heutigen Krebstherapie und den Auswirkungen auf die Psyche und das Umfeld der Patienten verwoben. Für diese 22 Seiten wird die Schülerin am kommenden Montag, 1. Juli, im Haus der Geschichte in Bonn im Rahmen der Landespreisverleihung NRW des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten ausgezeichnet.

Als die Schülerin des St. Ursula  Gymnasiums das Thema des Wettbewerbs „So geht es nicht weiter. Krise, Umbrüche, Aufbruch“ las, war ihr Entschluss schnell gefasst, sich mit einem Beitrag zu beteiligen: „Ich sah es als Möglichkeit, meine Geschichte zu erzählen.“ Zusammen mit ihr waren von September 2018 bis Februar 2019  bundesweit rund 5.600 junge Menschen auf historischer Spurensuche. In insgesamt 1.992 Beiträgen zeigten sie, welche geschichtliche und aktuelle Relevanz die Auseinandersetzung mit dem Thema hat.  138 Preise gehen am Montag an Schüler in NRW.

Überraschende Diagnose

„Es ist ein unschönes Thema, das leider unseren Alltag bestimmt und jedem von uns schon einmal begegnet ist, sei es im Verwandten- oder Freundeskreis oder sogar durch persönliche Betroffenheit: Krebs“ – mit diesen Worten beginnt die Arbeit von Leandra Thelen. Nach ihrer überraschenden Diagnose ging es für die Familie ins Uniklinikum Aachen. „Dort war ich eine kleine Sensation. Mein ganzes Zimmer war voller Ärzte und alle wollten einmal den Tumor ertasten“, erinnert sich die Schülerin. Normalerweise tritt diese Art Krebs nämlich bei Rauchern und Alkoholikern auf.  „Mir selbst war der Tumor vorher nicht aufgefallen“, erinnert sie sich.

Sehr präsent sind ihr allerdings noch die bald folgenden Schmerzen: „Ich wurde  sechs Mal operiert, lag sehr lange im Krankenhaus und durfte mich nur von Suppen ernähren. Besonders das Zähneputzen war keine prickelnde Angelegenheit.“ Nachdem ihr ein Teil vom Beckenkamm zum erneuten Knochenaufbau eines verbliebenen Zahnkeims entnommen wurde, musste die kleine Leandra außerdem sehr lange Bettruhe halten. Gar nicht so einfach für ein aufgewecktes Mädchen, das am liebsten mit dem Spielzeugtraktor aus dem Spielzimmer durch die Gänge des Krankenhauses fuhr, oder die grünen Streifen auf dem Teppich in den Fluren des Klinikums zählte.

„Meine Mutter hat mich in all der Zeit begleitet und war ständig bei mir“, betont Leandra Thelen. Dafür ist die Schülerin ihr heute sehr dankbar: „Die Leute haben sie oft mit ihren Blicken verurteilt. Nach meinen Operationen hatte ich viele blaue Flecke und Schwellungen im Gesicht und sah misshandelt aus.“

Ihre letzte große Operation hatte Leandra Thelen mit acht Jahren. Aktuell trägt sie eine Zahnspange, damit einzelne Zähne in die richtige Position wandern: „Ich bin noch immer Dauergast im Krankenhaus.“ Alle drei Monate muss sie zur Kontrolle: „Heute bin ich mir der Tragweite meiner damaligen Erkrankung bewusst.“ Mit einem „mulmigen“ Gefühl im Bauch und auch mit ein wenig Angst fahre sie dann nach Aachen. „Bei mir ist es ein Gendefekt. Der Krebs kann wiederkommen“, weiß Leandra Thelen. Laut ihrem Arzt Prof. Dr. Dr. Frank Hölzle sei dies aber unwahrscheinlich. „Er begleitet mich schon seit der Diagnose, kennt mich und kann mich gut beruhigen.“ Durch ihn und ihre Erkrankung entstand auch  ihr Berufswunsch: „Ich möchte später Chirurgin werden.“

In ihrer Arbeit wirft die Gymnasiastin auch einen Blick auf die Geschichte der Krebsforschung. Von der Antike, mit der ersten bekannten Aufzeichnung zum Thema Krebs, über das Mittelalter und seiner Lehre von den vier Säften des Körpers bis hin zur Neuzeit und der Bestrahlung und Chemotherapie. „In der Arbeit bin ich besonders darauf eingegangen, welche Auswirkungen die Krebs-Diagnose auf die Psyche hat“, erzählt Leandra Thelen. „Viele Betroffene und Angehörige fallen erst einmal in ein Loch.“ So sei es auch bei ihrer Familie gewesen: „Meine Mutter hat dann erst einmal nur funktioniert und das alles erst viel später verarbeitet.“ Die Krankheit sei eine Achterbahnfahrt der Gefühle – mit Angst, Rückschlägen und Tiefpunkten, aber auch Hoffnung.

„Ich war beeindruckt von der Arbeit. Leandra hat wahnsinnig selbstständig gearbeitet und hatte überhaupt keine Motivationsprobleme“, erzählt ihr Klassenlehrer Pascal Cremer. Zusammen mit Anne Ziemons leitet er die AG „Geschichtspreis“ an der Schule. „Leandra ist erst in der achten Klasse, aber befasst sich mit viel Wortwitz auf 20 Seiten wissenschaftlich fundiert und gibt Einblicke in ihre persönliche Geschichte. Das ist einfach nur toll“, lobt er seinen Schützling.

„Ich habe einen hohen Anspruch an mich selbst und wollte in dem Wettbewerb nicht letzte werden“, verrät Leandra Thelen. „Ich habe sehr lange an der Arbeit geschrieben. Teilweise von mittags bis 23 Uhr.“   Über die Auszeichnung war sie dennoch eher sehr überrascht: „Meine Mutter und Frau Ziemons werden mich zu der Preisverleihung begleiten.“ Sollte sie das Thema der nächsten Ausschreibung ebenso sehr ansprechen, will sie gerne ein zweites Mal mitmachen.

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