Geilenkirchen: Rathausrandalierer Olaf S. verliert auch vor Gericht die Beherrschung

Geilenkirchen: Rathausrandalierer Olaf S. verliert auch vor Gericht die Beherrschung

Wie schnell die Stimmung von Olaf S. umschlägt, davon bekamen die Anwesenden im Gerichtssaal am Ende einer gut anderthalbstündigen Verhandlung noch live und in Farbe einen Eindruck geboten. Es ging um die Frage seiner Unterbringung im Falle einer Entlassung aus der U-Haft, und der Staatsanwalt ließ erkennen, dass er die Chancen auf eine günstige Sozialprognose eher als gering erachte.

Binnen weniger Sekunden kochte S. vor Wut, „Pisser“ zischte er deutlich vernehmlich, als er abgeführt wurde.

Seine unkontrollierbaren Wutausbrüche sind es, die S. auf die Anklagebank des Schöffengerichts gebracht haben. Angeklagt ist er wegen zahlreicher Vorfälle, bei denen er drohte, pöbelte, beleidigte, Angst und Schrecken verbreitete. Vor allem die Mitarbeiter des Geilenkirchener Rathauses kennen ihn gut. Im vergangenen Jahr sorgte S. dort für eine regelrechte Serie an Attacken, die so drastisch ausfielen, dass mehrere Mitarbeiter anschließend dienstunfähig waren und sogar ein kostspieliger Sicherheitsdienst engagiert wurde. Dies sorgte damals schon für Schlagzeilen.

Am Amtsgericht wurde am Donnerstag erstmals öffentlich kommuniziert, dass es zu ähnlichen Vorfällen auch schon in der Psychiatrie in Gangelt, wo S. immer wieder in Behandlung war, und am Amtsgericht selbst gekommen ist. Aus genau diesem Grunde wurde die Verhandlung auch nicht von Direktorin Corinna Waßmuth geführt, die selbst schon von S. angegangen worden ist, sondern vom Kollegen Schönig.

Olaf S. ist 32 Jahre alt und wurde in Heinsberg geboren. Ausweislich eines in der Sitzung verlesenen Gutachtens verlief seine Kindheit problematisch, die Mutter starb früh, mittlerweile ist auch sein Vater nicht mehr am Leben. In der Schule bekam S. früh Schwierigkeiten, immerhin schloss er die Hauptschule nach neun Jahren ab.

Da nahm er längst verschiedenste Drogen, sein weiterer Lebenslauf war eine Aneinanderreihung von Klinikaufenthalten, Drogenentzügen, Rückfällen und Sozialmaßnahmen. Die Gutachterin beschrieb S. und seine Persönlichkeit als „deutlich egozentrisch und unempathisch“, „leicht reizbar und leicht kränkbar“ sowie „dissozial mit narzisstischen Zügen“, seine Wahrnehmung sei „inhaltlich eingeengt auf das eigene Erleben“: S. leidet an einer handfesten Persönlichkeitsstörung.

Kein Bankkonto

Die Auseinandersetzungen mit dem Rathaus drehten sich um die Sozialleistungen, die S. zustehen, aber offenbar dadurch verkompliziert wurden, dass er über kein Bankkonto verfügt. So kam es bereits 2016 mehrfach dazu, dass er im Rathaus erst vorstellig und dann ausfällig wurde. „Hurensohn“ scheint noch zu den gemäßigteren Ausdrücken in seinem Repertoire zu zählen.

Im Herbst 2016 verhängte das Rathaus ein Hausverbot, dennoch wurde S. 2017 zunehmend handgreiflich. Bei einer besonders heftigen Attacke am 29. Mai warf er Stühle durch die Gegend und trat so lange gegen eine Feuerschutztür, hinter die sich die Rathausbelegschaft zurückgezogen hatte, bis diese verzogen und nicht mehr zu gebrauchen war. „Bevor ich komplett ausgerastet bin, stand da eine Frau vom Sozialamt, die hat mich so voll dreckig angegrinst. Die haben mich schön provoziert“, versuchte S. am Donnerstag sein Verhalten zu erklären, das er vor diesem angeblichen Hintergrund offenbar als nicht unangemessen betrachtet.

Diesen und weitere Vorfälle gestand S. im Wesentlichen. Er bestritt allerdings, am 12. Juli 2017, als er gleich dreimal am Rathaus auftauchte, mit einem Messer bewaffnet gewesen zu sein, und widersprach damit der Anklage. Die Polizei, die noch während der Auseinandersetzung zwischen S. und dem Sicherheitsdienst eingriff, konnte jedenfalls in der Tat kein Messer sicherstellen, wohl aber einen abgebrochenen Besenstiel.

„Tickende Zeitbombe“

Auf Antrag des Verteidigers wurde die weitere Verhandlung schließlich vertagt. Der zweite Termin findet kommende Woche Freitag statt. Bis dahin werden Richter S. und seine beiden Schöffen sich sicherlich den ein oder anderen Gedanken darüber machen, wie man jemanden wie S. im Rahmen des geltenden Rechts unter Kontrolle halten und seine Umwelt vor ihm schützen kann. „Das muss auf jeden Fall aufhören“, sagte Richter Schönig. „Es kann nicht sein, dass die Leute im Rathaus aus Angst vor Ihnen die Türen abschließen und Sie als tickende Zeitbombe durch die Gegend laufen.“

Andererseits waren die angeklagten Taten wohl auch bei Weitem nicht so schwerwiegend, dass man S. dauerhaft „wegsperren“ könnte, wie es heutzutage gerne gefordert wird. In der Anklage ging es letztlich um zwar zahlreiche, aber eben vergleichsweise banale Straftaten wie Hausfriedensbruch, Bedrohung, Beleidigung, vorsätzliche Körperverletzung (für einen Schlag mit der flachen Hand gegen die Schulter eines Rathausmitarbeiters) und versuchte schwere Körperverletzung (für das Werfen von vier Kieselsteinen auf einen Arzt in Gangelt). Vergleichsweise harmlos liest sich also, was von den dramatischen Attacken übrig bleibt, wenn sie durch die Staatsanwaltschaft in konkrete Straftatbestände gegossen worden sind.

Ritalin schlägt Amphetamine

Bevor S. schließlich auch im Gerichtssaal der Kragen platzte, hatte er beteuert, für den Falle einer Freilassung die Mitarbeiter des Sozialamts in Ruhe lassen zu wollen. An Amphetaminen, unter deren Einfluss sich seine Aggression offenbar noch deutlich steigert, habe er das Interesse verloren. Mit ärztlich verordnetem Ritalin komme er besser klar. S. gedenkt sogar, seinen Lebensmittelpunkt nach Aachen zu verlagern, wo ja auch sein neuer Betreuer herkomme.

Falls es dazu jemals kommt, müsste das dortige Sozialamt ihm seine Leistungen auszahlen.