Geilenkirchen: Rathausrandalierer kommt Mitte April frei

Geilenkirchen : Rathausrandalierer kommt Mitte April frei

Herbert Brunen und Wilfried Schulz mussten tief durchatmen, als der Richter das Urteil gegen Olaf S. verlas. Wenige Minuten später standen sie betreten vor dem Amtsgericht, die Sorgenfalten auf der Stirn. Die Aufgaben für den weiteren Tagesverlauf standen nunmehr fest.

Sozialamtsleiter Schulz würde seine 35 Mitarbeiter über das Urteil informieren müssen. Und der Erste Beigeordnete Herbert Brunen mit dem Sicherheitsdienst die weiteren Schritte besprechen. Olaf S. hatte eine Bewährungsstrafe bekommen.

S. ist der sogenannte Rathausrandalierer, der im vergangenen Jahr mit seinen Attacken auf die Stadtverwaltung und besonders auf das Sozialamt für Schlagzeilen gesorgt hat. Bei mehreren Vorfällen, die sich im Sommer häuften, griff er die Mitarbeiter an, beleidigte sie aufs Übelste und zertrümmerte Inventar.

Einmal soll er minutenlang mit Anlauf auf eine abgeschlossene Brandschutztür, hinter die das versammelte Sozialamt sich zurückgezogen hatte, eingetreten haben, bis diese völlig verzogen war und ausgetauscht werden musste. Keiner weiß, was geschehen wäre, hätte die Tür nicht gehalten. Zu vergleichbaren Vorfällen war es außerdem vor der Gangelter Psychiatrie und am Amtsgericht selbst gekommen.

S. scheint sich im Klaren darüber zu sein, dass er ernsthafte Schwierigkeiten hat, doch bislang hat ihm niemand helfen können, seine Aggressionen in den Griff zu bekommen. Selbst vor Gericht war er am ersten Verhandlungstag ausfällig geworden und hatte den Staatsanwalt als „Pisser“ beschimpft.

„Ich habe einen Ball bekommen, den ich so drücke, wenn ich aggressiv werde“, erzählte S. gestern Richter Schönig. In der Verhandlung war von dem Ball nichts zu sehen, stattdessen hielten Fußfesseln und ein gut gebauter Gerichtsdiener, der neben S. Platz nahm, das allgemeine Sicherheitsempfinden im grünen Bereich.

Gestörte Persönlichkeit und drogenabhängig

S. leidet an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung und ist drogenabhängig, ausweislich eines Gutachtens jedoch schuldfähig. Bei einem Verhandlungstermin in der vergangenen Woche war seine Schuldfähigkeit noch infrage gestellt worden. Eine Überweisung des Falls ans Landgericht stand im Raum. Diese Möglichkeit hatte sich jedoch zwischenzeitlich offenbar erledigt, die Gutachterin trug bei der gestrigen Verhandlung, anders als angekündigt, gar nicht erst vor.

Ungeachtet der Angst, die er verbreitet hat, musste Olaf S. sich lediglich wegen Delikten verantworten, die sich „eher im unteren Unrechtsbereich“ abspielen, wie auch der Staatsanwalt einräumte: Hausfriedensbruch, Beleidigung, Bedrohung, versuchte schwere Körperverletzung, Besitz von Betäubungsmitteln. Mit Blick auf eine Reihe von Vorstrafen und die aus seiner Sicht ungünstige Sozialprognose forderte der Staatsanwalt dennoch eine Gefängnisstrafe von 15 Monaten ohne Bewährung.

Vor dem Urteilsspruch gehörten dem Angeklagten die letzten Worte: „Es tur mir alles leid, was passiert ist. Aber ich kann es ja auch nicht rückgängig machen. Ich hatte nichts zu tun und Langeweile.“ Danach verurteilte Richter Schönig S. in der Tat zu 15 Monaten, setzte diese Strafe jedoch entgegen der Forderung des Staatsanwalts für drei Jahre zur Bewährung aus.

„An dem Tag, an dem Sie unten am Rathaus, hier am Gericht oder sonstwo auftauchen und meinen, den großen Max machen zu müssen, heben wir die Bewährung auf. Das ist ein Versprechen. Sie sind auf dem Weg in die Sicherungsverwahrung“, warnte Schönig den nunmehr Verurteilten noch. „Kein Problem“, erwiderte der und nickte.

Beigeordneter Brunen und Sozialamtsleiter Schulz dürften unter keinen Umständen gewillt sein, abzuwarten, ob ein zivilisiertes Auftreten wirklich plötzlich „kein Problem“ für S. ist. Er muss noch bis Mitte April Ersatzfreiheitsstrafen wegen nicht gezahlter Geldstrafen, die in der Vergangenheit wegen anderer Delikte angefallen sind, absitzen.

Danach ist er auf freiem Fuß. Bis er am Rathaus auftaucht, um seine Sozialleistungen in Empfang zu nehmen — S. hat kein Bankkonto —, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein. Sollte S. sich wieder als obdachlos melden, ist die Stadt zudem verpflichtet, ihm eine Unterkunft zu stellen. Bis zu seiner Festnahme war S. in Kogenbroich untergebracht.

Rathaus wird wohl weiter vom Sicherheitsdienst bewacht

Schulz und Brunen kündigten gestern unmittelbar nach dem Urteilsspruch an, die Türen des Sozialamts nun verschlossen zu halten. Dass das Rathaus den Sicherheitsdienst weiter beschäftigen will, darf ebenfalls als ausgemacht gelten.

Dabei ist die Verwaltung auch auf die Zustimmung der Politik angewiesen. Aus deren Reihen war erst in der vergangenen Woche ein gewisses Unbehagen hinsichtlich der weiteren Sicherheitsmaßnahmen artikuliert worden. Man könne sich „nicht ewig“ einen Sicherheitsdienst leisten, hatte der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Jürgen Benden, festgestellt. Und Gabi Kals-Deußen (Fraktion „Für GK!“) hatte die Aussicht auf verschlossene Türen als „diskriminierend“ für den überwiegenden Teil des Publikums bezeichnet, der keine Gefahr darstellt.

(jpm)
Mehr von Aachener Nachrichten