Einblicke ins kriminelle Milieu: Schöffengericht spricht Goldhändler vom Vorwurf der Hehlerei frei

Einblicke ins kriminelle Milieu : Schöffengericht spricht Goldhändler vom Vorwurf der Hehlerei frei

Das Geilenkirchener Schöffengericht hat einen Goldhändler aus dem Kreis Heinsberg vom Vorwurf der Hehlerei freigesprochen. Richterin Corinna Waßmuth und ihre Schöffen sahen es nicht als erwiesen an, dass der Angeklagte Schopenhauer (Name geändert) wissentlich Diebesgut angekauft und damit seinerseits Handel betrieben hat.

Dennoch bot die rund fünfstündige Hauptverhandlung aufschlussreiche Einblicke sowohl in das hiesige kriminelle Milieu als auch in die Ermittlungsarbeit der Polizei.

Das Verfahren gegen Goldhändler Schopenhauer hat eine längere Vorgeschichte, die ihren Lauf bereits 2015 nahm. Damals konnte die Polizei im Krampf gegen die grassierende Einbruchskriminalität einen Erfolg verbuchen, als sie zwei Intensivtäter festnahm: René K. und Kevin B. B. beging in der Heinsberger Justizvollzugsanstalt Selbstmord.

K. hingegen zeigte sich gegenüber den Ermittlern kooperativ, durch seine Aussagen geriet auch Goldhändler Schopenhauer auf deren Radar. Es kam zu Durchsuchungen in Ladenlokal und Wohnung von Schopenhauer, wo die Polizei tatsächlich Gegenstände entdeckte, die als gestohlen gemeldet worden waren. Doch hatte Schopenhauer gewusst, was er da ankaufte und verkaufte? Nahm er zumindest billigend hin, Einbrechern ihr kriminelles Handwerk zu vergolden?

Einbrecher René K., der für seine Taten verurteilt worden und mittlerweile auf Bewährung auf freiem Fuß ist, musste dazu nun vor dem Schöffengericht aussagen. Er belastete Schopenhauer schwer. „Mindestens 38 bis 40 Einbrüche“ hätten er und sein Kompagnon innerhalb eines halben Jahres begangen, erklärte René K. Richterin Corinna Waßmuth. Das eingenommene Geld hätten sie anschließend für Drogen ausgegeben oder in der Spielhalle verzockt.

Als Zwischenschritt musste das Diebesgut natürlich verkauft werden. Je nachdem, um was es ging, hätten sie rund acht oder neun verschiedene Anlaufstellen gehabt. Konsolen hätten sie hier verschachert, Elektrogeräte da, und Schmuck eben bei Schopenhauer. Der Kontakt sei so ausgeprägt gewesen, dass sie Schopenhauer zu jeder Tages- und Nachtzeit hätten anrufen können, auch außerhalb der eigentlichen Geschäftszeiten seien sie empfangen worden, sagte K. aus. Das Ladenlokal verließen sie dann mit Summen, die sich im niedrigen bis hohen dreistelligen Bereich abspielten.

Ihnen war offenbar durchaus bewusst, dass es Misstrauen erwecken dürfte, wenn sie immer aufs Neue Schmuck, hochwertige Uhren, Armbänder oder Münzen anbieten. Darum legten sie sich eine erlogene Geschichte zurecht: Sie würden als Kleinunternehmer Haushaltsauflösungen bei Verstorbenen vornehmen und kämen so an die Ware. René K. ließ im Zeugenstand wenig Zweifel daran, dass er seine eigene Geschichte rückblickend für wenig glaubwürdig hält. „So etwas glaubt man doch nicht zwei jungen Leuten, die da vorbeikommen in Jogginghosen und mit Eastpak-Rucksäcken“, erklärte er. Schopenhauer habe ganz genau gewusst, was er da an sich nimmt.

