Gangelt: Man kann nur in einer positiven Atmosphäre lernen

Gangelt: Man kann nur in einer positiven Atmosphäre lernen

„Wir machen zuerst Beziehung und dann Bildung. Andere Schulen machen Bildung und dann vielleicht Beziehung.” Damit spricht Peter Ruske, Leiter der Hauptschule Gangelt, die pädagogische Zielrichtung seines Hauses an. „Ja, man kann doch nur in einer positiven Atmosphäre lernen.”

Die Kinder müssen den Kopf frei haben, um den Lernstoff aufzunehmen”, betont Frank Randerath, der Sonderschullehrer für Schüler mit besonderem Förderbedarf an der Gangelter Hauptschule.

Diese Bemühungen stehen im klaren Widerspruch zur landläufigen Meinung, die Hauptschule sei zu einer „Restschule” oder „Klopperschule” verkommen. „Die meisten unserer Schüler sind aufrecht, anständig und nett”, bestätigt Randerath. Doch es gebe Einzelne, wie halt an jeder Schule, die das Image negativ ins öffentliche Licht rücken. Hier stehen die Lehrer vor einer besonderen pädagogischen Herausforderung:

Die Problemfälle - gegenwärtig sind es acht von 440 Schülern - kommen dabei aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Das sind Jugendliche, die Gewalt jeglicher Art erfahren haben, die geprügelt oder sexuell missbraucht wurden. „Die ganze Facette, die in der Gesellschaft vorhanden ist”, klagt Frank Randerath. Es sind Schüler, die keine Beziehungen mehr zu den Eltern haben. „Für diese Kinder und deren Probleme muss man ein offenes Ohr haben, das genießen diese Kinder. Wenn ich ihnen zuhöre und sie ernst nehme, ist das meine erste Hilfe.”

Konflikte vermeiden will auch Sozialarbeiterin Karin Ritterbex, die mit Sozial- und Entspannungstraining „krisenpräventiv” an der Schule arbeitet: „Hier lernen die Kinder Regeln, sich selbst wahrzunehmen und sich mit anderen gewaltlos auseinanderzusetzen.” Und trotzdem musste die Gangelter Hauptschule am 18. März die bittere Erfahrung machen, dass trotz des Krisenmanagements die Androhung eines Amoklaufes auch hier möglich ist. Eine e-Mail versetzte Schüler und Lehrer in Angst und Schrecken - der Täter wurde bislang nicht ermittelt.

„Wir arbeiten auch heute noch nach dem Motto mit Kopf, Herz und Verstand. Das klingt zwar wie eine Platitüde, ist aber im Kern vollkommen korrekt”, erklärt Ruske und weist auf die Leistungen seiner Schule hin.

Da sind zunächst die kleinen Klassen, in denen lediglich 18 bis 22 Jugendliche unterrichtet werden. Da sind die Lehrer, für die soziale Kompetenz ebenso wichtig ist wie Fachwissen. Sie verstehen sich als „Ansprechpartner” für die Jugendlichen, auch nach Schulschluss. Kompetente Betreuung wird auch am Nachmittag bis 16 Uhr angeboten. Dann können Englisch, Mathe und Deutsch zusätzlich mit Lehrkräften gebüffelt werden, da gibt es sportliche Angebote, da gibt es kreative Stunden, und da heißt es „Kochen und genießen”.

Dieses Leistungspaket ist aber nur ein Schritt, um die Mädchen und Jungen für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Doch vor dem Hintergrund der nüchternen Realität, dass die klassischen Ausbildungsberufe für Hauptschüler nur noch seltene Ringeltäubchen sind, muss noch mehr passieren. Das weiß auch Stefan Gödde, Lehrer und Berufswahlkoordinator an der Gangelter Hauptschule: „Wir erziehen unsere Schüler praxisorientiert. Dabei suchen wir natürlich auch die Zusammenarbeit mit den Firmen.”

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