Gangelt: Maria Hilf: Leiter Dieter Erfurth nimmt Abschied

Gangelt: Maria Hilf: Leiter Dieter Erfurth nimmt Abschied

Im September 1869 kamen drei Schwestern der „Armen Dienstmägde Jesu Christi“ nach Gangelt. Damit beginnt die Geschichte der Niederlassung Maria Hilf, die von der Ordensstifterin Maria Katharina Kasper selbst gegründet wurde. 24 Jahre später wurde aus der kleinen Ordensniederlassung eine Heil- und Pflegeanstalt für Menschen mit geistiger Behinderung.

Diese Menschen hatten bis zu dieser Zeit keine Anlaufstelle, in manchen Familien wurden sie bestenfalls geduldet und lebten ohne jede Förderung. Jetzt bekamen sie ihre Chance.

1979 kam Dieter Erfurth (61) als Verwaltungsleiter an die Spitze der Einrichtung. Heute, am Freitag, ist sein letzter Arbeitstag, und er übergibt das Haus als eine weit über die Landesgrenzen hinaus renommierte Einrichtung mit einer hohen Reputation, einem ausgezeichneten Ruf.

Pro Jahr werden rund 2000 Patienten in der Klinik und den Tageskliniken behandelt, etwa 12 000 Patienten in der Psychiatrischen Institutsambulanz. Im Betreuten Wohnen werden circa 1100 Klienten betreut, hinzukommen rund 480 Bewohner, die stationär untergebracht sind. 1400 Mitarbeiter werden beschäftigt.

Herr Erfurth, diese Einrichtung wollen Sie nun verlassen?

Erfurth: Ja, das verursacht in mir ein Wechselbad der Gefühle. Ich gebe Verantwortung ab und werde in meinem Leben Platz für neue Dinge haben. Dankbar bin ich dafür, so viele Jahre sinnstiftend für Menschen gearbeitet zu haben. Mein Nachfolger Martin Minten (46) ist mit Sorgfalt und mit meiner Beteiligung ausgesucht worden. Wir sind überzeugt, dass er die geeignete Person für diese Aufgabe ist. Die Gangelter Einrichtungen werden nicht ganz aus meinem Blickfeld verschwinden, weil meine Familie mit den Einrichtungen noch verbunden ist. Ich selbst werde mich mehr meiner Familie und meinen Hobbys widmen.

Sie arbeiten von Ihrem Büro aus und haben ein Vorzimmer. Wie halten Sie da Kontakt mit den Bewohnern?

Erfurth: Ich habe nach wie vor regelmäßig guten Kontakt zu den Bewohnern. Entweder kommen sie ins Büro oder ich treffe sie im Haus. Beliebt sind auch Gespräche nach dem Kirchgang. Es gibt Bewohner, die sich regelmäßig an mich wenden. Mal sind es die großen oder kleinen Probleme, mal werde ich daran erinnert, dass mein Gegenüber Geburtstag hat. Das wird sicher auch in Zukunft so bleiben.

Und die Arbeit mit den Ordensschwestern?

Erfurth: Der Umgang mit den Ordensschwestern war von Anfang an respektvoll und von großem gegenseitigem Vertrauen geprägt. Er ist heute fast familiär zu nennen. Durch die Tätigkeit meines Vaters haben mich die Schwestern — damals waren es 50, heute sind es in Gangelt noch vier tätige Schwestern — schon in sehr jungen Jahren kennengelernt. Sie haben mich und meine Familie begleitet. Wenn man dann viele Jahre in einer Führungsposition gemeinsam arbeitet, müssen naturgemäß viele heikle Situationen durchgestanden werden. Das schweißt zusammen.

1979 kamen Sie als Verwaltungsleiter nach Gangelt. Wie haben Sie das „Kloster“, wie die Einrichtung heute im Volksmund noch oft heißt, bei Ihrem Dienstantritt erlebt?

Erfurth: Bei meinem Dienstantritt 1979 war das Psychiatrische Krankenhaus Gangelt eine geschlossene Gesellschaft mit wenigen Kontakten nach außen.

Das Psychiatrische Fachkrankenhaus wurde 1975 eröffnet. Wie kam es dazu?