Die polizeilichen Ermittlungen gegen den Goldhändler waren nach den Durchsuchungen auch über das Treiben des Duos René K. und Kevin B. hinaus ausgeweitet worden. Verdächtig kam den Ermittlern etwa vor, dass auch eine sehr junge Frau namens P. regelmäßig Schmuck bei Schopenhauer angeschleppt hatte.

Bei einem Besuch der Beamten im Hause P. stellte sich heraus, dass der Schmuck der Mutter gehört hatte und diese sich schon über den unklaren Verbleib so manchen Stücks gewundert hatte. Der Vorgang mag familienintern geklärt worden sein, da er jedoch keinerlei juristischen Konsequenzen hatte, ließ er sich schlechterdings nicht gegen Schopenhauer verwenden. Denn wie will man jemanden der Hehlerei mit Gegenständen überführen, die offiziell gar nicht gestohlen worden sind?

Die generelle Schwierigkeit an dem Verfahren bestand aus Sicht der Anklage darin, dass das Gericht sich anhand von Aussagen Dritter eine Meinung darüber zu bilden hatte, was der Angeklagte gewusst haben muss. Auch zwei weitere Zeugen mit krimineller Vergangenheit, von denen einer in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wurde, sowie der Polizeibeamte E. konnten letztlich nichts zur Verhandlung beisteuern, was Schopenhauer in entscheidender Weise belastet hätte.

Blieben also die Aussagen von René K., dessen Auftreten jedoch wenig zur Glaubhaftigkeit seiner Geschichte beitrug. „Ich habe vor zwei Wochen meine Steroide fürs Training abgesetzt, das macht mich aggressiv“, erklärte er dem Gericht seine aufgekratzte Gemütslage. Und er bekannte sich freimütig dazu, jedem „ans Bein pissen“ zu wollen, der ihn im Verlauf seiner kriminellen Karriere „verarscht“ habe — wovon er beim Angeklagten explizit ausging. Für dessen Rechtsanwälte war es eine Fingerübung, die Redlichkeit des Zeugen K. in Zweifel zu ziehen.

Der Angeklagte schweigt

Der Angeklagte selbst machte von seinem Recht zu schweigen Gebrauch. Stattdessen ließ er seine Geschäftsunterlagen sprechen, die ja von den Ermittlern gründlich durchleuchtet worden waren. Entlastet wurde er dadurch, dass der verstorbene Kevin B. per Unterschrift beteuert hatte, rechtmäßiger Eigentümer der verkauften Schmuckstücke zu sein. Auch die Steuerfahndung, die seinerzeit auf den Plan getreten war, hatte Schopenhauer sämtliche Unterlagen anstandslos zurückgegeben, was wenig über die Frage nach Wissen oder Nichtwissen aussagen mag, aber eben doch für ein grundsätzlich untadelig geführtes Geschäft spricht.

Und schließlich hatte Schopenhauer auch die Weitergabe der gestohlenen Gegenstände an Scheideanstalten dokumentiert, was man so auch nicht unbedingt machen würde, wenn man davon ausgeht, etwas zu verbergen zu haben. Kurzum: Schopenhauer hatte sich an die Normen gehalten, die für sein Geschäft gelten.

Zurück an den Besitzer

Dessen ungeachtet ging die Staatsanwaltschaft bei einem Teil der 14 angeklagten Taten von „bedingtem Vorsatz“ aus und forderte eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung auszusetzen sei. Das Schöffengericht schloss sich dem jedoch nicht an und sprach Schopenhauer frei. „Es reicht nicht, wenn Diebesgut aus Versehen angekauft wird, es muss ein Vorsatz vorliegen“, erklärte Richterin Waßmuth.

Dem nunmehr freigesprochenen Goldhändler gab sie als guten Ratschlag zur Vorbeugung gegen weitere juristische Probleme mit auf den Weg, im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür Sorge zu tragen, dass möglicherweise noch in seinem Besitz befindliches Diebesgut den Weg zurück zum rechtmäßigen Eigentümer findet.

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