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Pubertät und Depression: Therapeuten in Geilenkirchen überlastet

Pubertät und Depression : Was tun, wenn sich das Kind verändert?

Ernste Depression oder „nur“ Pubertät? Viele Eltern sind sich dabei unsicher. Die Folge sind monatelange Wartelisten bei den Therapeuten in Geilenkirchen und Umgebung.

Yannik ist zehn Jahre alt. Er hat viele Freunde, ist gut in der Schule, und er spielt Fußball im Verein. Er hat Talent und ist bei seinen Mannschaftskameraden als Teamplayer bekannt und beliebt. Dann kommt für Yannik einiges zusammen. Er steht kurz vor dem Wechsel in die weiterführende Schule, und seine Mannschaft verliert ihren Trainer.

Die Truppe fällt auseinander. Yannik hat Angebote von mehreren Vereinen, er entscheidet sich für eine neue Mannschaft in der Nähe. Seinen Eltern fällt auf, dass Yannik häufig über Kopfschmerzen klagt. Manchmal auch Bauchschmerzen, Atemnot oder Herzrasen. Sie suchen den Kinderarzt auf, aber Yannik ist kerngesund. Zumindest körperlich. Immer häufiger kann er abends nicht einschlafen. Er hat Angst vor der Dunkelheit, Angst, ernsthaft krank zu werden oder beim Sport zu wenig Leistung zu bringen. Diese Ängste gehen so weit, dass Yannik nicht mehr gerne unter Menschen gehen mag. Er bekommt Panikattacken, und schließlich sagt er zu seinen Eltern: „So will ich nicht mehr weiterleben!“

An diesem Punkt ist für die Eltern klar: Ihr Sohn braucht Hilfe. Sie machen sich auf die Suche nach einem Kinderpsychologen. Und das ist gar nicht so leicht. Es gibt Wartelisten von mehreren Monaten.

Das kann die Diplom-Sozialpädagogin Andrea Kuhn nur bestätigen. Als Kinder- und Jugendlichentherapeutin führt sie eine eigene Praxis am St.-Elisabeth-Krankenhaus Geilenkirchen. Vor drei Jahren hat sie ihre Praxis eröffnet, innerhalb einer Woche konnte sie keinen Therapieplatz mehr anbieten. Nach sieben Tagen hatte sie bereits eine Warteliste. Das hat sich in den drei Jahren nicht geändert. Bis zum nächsten Frühjahr ist bei ihr kein Therapieplatz mehr zu erhalten.

„Vier therapeutische Praxen gibt es in Geilenkirchen, alle haben Wartelisten“, weiß Kuhn nach Gesprächen mit ihren Kollegen. Die jungen Patienten kommen nicht nur aus Geilenkirchen, auch aus Übach-Palenberg, Gangelt, Selfkant, Baesweiler und Heinsberg herrscht Andrang. Die Situation wird sich in nächster Zeit kaum ändern.

Diese Einschätzung deckt sich mit den Ergebnissen des aktuellen Kinder- und Jugendreports der Krankenkasse DAK-Gesundheit. Demnach zeigte etwa jedes vierte Schulkind im Alter von zehn bis 17 Jahren psychische Auffälligkeiten. Jeweils rund zwei Prozent litten unter einer Depression oder Angststörungen.

Andrea Kuhn hat seit drei Jahren ihre Praxis als Therapeutin in Geilenkirchen. Seitdem hat sie eine lange Warteliste. Foto: ZVA/Udo Stüßer

„Der Bedarf an Therapeuten ist groß und wird aufgrund der gesellschaftlichen Anforderungen weiter wachsen“, sagt Andrea Kuhn. Heute seien beide Elternteile berufstätig und Häuser, in denen mehrere Generationen unter einem Dach leben, gebe es kaum noch. Oftmals würden auch Konflikte im Elternhaus auf die Kinder übertragen, ist die Einschätzung der Therapeutin. Allerdings habe die Kassenärztliche Vereinigung die Zahl der Therapeuten in Geilenkirchen auf vier limitiert. Es dürfen sich also keine weiteren Fachkräfte niederlassen, um die Situation zu entzerren.

Andrea Kuhn möchte deshalb aufklären. Denn sie erhält immer mehr Anrufe von besorgten Eltern, deren Kinder eigentlich keine therapeutische Hilfe benötigen. „Viele Eltern reagieren auf die Stimmungsschwankungen ihrer Kinder zu schnell mit dem Ruf nach dem Therapeuten. Sie sind verunsichert und überfürsorglich“, sagt Andrea Kuhn. „Dabei befinden sich die Kinder nur in der Pubertät.“

Yanniks Eltern haben es geschafft, einen Termin bei einer Kinderpsychologin zu bekommen. Nach einem gemeinsamen Erstgespräch hat Yannik fünf Einzeltermine. Die Einschätzung der Expertin: Yannik habe mit vielen Veränderungen gleichzeitig zu kämpfen. Zu den äußeren Ereignissen kämen auch bei ihm die ersten Auswirkungen der Pubertät hinzu. Zu viel für den Zehnjährigen.

Für die Pädagogin und Therapeutin Andrea Kuhn ist die Pubertät ein ganz normaler Zustand im Entwicklungsprozess eines Kindes zwischen dem zehnten und zwölften Lebensjahr. „Das Gehirn muss sich neu strukturieren, vom Nacken bis zur Stirn ist es eine Großbaustelle. Es wird wie eine Festplatte neu formatiert“, erklärt sie den Reifeprozess. Kennzeichnend für diese Entwicklungsphase seien Stimmungsschwankungen von himmelhochjauchzend bis zum Tode getrübt, Sexualhormone würden ausgeschüttet. „Eltern müssen darauf verständnisvoll reagieren, müssen zuhören, fragen, wie der Tag war, Gespräche über Alltag, Schule und Freunde führen“, rät Andrea Kuhn. In dieser Phase komme es zu Reibungen, auch mal zu einem Wutausbruch.

„Eltern wollen perfekt sein, perfekt im Job, perfekt nach außen hin und perfekt mit den Kindern. Und bei den beruflichen Anforderungen hat man nicht mehr die nötige Zeit und Ruhe für die Kinder“, hat Andrea Kuhn in ihrer Praxis festgestellt. Wertvolle Zeit, die man für Gespräche nutzen könnte, verdaddeln auch die Kinder selbst: am Fernseher, am Computer, am Handy, „die viel Freizeit auffressen“, wie Andrea Kuhn sagt. Bei vielen Kindern und Jugendlichen komme es im Zusammenhang mit den Veränderungen in der Pubertät zu Auffälligkeiten im Verhalten. Seien Stimmungschwankungen und sonstige Symptome einmalig und oberflächlich, sei das noch kein Hinweis auf eine psychische Erkrankung: „Erst wenn Kinder länger auffällig sind, sollte man einen Arzt oder Therapeuten hinzuziehen. Entscheidend ist die Häufigkeit der Vorfälle.“

Yannik hat in der Zwischenzeit den Schulwechsel geschafft, und auch in der neuen Fußballmannschaft ist er heimisch geworden. Er hat viele Erfolgserlebnisse. Yanniks Ängste sind deutlich zurückgegangen. Er fühlt sich wieder wohler in seinem Körper – dabei hat die Pubertät ja gerade erst angefangen. Yanniks Eltern können heute nicht sagen, ob die Therapie der Grund dafür ist, dass sich Yanniks Zustand gebessert hat. Doch sie sind froh, dass sie diesen Schritt gegangen sind. „Vielleicht hätte sich alles auch von allein eingerenkt“, meint Yanniks Mutter. Trotzdem würde sie immer wieder so entscheiden.