RWTH und FH-Scouts an der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen

Für gleiche Chancen sorgen : Talente mit Köpfchen frühzeitig fördern

Zwei Scouts von der RWTH und FH Aachen beraten an der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen. Ein zentrales Ziel des Programms ist es, junge Menschen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen — unabhängig vom Einkommen, Bildungsstand oder Nachnamen der Eltern.

Im sportlichen Bereich ist es bereits ein vertrautes Bild: Talentscouts beobachten vom Spielfeldrand oder von der Tribüne junge Sportler beim Training und im Wettkampf. Frühzeitig wird der potenzielle Nachwuchs für den eigenen Verein gefördert. Doch Talentförderung gibt es nicht nur auf dem Sportplatz. Sie hat auch Einzug in die Klassenräume der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen gehalten. Seit einem knappen Jahr werden dort talentierte und ehrgeizige Schüler  aus den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft durch Talentscouts der RWTH und FH Aachen beraten und gefördert. Am Montag hat die Schule dafür die Plakette „Schule im NRW Talentscouting“ erhalten und einen Kooperationsvertrag unterschrieben. „Das Projekt ist eine klassische Win-Win-Situation“, findet Schulleiter Uwe Böken. Denn zum einen würden Talente gefördert, aber auch die Hochschulen könnten ihre Angebote an der Schule präsentieren.

Bis heute entscheidet laut einer Untersuchung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Deutschland oftmals nicht das vorhandene Talent über den Bildungsweg, sondern der familiäre Hintergrund. 77 Prozent der Kinder aus Familien mit akademischen Erfahrungen studieren, während es sich bei Kindern aus Familien ohne akademische Erfahrungen genau andersherum verhält: 77 Prozent der Kinder studieren nicht. Hier setzt das Programm an.

Ein zentrales Ziel des Programms ist es, jungen Menschen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen — unabhängig vom Einkommen, Bildungsstand oder Nachnamen der Eltern. Talentierte Jugendliche aus weniger privilegierten Verhältnissen werden ermutigt, sich ein Studium oder eine Berufsausbildung zuzutrauen und dabei unterstützt, diesen Weg erfolgreich zu bestehen — damit eben nicht nur der Arztsohn  Arzt wird.

„Das Talentscouting leistet einen entscheidenden Beitrag zu einer chancengleicheren und gerechteren Bildung für alle“, betont auch Uwe Böken. Dabei wisse er im doppelten Sinne, wovon er spreche. In seinem Stammbaum gebe es vor ihm niemanden, der eine akademische Ausbildung ergriffen hat. „Und ich bin auch aus Überzeugung im Bereich der Gesamtschule tätig geworden, da ich für mehr Bildungsgerechtigkeit arbeiten wollte“, erzählt der Schulleiter.

„Es handelt sich nicht um ein Rekrutierungsprogramm“, erklärt Vera Richtert von der FH Aachen. Das Ergebnis sei offen. „Die Talente bestimmen, wohin es geht“, betont Vera Richtert.

Auch die Scouts erkennen den Nutzen für die FH und RWTH Aachen an. „Hochschulen sind große und klobige Institutionen“, erklärt Yusuf Bayazit von der RWTH Aachen. „Und auch wir müssen uns den Herausforderungen der Zukunft stellen.“ Dafür leiste das Projekt einen Beitrag.

An der Gesamtschule in Geilenkirchen sei das Talentscouting bisher gut angelaufen. Insgesamt 33 Schüler aus der Oberstufe nehmen bereits an dem Projekt teil. „Und es werden stetig mehr“, verrät Yusuf Bayazit. Das Angebot richtet sich an besonders leistungsstarke und motivierte Schüler. Die Beratung ist dabei stets individuell, und die Talente werden langfristig und nachhaltig begleitet.

Im regen Kontakt mit Yusuf Bayazit steht zum Beispiel der gebürtige Russe Sergey Junker. Er lebt erst seit einigen Jahren in Deutschland. „Meine Eltern kennen sich hier mit dem Studium nicht aus“, erklärt der fleißige Schüler. Daher sei er dankbar für die Hilfe. „Ich brauchte einfach jemanden, der mich da begleitet“, erzählt er. Diese Person hat er in Yusuf Bayazit gefunden. Durch den RWTH Scout erfuhr er von einer Infoveranstaltung mit Vorlesungen zu verschiedenen Fachrichtungen. Die Architektur hat ihm dabei besonders gefallen. Diesen Weg will er nun einschlagen, denn dort kann er seinen zwei Leidenschaften nachgehen: der Kunst und der Technik. „Die beruflichen Chancen sind ebenfalls gut“, hat Sergey Junker erfahren.

Auch Alexander Matern ist nicht in Deutschland geboren. „Ich habe in Kasachstan bereits als Schweißer gearbeitet“, sagt er. Nach dem Abitur möchte er gerne Maschinenbau studieren. „Da er sich besonders für die Schweißtechnik interessiert, werden wir demnächst das entsprechende Institut an der RWTH besuchen“, erzählt Yusuf Bayazit.

In einer ganz anderen Richtung sieht Maike Commerscheidt ihre Zukunft. „Ich möchte gerne Kunst studieren“, sagt die Schülerin. Die Scouts haben sie bei den verschiedenen Auswahlverfahren beraten. „Aktuell arbeite ich noch an meiner Bewerbungsmappe“, verrät sie. Daher strebe sie erst eine Bewerbung zum Sommersemester 2020 an.

Auf einen Eindruck aus erster Hand kann sich bald Simon Ubachs freuen. „Ich möchte gerne Psychologie studieren, und über den Scout wurde der Kontakt zu einem Studenten dieser Fachrichtung im fünften Semester in Aachen hergestellt“, erzählt der Schüler. „Ich werde mit ihm einen Tag in der Uni verbringen und seine Sicht auf die Uni und den Studiengang erfahren.“ Auch Annika Gerullies hat schon ein Ziel für ihre Zukunft vor Augen. „Ich möchte gerne Medizin studieren, die RWTH kann ich mir dabei gut vorstellen“, sagt das Talent. Sie wurde durch den Studien- und Berufskoordinator der  Schule auf das Scouting-Projekt aufmerksam gemacht. „Da der Numerus Clausus für Medizin bei 1,0 liegt, wollte ich mir in der Beratung noch einen Plan B und C überlegen“, so Annika Gerullies. Sollte es mit dem Medizinstudium nun nicht klappen, will sie eine Ausbildung zur Gesundheitspflegerin machen: „Da ich dafür bereits eine Zusage habe, brauche ich Plan C nicht mehr.“

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