Erfurth: Neben dem großen Behindertenbereich wurde 1975 die Akutklinik eröffnet. Wesentlicher Anstoß hierzu war die Psychiatrie-Enquête, die große Veränderung in der psychiatrischen Landschaft in Deutschland anstieß und für eine Regionalisierung der psychiatrischen Versorgung sorgte. Darüber hinaus wollte der neue Chefarzt Dr. Martin Stoltenburg neben der Behindertenarbeit auch klinisch tätig sein.

Später kam es in der Behindertenhilfe zu einer Dezentralisierung und Differenzierung.

Erfurth: Im Laufe der 1980er und 90er Jahre kam es zu einer immer größeren Trennung zwischen der psychiatrischen Akutbehandlung und der Behindertenbetreuung. Das war fachlichen Aspekten geschuldet. Die Gesellschaft begriff immer mehr, dass die behinderten Menschen nicht krank sind, sondern eben behindert. Dass sie leistungsfähig sind innerhalb ihrer Möglichkeiten. Dabei waren die Werkstätten für Behinderte, die Aktion Sorgenkind, die Einflüsse aus dem Ausland über die europäische Gemeinschaft bestimmend.

„Dem Menschen dienen“ lautet einer der Leitsätze des Hauses. Ist das heute noch bei der Größe der Einrichtung für jeden einzelnen Patienten möglich?

Erfurth: „Dem Menschen dienen“ ist heute auch noch möglich, weil es jeder Mitarbeiter an seinem Arbeitsplatz in seinen konkreten Begegnungen tut. Wir unterscheiden zwischen Bewohnern, Klienten und Patienten. Bewohner sind geistig Behinderte, psychisch Behinderte oder alte Menschen, die in unserem Behindertenheim, in unseren Wohnstätten oder in unserem Altenheim leben. Als Klienten bezeichnen wir die Menschen, die unsere Leistungen im Betreuten Wohnen in Anspruch nehmen. Patienten sind die Menschen, die unsere klinischen Stationen oder eine unserer Tageskliniken oder unsere Psychiatrische Institutsambulanz in Anspruch nehmen.

Zu Ihrem beruflichen Einstand 1976 in Düsseldorf waren Sie Assistent Ihres Vaters Bernhard Erfurth. Auch heute finden wir zwei Erfurth-Kinder in den Gangelter Einrichtungen. Ein Familie, die beruflich an einem Strang zieht?

Erfurth: Damals war ich Assistent meines Vaters in Düsseldorf. Heute sind Benjamin (Landwirtschaft) und Sebastian (Küche) zwei meiner Kinder sowie zwei Schwiegerkinder Mitarbeiter der Gangelter Einrichtungen. Mein ältester Sohn Stefan ist stellvertretender kaufmännischer Leiter des St.Martinus-Krankenhauses in Düsseldorf, auch ein Unternehmen der Dernbacher Schwestern. Wir alle — in drei Generationen — haben uns von Katharina Kasper anstecken lassen und unsere Arbeit in ihren Dienst gestellt.

Der Förderverein, das Katharina Kasper-Heim, die Tageskliniken in Gangelt, Erkelenz und Heinsberg, das mittlerweile weit verzweigte Betreute Wohnen, die Kolping-Wohnstätten, Prospex, die Stiftung „Mit gleichen Chancen leben“, die Wohnstätten und die psychiatrische Institutsambulanz sind Meilensteine der Einrichtung, die zumindest in Teilen Ihre Handschrift tragen.

Erfurth: Alle Projekte sind irgendwie im übertragenen Sinne „Kinder“, und alle haben sich hervorragend entwickelt. Größtenteils weit über das angepeilte Ziel hinaus. Vielleicht als Beispiel eine Geschichte: Am 20. Dezember 2013 hatten wir die Weihnachtsfeier der Prospex gGmbH in der Begegnungsstätte der Stadt Heinsberg. Da erinnerte ich mich an den 20. Dezember 1993, als wir Prospex gegründet haben. Buchstäb­lich mit nichts als einer guten Idee und viel gutem Willen und natürlich dem notwendigen Fachwissen. 20 Jahre später stehen sie in der Begegnungsstätte auf der Bühne, haben 400 Menschen vor sich, die alle Mitarbeiter der Prospex sind und dort ihren Arbeitsplatz gefunden haben.

In diesem Moment ist man überzeugt, dass man das richtig gemacht hat.

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