Lesung und Kunst im Geilenkirchener Amtsgericht

Lesung und Kunst im Geilenkirchener Amtsgericht : Die Geschichte einer Zwangsehe

Die Gangelter Autorin Nura Joerißen hat im Geilenkirchener Amtsgericht zum vorerst letzten Mal gelesen. Zu ihr gesellten sich weitere Künstler, die dort ihre Kunst präsentierten.

Manuela Vossen, Marissa Laslo und Franz Vossen als Künstler und Nuran Joerißen als Autorin gestalteten im Amtsgericht Geilenkirchen einen Abend, der von dem, was in den Sälen des altehrwürdigen Gemäuers an der Konrad-Adenauer-Straße üblicherweise geschieht, abwich. Für die Gangelter Autorin Nuran Joerißen hatte der Ort eine ganz besondere Bedeutung. Sie las im großen Sitzungssaal des Amtsgerichtes Geilenkirchen, wo regelmäßig Recht gesprochen wird, zum letzten Mal aus ihrem Buch „Süßer Tee“, mit dem sie die Geschichte ihrer Zwangsehe öffentlich gemacht hatte.

Bundesweites Interesse hatte dieses 2009 erstveröffentlichte Buch hervorgerufen, mit Reaktionen, die sie und ihre Kernfamilie mit Mann und zwei Söhnen zu verarbeiten hatten. „Ich steige nun aus meiner Geschichte“, meinte Nuran Joerißen, bevor sie am Richtertisch im Licht einer kleinen Lampe zum letzten Mal ihr Buch aufschlug, um daraus vor Publikum zu lesen.

Die Heinsberger Buchhandlung Gollenstede, vertreten durch Marcus Mesche, hatte diese Lesung organisiert. Richterin Corinna Waßmuth begrüßte die zahlreichen Gäste an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz. Waßmuth hatte bis vor Kurzem die Leitung des Geilenkirchener Amtsgerichtes inne, bevor sie nach Heinsberg gewechselt war. Da sie den kulturellen Abend mit Lesung und Kunstausstellung im Geilenkirchener Amtsgericht noch mit vorbereitet hat, war die Eröffnungsansprache sozusagen ihre letzte Amtshandlung an alter Wirkungsstätte.

Corinna Waßmuth lud die Zuhörer der Lesung nicht nur ein, den Schilderungen der Autorin Nuran Joerißen zu folgen, sondern sich auch mit dem Thema Zwangsehe im Rahmen einer sich anschließenden Diskussionsrunde auseinanderzusetzen. Es gehe, so Waßmuth, um ein Thema, das eigentlich keine Diskussion zulasse. Womit sie wohl darauf anspielte, dass moralisch wie rechtlich die Zwangsehe indiskutabel sei. Dennoch, so Waßmuth, hätte sie bei ihrer Recherche im Vorfeld der Lesung Zahlen entdeckt, die sie geschockt hätten. Oft seien von der Zwangsverheiratung junge Frauen betroffen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen seien.

Nuran Joerißen ist trotz Zwangsverheiratung ihren Weg gegangen und hat die sarkastische Bemerkung ihres an Hände Arbeit gewöhnten Vaters „Vielleicht wirst Du ja mal Prof“ in die Tat umgesetzt, zumindest in etwas Ähnliches wie einen Professor; sie ist Diplom-Betriebswirtin und Therapeutin geworden.

Mitte der 1960er Jahre war zunächst der Vater, dann die Familie nach Deutschland gezogen. Nuran war in Deutschland aufgewachsen, und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie vielleicht ihre erste kleine Liebe Rainer geheiratet, der mit 16 Jahren ja schon etwas älter war als sie. Wer weiß, wie sich alles entwicklet hätte.

Nuran Joerißen beschreibt diesen für sie prägenden Lebensabschnitt der frühen Teenagerjahre sehr gut nachvollziehbar. Auch emotional konnten die Zuhörer ihrer letzten Lesung aus „Süßer Tee“ noch einmal mitempfinden, wie sich ein in Deutschland heranwachsendes Mädchen schlagartig bewusst wird, dass sie Teil einer anderen Kultur ist. Die Zwangsverheiratung erfolgte damals in der Türkei. Zuvor war Nuran beim deutschen Jugendamt abgeblitzt, bevor sie dem Druck der Familie nachgegeben hatte. Mit ihrer letzten öffentlichen Lesung aus „Süßer Tee“ schloss Nuran Joerißen ein Kapitel ihres Lebens, sicherlich in der Hoffnung, dass ihr Wagnis, ihre Geschichte öffentlich zu machen, etwas bewirkt hat.

Zusammen mit der Lesung fand die Eröffnung einer Gemeinschaftsausstellung von Mitarbeitern des Amtsgerichtes und deren Angehörigen statt. Derzeit zeigen Manuela Vossen, Marissa Laslo und Franz Vossen ihre Bilder in den Gerichtsfluren. Manuela Vossen ist als Justizbeamte beim Amtsgericht Geilenkirchen tätig. Sie stellte bereits in der Rahmen der Ausstellungsreihe des Amtsgerichtes ihre Werke vor und durfte sich über große Resonanz freuen. Ihre Bilder sind inzwischen in Rom, Venedig und Berlin zu sehen gewesen, und sie wurden in Rom und Barcelona mit Preisen gewürdigt. „Es lohnt sich also, im Amtsgericht auszustellen“, freute sich Manuela Vossen.

Sie selber hatte mit Corinna Waßmuth die Reihe der Kunstausstellungen im Amtsgericht Geilenkirchen ins Leben gerufen. Sie betonte aber, dass diese Reihe den örtlichen Kunstvereinen keine Konkurrenz machen wolle, sondern den Künstlern eine Ausstellungsmöglichkeit bieten wolle, die sonst keine Gelegenheit haben, ihre Werke der Öffentlichkeit zu zeigen. Manuela Vossen malt abstrakt mit Acrylfarben auf Leinwand. Sie möchte in ihren Bildern ihren Gemütszustand widerspiegeln. Früher habe sie viel bunt gemalt, heute kämen aber auch dunklere Töne in der künstlerischen Darstellung zum Tragen.

Franz Vossen entspannt sich beim Malen von der stressigen Arbeit als Diplom-Verwaltungsbetriebswirt. Er setzt 3-D-Effekte in seinen Bildern ein. Diese erinnern an die Gemälde der Popart. Gegenständen, Gesichtern und Tieren gibt er in seinen Bildern ein neues Aussehen.

Marissa Laslo ist die jüngste im Bunde. „Malen nach Zahlen“ war ihr Einstieg in die Kunst. Architektur und Natur sind die Ausgangspunkte ihrer Malerei. Über einen Kurs bei Manuela Vossen kam die Schülerin Marissa Laslo zur Acrylmalerei. Noch bis zum 20. Dezember sind die Werke von Manuela Vossen, Marissa Laslo und Franz Vossen im Amtsgericht Geilenkirchen zu sehen.

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