Geilenkirchen: Lebensgeschichte: 50 Jahre Rübenfahrerromantik

Geilenkirchen : Lebensgeschichte: 50 Jahre Rübenfahrerromantik

Angefangen hatte alles 1967 an einem schönen Novembernachmittag im Linderner Feld. Sein Vater, der bis dahin seine Rüben vom Feld mit Miststreuern, Karren oder kleinen Anhängern zur Linderner Rüben-Verladerampe transportiert hatte, um sie dort in Handarbeit mit der Rübengabel in Bundesbahn-Waggons umzuladen, belud jetzt mit einem 35 PS starken Hanomag zwei so genannte auflaufgebremste Anhänger.

Dann schickte er Richard Coenen zum ersten Mal mit einem 50 PS starken Hanomag und den beiden Anhängern auf den 35 Kilometer langen Weg zur Zuckerfabrik der Firma Pfeifer & Langen in Elsdorf. Eine bis heute unvergessliche Fahrt für den damals 17-Jährigen. „Diesen Tag habe ich nie vergessen!“, sagt der heute 67-Jährige.

Führerhaus-Perspektive für heutige Landwirte beim Rübentransport.

Was sich Jüngere heute gar nicht mehr vorstellen können: Der Schlepper hatte ein nach hinten offenes Verdeck, keine Heizung, kein synchronisiertes Getriebe — und natürlich keinen Funk. Da es damals natürlich auch kein Handy gab, hatte seine Mutter dem jungen Zuckerrüben-Transporteur Kleingeld mitgegeben, damit er im Falle einer Reifenpanne von einem Telefonhäuschen Hilfe herbeiholen könne. Damals sehr modern war der „Schnellgang“ des Schleppers, der diesen auf 27 km/h brachte, 20 km/h waren damals die Regel. Heute schmunzelt man über solche Geschwindigkeiten, denn heutige Traktoren bewegen sich mit 40 bis 60 km/h.

Der junge Richard Coenen war jedenfalls damals so stolz und begeistert wie heute, da er einen modernen Lkw mit 40 Tonnen Gesamtgewicht lenkt. Damals hatte man 200 Zentner schmutzbereinigte Rüben auf den Hängern. Drei Jahre lang fuhr Coenen die Rüben nach Elsdorf und verbrachte dann manche Stunde in der Warteschlange.

1971 wurde dann ein 75-PS-Schlepper derselben Marke angeschafft. Die Anhänger wurden größer und hatten ein Druckluft-Bremssystem. Vater und Sohn transportierten jetzt für sich selbst und weitere acht Landwirte aus Lindern und Nachbarorten Zuckerrüben nach Elsdorf, Ameln und Jülich. Der Vater fuhr nachmittags, der Sohn an vier bis fünf Tagen in der Woche morgens um 5 Uhr.

1974 wurde Richard Coenen Angestellter der Rheinischen Berufsgenossenschaft und Alterskasse. Jetzt transportierte er Rüben von Landwirten aus dem Geilenkirchener und Heinsberger Land zu den Fabriken.

Richtig heftig wurde es dann für ihn Ende der 1980er-Jahre. Er arbeitete bei großen Landwirten und Lohnunternehmern, die die Rüben mit Lkw transportierten. Nach der ersten Fahrt war er schweißgebadet. Fahrschule und Praxis sind schon sehr verschiedene Dinge. Jetzt lernte er die Zuckerfabriken Wevelinghoven, Bedburg und Düren kennen. Es war eine spannende Zeit für ihn. Wenn er dann mal auf einem Betrieb arbeitete, wo keine Rüben transportiert wurden, suchte er sich einen Landwirt, bei dem er nach Feierabend oder morgens früh Rüben transportieren konnte.

2009 ging Richard Coenen als Landwirtschaftlicher Betriebshelfer in Altersteilzeit. Aber zu Hause Herumsitzen oder nur Spazierengehen oder Fahrradfahren, das war nicht sein Ding. Für einen Freund aus Lindern und für einen Landwirt und Fuhrunternehmer aus Beeck fuhr er natürlich im Herbst Zuckerrüben nach Jülich, wo die größte Zuckerfabrik Deutschlands steht.

