Kreis Heinsberg: drei mutmaßliche Einbrecher vor Gericht

Tresor aus Supermarkt geklaut : Leitender Polizeibeamter sagt zu Ermittlungen aus

Dass etwas nicht stimmte, erkannte die Filialleiterin, noch ehe sie am Morgen des 11. Juni den Kodi-Markt in Selfkant-Tüddern betreten hatte. Durch eine Feuerschutztür im hinteren Teil des Ladenlokals, die am Abend zuvor verschlossen und verriegelt worden war, fiel Licht in die Verkaufsräume.

Es waren Einbrecher dagewesen, und die hatten offenbar genau gewusst, wonach sie suchten. Denn während die Waren unangetastet geblieben waren, war aus einem Büro ein schwerer, am Boden festgeschraubter Tresor, in dem sich die Einnahmen fast einer ganzen Woche befunden hatten, verschwunden. Die Filialleiterin rief die Polizei.

Für diese und weitere Taten müssen sich seit Jahresbeginn drei mutmaßliche Einbrecher vor dem Landgericht Aachen verantworten. Außerdem sind zwei weitere Personen als mutmaßliche Helfer angeklagt – darunter ein Mitarbeiter des Kodi-Markts. Diese Woche fand der zweite Verhandlungstag statt. Alle fünf Angeklagten schweigen zu den Vorwürfen. 

Schlüssel vervielfältigt? 

Der Kodi-Mitarbeiter soll die besagte Feuerschutztür am Vorabend des Einbruchs nicht ordentlich verriegelt und den Einbrechern außerdem einen Schlüssel ausgehändigt haben, um den Tresor zu öffnen. Die Vernehmung der Filialleiterin durch Richter Jürgen Beneking förderte jedoch nichts zutage, was den ehemaligen Mitarbeiter belastet, der Rest des Verhandlungstags auch nicht. Weder war er in der Zeit, in die der Einbruch fiel, im Besitz des Schlüssels gewesen, denn der hatte bei der Filialleiterin zu Hause gelegen. Noch hatte eine forensische Untersuchung durch das Landeskriminalamt Anhaltspunkte dafür erbracht, dass der Schlüssel vervielfältigt worden sein könnte. Außerdem ergab die Verhandlung, dass die Tür mit Gewalt geöffnet worden war, was natürlich nicht dafür spricht, dass jemand sie nicht ordentlich verriegelt haben könnte.

Die Ermittlungen waren durch einen Libyer namens Ramadan H. ins Rollen gekommen, der der Polizei kurz nach dem Kodi-Einbruch durch Zufall ins Netz gegangen war und auf der Wache aus heiterem Himmel breites Wissen über zahlreiche Einbrüche offenbarte, die in den Wochen und Monaten zuvor in Gangelt, Hückelhoven und Selfkant angezeigt worden waren. H. bekannte sich dazu, selbst Teil der Gruppe zu sein, und schwärzte seine angeblichen Komplizen nun einen nach dem anderen an, darunter auch den angeblichen Helfer aus dem Kodi-Markt.

Die Staatsanwaltschaft klagte Ramadan H. später am Amtsgericht Geilenkirchen an, die übrigen fünf mutmaßlichen Täter am Landgericht Aachen, wo H. dann als Zeuge geladen werden sollte. Das hat bisher allerdings gar nicht gut funktioniert. Denn nachdem die erste Hauptverhandlung in Geilenkirchen geplatzt war, entschied das Oberlandesgericht Köln, dass H. aus der Untersuchungshaft zu entlassen sei. Natürlich tauchte H. postwendend ab, wodurch in dem Geilenkirchener Verfahren nun der Angeklagte fehlt und in dem Aachener Verfahren der zentrale Zeuge. 

Akribische Kleinarbeit 

Dafür sagte diese Woche ein Sachbearbeiter der Heinsberger Polizei aus, der die Ermittlungen geleitet hatte. Stundenlang schilderte der Polizist die akribische Kleinarbeit, in der er und seine Kollegen gegen die Gruppe ermittelt hatten. Diese war durch die schlechten Ortskenntnisse und die nicht vorhandenen Deutschkenntnisse Ramadan H.s nicht gerade erleichtert worden.

Die Ermittler behalfen sich mit einem Französisch-Dolmetscher (H. ist in Tunesien aufgewachsen und der Sprache daher mächtig), legten dem Verdächtigen Fotos von Tatorten vor, ließen ihn Skizzen fertigen und fuhren sogar mit ihm durch die Gegend, damit er zeigen konnte, wo seine angeblichen Komplizen leben und wo er mit ihnen eingebrochen sein wollte.

Leitet die Verhandlungen als Vorsitzender Richter: Jürgen Beneking. Foto: dmp/Dagmar Meyer-Roeger

Dass die Schilderungen Produkte seiner Fantasie sind, darf ausgeschlossen werden, denn H. nannte Details, die nur die Täter kennen können. Beispielsweise berichtete er, wie er und die Mittäter den Tresor nach dem Kodi-Einbruch einen Kilometer weit durch die Landschaft schleiften, um ihn dann zunächst in einem Gebüsch zu verstecken.

In der Tat hatte die Spurensicherung vor Ort eine deutliche Schleifspur entdeckt. So fügte sich das Puzzle nach und nach zusammen, und die Staatsanwaltschaft war schließlich überzeugt, H. und seinen mutmaßlichen Komplizen insgesamt neun Einbruchsdelikte nachweisen zu können, außerdem einen Autoaufbruch.

Durch die Zweiteilung des Verfahrens ist nun allerdings ein gewisses Durcheinander entstanden. Wie vertrackt die Situation ist, zeigt schon die Tatsache, dass in Aachen nach dem Polizeibeamten auch noch die Geilenkirchener Richterin und die für das Verfahren gegen Ramadan H. verantwortliche Staatsanwältin als Zeuginnen geladen werden sollen, um quasi stellvertretend wiederzugeben, was H. neben seinen Einlassungen bei der Polizei sonst noch so alles gesagt hat.

Den insgesamt neun Verteidigern, die in Aachen die Angeklagten vertreten, mangelt es angesichts der Umstände natürlich nicht an Angriffsfläche. So waren sie über das geplatzte Verfahren in Geilenkirchen bis zum zweiten Verhandlungstag nicht informiert worden, obwohl das Protokoll schon seit über einem Monat fertig ist. „Wir werden an der Nase herumgeführt“, schimpfte einer der Verteidiger in Richtung des Staatsanwalts.

Der wiederum konnte bekannt geben, dass den Behörden Informationen vorlägen, wo Ramadan H. sich möglicherweise aufhalten könnte: nicht in NRW, aber in Deutschland. Richter Beneking kündigte an, einen Vorführungsbefehl zu erlassen. Kommt es doch noch zu H.s großem Auftritt?

Selbst wenn nicht, so dürfte es zumindest für die beiden mutmaßlichen Haupttäter in Aachen eng werden. Denn bei verschiedenen Hausdurchsuchungen hatte die Polizei belastendes Material gefunden, insbesondere Diebesgut.

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