Drogenprozess : Mildes Urteil wegen trauriger Vergangenheit?

Drogenprozess : Mildes Urteil wegen trauriger Vergangenheit?

Im Prozess gegen eine Bande mutmaßlicher Drogenhändler, darunter eine Frau aus Übach-Palenberg, ihr Ex-Partner und ein Niederländer, müssen sich fünf Angeklagte seit fast einem halben Jahr vor dem Landgericht im hessischen Darmstadt verantworten.

Sie sollen zwischen August 2016 und Juni 2017 überwiegend harte Drogen, die aus den Niederlanden stammten, an Abnehmer in ganz Deutschland veräußert haben. Das Haus der 58-Jährigen aus Marienberg habe als „Bunker“ für die Drogen gedient.

Wie krank muss jemand sein, um verhandlungsunfähig zu sein? Oder wird vom Gericht geschont, wer die traurigste Vergangenheit hat und diese tränenreich schildert? Oder geht es am Ende nur noch darum, ein sich schleppendes Verfahren möglichst schnell zu beenden — koste es, was es wolle?

Inzwischen hat die Kammer einen der Angeklagten, einen 23-Jährigen aus Südhessen, von den restlichen Angeklagten abgetrennt und zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ein Mannheimer soll im Oktober verurteilt werden. Bleiben noch drei, darunter die 58-Jährige Übach-Palenbergerin.

Diese erscheint inzwischen im Rollstuhl vor Gericht. Nachdem sie am vorletzten Sitzungstag nach kurzer Untersuchung für nicht verhandlungsfähig erklärt worden war, hatte eine Ärztin die 58-Jährige auf ihre generelle Verhandlungsfähigkeit hin begutachtet und nun der Kammer Bericht erstattet.

Freudloses Leben

Die Angeklagte, die auf abgehörten Telefonaten forsch, vital und selbstbewusst klingt, habe eine etwa 300 Seiten umfassende Krankenakte allein aus ihrer Zeit in Untersuchungshaft. „Das ist ungewöhnlich“, so die Ärztin. Oft im Wochentakt, manchmal täglich, habe sich die Frau, die in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt einsitzt, krank gemeldet.

Gelegentlich waren Notfälle darunter, etwa epileptische Krämpfe. Dann wieder habe sie von Kopfschmerzen, Druck an der Schläfe, Farbensehen, zuckenden Augenlid und Pochen im Fuß berichtet. Tabletten hätten nichts gebracht, „außer den Urin rot gefärbt“, berichtet die Ärztin aus dem Gespräch. Untersuchungen, darunter Tomographien und Blutbilder, hätten jedoch keine Auffälligkeiten gezeigt. Dass die Angeklagte Probleme mit dem Fuß habe, der seit einem Unfall verkürzt ist, stehe aber außer Frage. Bei jenem Unfall sei auch ihr damals zwölfjähriger Sohn ums Leben gekommen, habe die Angeklagte erzählt.

Überhaupt scheint das Leben der Frau aus Marienberg freudlos und von geradezu unfassbaren Schicksalsschlägen gezeichnet gewesen zu sein. Fünf Fehlgeburten habe sie erlitten. Ihr eigener Vater habe sie missbraucht und sei der Vater ihrer Tochter. Ihr Ex-Mann habe sie auf den Strich geschickt und bei der Arbeit gefilmt. Ihre Mutter sei alkoholabhängig gewesen, deren wechselnde Partner hätten sich auch an sie herangemacht. Als Kind sei sie an Typhus sowie zwei Mal an Hirnhautentzündung erkrankt.

Nach dem Autounfall, bei dem ihr Fuß verletzt wurde, sei sie 16 Mal operiert worden. Bei einer OP sei den Ärzten ein Fehler unterlaufen, sie habe zu wenig Sauerstoff abbekommen, drei Monate im Koma gelegen und leide seitdem unter epileptischen Anfällen. „Das hat sie gesagt“, lässt die Ärztin immer wieder in ihren Bericht einfließen. Ob sie der Frau glaubt oder nicht, lässt sich nicht erkennen.

Aufmerksamkeit durch Krankheit

Die JVA jedenfalls notierte im Juli: „Sie klagt weiter über dies und das, weitschweifig, ist kaum im Gespräch zu halten“. Das bestätigt die Medizinerin im Gericht. Konkrete Antworten seien von der 58-Jährigen kaum zu erhalten. Ferner sei sie „geistig minderbegabt“ und verstehe deshalb oft nicht, was im Gerichtssaal besprochen werde. Auch sei sie eine Person, die „immer jemanden braucht, der ihr sagt, was sie tun soll“. Die Angeklagte ordne sich unter und erledige klaglos, aber gewissenhaft, was man ihr auftrage. Allerdings habe sie auch gelernt, dass ihr Krankheiten jene Aufmerksamkeit bringen, die sie brauche.

Wenn sie spreche, weine sie immer wieder heftig. So gibt sich die Frau auch im Gericht — in Tränen aufgelöst und höchst emotional, sobald sie das Wort ergreift. Wenn sie jedoch Gelegenheit hat, dem ebenfalls angeklagten 26-jährigen Niederländer einen Blick zuzuwerfen, strahlt und schäkert sie. Auf abgehörten Telefongesprächen nennen sich die beiden auch oft „Schatzi“ und „mein Lieber“.

Ganz ahnungslos von dem, was um sie herum geschieht, scheint die 58-Jährige ebenfalls nicht zu sein: Als die Richterin fragt, wie die Beschreibungen der Ärztin zu ihrem forschen Auftreten in den mitgeschnittenen Telefonaten passe, wirft sie stark schluchzend ein: „Ich mache doch nur, was man mir sagt.“ Genauso hatte die Medizinerin sie zuvor charakterisiert.

Prozess wird fortgesetzt

Dennoch hat das Gericht wohl Mitleid mit der Angeklagten — oder möchte das Verfahren endlich beenden. Nachdem die Verteidigerin der Frau bislang keine Anstalten gemacht hat, den kürzlich von Staatsanwaltschaft und Kammer angebotenen „Deal“ von sieben bis acht Jahren für die Angeklagte anzunehmen, kommt ihr das Gericht noch weiter entgegen: Angesichts des Gehörten „könnte sich die Kammer vorstellen, sogar noch unter dem zu bleiben, was zuletzt von der Staatsanwaltschaft genannt worden ist“, so die Vorsitzende. Der Prozess wird fortgesetzt.

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