Jetzt allerdings war dies wieder nur mit großen Traktoren möglich, da seine Lkw-Fahrerlaubnis ruhte. Doch regte sich ein großer Wunsch: „Ich will wieder auf den Bock!“ Mit 65 Jahren drückte Richard Coenen nochmal die Schulbank auf der Deula-Schule in Kempen am Niederrhein, um fünf benötigte Module für den Lkw-Führerschein zu erwerben. Diese sind im fortgeschrittenen Alter notwendig, um gemeinsam mit einem großen Gesundheitscheck die Fahrerlaubnis für Lkw zu behalten.

Jetzt auch aus dem Raum Aachen

Im Herbst 2015 heuerte er dann bei einem großen Ackerbaubetrieb im Kreis Heinsberg an und fuhr große Mengen Kartoffeln in Lagerhallen nach Geilenkirchen-Honsdorf — und natürlich Zuckerrüben nach Jülich, jetzt auch aus dem Aachener Raum.

Was hat er nicht alles erlebt in den 50 Jahren! Fahrten auf Glatteis und geschlossener Schneedecke. Geplatzte Reifen und aufgegangene Bordwände. Streikende Traktoren und im nassen Feld aufliegende Gespanne, die dann mit mehreren Schleppern rausgezogen wurden.

In Elsdorf wurde er einmal bei null Grad und voller Ladung wieder nach Hause geschickt, weil Feierabend war: Samstagmittag um 13 Uhr! In Jülich stand er mit anderen Landwirten einmal sieben Stunden, weil die Rüben bei minus 8 Grad auf den Anhängern festgefroren waren. Die Wartenden durften sich an offenen Koksöfen aufwärmen.

Es gab verlorene Geldbörsen und Führerscheine, und manchmal Ärger mit der Polizei. Wenn er dann Kollegen — viermal kam das vor! — umgestürzt im Straßengraben liegen sah, war er immer froh und dankbar, dass er selbst eigentlich immer nur mit kleineren Problemen zu kämpfen gehabt hatte.

„Das motiviert mich immer noch“

Wenn ihn heute jemand fragt: „Richard, warum arbeitest Du in deinem Alter noch so viel?“, dann antwortet er: „Weil ich es gerne tue und es mich glücklich macht. Der Umgang mit den Menschen, das Fahren durch unsere wunderbare Natur und Heimat und die Vorzüge der modernen Technik heute — das alles motiviert mich immer noch sehr.“

Doch die biologische Uhr tickt unentwegt weiter. Arthrose und ähnliche Wehwehchen wollen seinen Körper erobern und machen sich breit. Und obwohl er sich beim Aufstehen morgens um halb fünf, beim Stau am Aachener Kreuz oder bei Problemen an der Rübenverlademaus in Matsch und Regen manchmal fragt, warum er das eigentlich noch macht, dann fährt er Stunden später der aufgehenden Sonne entgegen, trifft liebe Kollegen — und alles ist gut.

Obwohl die alte Rübenfahrerromantik mit Schnäppchen unterwegs und Feierabendbierchen in Kiffelberg vorbei ist, macht es ihm noch immer einen Riesenspaß. Wenn die Gesundheit mitmacht, fährt er noch zwei Jahre Rüben.

Wohnmobil statt Traktor?

„Jedenfalls blicke ich jetzt auf 50 Jahre zurück, in denen ich den Beruf des Landwirts ausüben durfte, der mir lag und der mich sehr zufrieden machte“, sagt Richard Coenen, und meint abschließend: „Dann höre ich hoffentlich auf meinen Sohn in Australien, der schon lange zu mir sagt: ‚Papa tausche doch das Lenkrad eines Lkw oder eines Traktors mit dem Lenkrad eines tollen Wohnmobils, und damit fährst Du durch unser schönes Down Under‘. Schau’n wir mal.“

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