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Kreis Heinsberg: Behörden nehmen die K3 in den Fokus

Nach tödlichem Unfall : Behörden nehmen die K3 in den Fokus

Wer auf direktem Wege von Birgden nach Gillrath fährt, sollte wissen, wo das Bremspedal ist. Die Kreisstraße 3 (K3) führt zunächst schnurgerade durch die Felder, dann geht es scharf nach rechts in den Wald.

Es folgen zwei Kilometer schmale, unübersichtliche, kurvenreiche Strecke, auf der der Verkehr stellenweise zu allem Überfluss kaum mehr als eine Armlänge an den Bäumen vorbeirauscht, bis man das Gillrather Ortsschild passiert. Es ist eine dieser Straßen, vor der man als Ortskundiger Ortsfremde warnt, die am Steuer sitzen: Achtung, da vorne wird’s gleich eng, nicht so schnell! Dennoch gilt teils Tempo 100.

Unweit der Zufahrt zur Mülldeponie stießen vorvergangenen Freitag ein Auto und ein Lastwagen frontal zusammen. Der Fahrer des Autos erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen, er wurde nur 19 Jahre alt. Seine ebenfalls 19-jährige Beifahrerin verletzte sich schwer. Der Lastwagenfahrer und eine weitere Beteiligte, die mit ihrem Auto auf den Lastwagen aufgefahren war, zogen sich leichte Verletzungen zu. Die Polizei geht davon aus, dass das Auto des 19-Jährigen auf die Gegenfahrbahn geraten war.

Blitzen nur als Übergangslösung

Vorvergangenen Freitag starb ein junger Mann nach einem Unfall unweit der Mülldeponie. An der Unfallstelle wurden Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Foto: zva/Jan Mönch

Die K3 ist eine von fünf Stellen im Kreis Heinsberg, die sich die Unfallkommission Ende November näher ansehen wird. Mit einem Kleinbus fahren Vertreter von Kreisverwaltung, Polizei, Bezirksregierung, Bauhof, Landesbetrieb Straßenbau und den jeweiligen Ordnungsämtern dann durchs Kreisgebiet. Auf Basis der Ortsbegehungen und der Unfalldaten beratschlagen die Behörden später über Maßnahmen, mit denen das Gefahrenpotenzial gesenkt werden könnte: Das können bauliche Verbesserungen, frische Markierungen oder auch zusätzliche Verkehrszeichen sein. Geblitzt werden soll möglichst nur als Übergangslösung. Die K3 war schon vor dem tödlichen Unfall vom 19. Oktober für die Rundfahrt vorgesehen.

Um in den Fokus der Unfallkommission zu rücken, musste die entsprechende Stelle im Straßennetz bislang als sogenannter Unfallhäufungspunkt oder als Unfallhäufungslinie aufgefallen sein. Die Identifikation erfolgt nach einem recht komplexen Schlüssel. Ein Unfallhäufungspunkt liegt beispielsweise dann vor, wenn sich innerhalb eines Jahres drei oder mehr „Unfälle gleichen Grundtyps“ der Kategorien eins (tödlich) bis vier (reiner Sachschaden) ergeben.

Doch diese Regelung wurde vergangenes Jahr ergänzt. Ende Juni 2017 gaben NRW-Innenministerium und NRW-Verkehrsministerium einen gemeinsamen Runderlass heraus, der die Unfallkommissionen im Land dazu anhält, sich neben den Unfallhäufungspunkten auch auf Strecken mit sogenannten Sondermerkmalen zu konzentrieren: Strecken mit vielen Bäumen, beliebte Motorradstrecken und besonders kurvige Straßen. Dass es zu der sonst geltenden Mindestzahl an Unfällen gekommen ist, ist keine Voraussetzung dafür, aufgenommenzuwerden. Das Verfahren solle „feingliedriger“ werden, erklärt Heinz Winkens, Leiter der Unfallkommission des Kreises Heinsberg, dazu auf Nachfrage.

Den Tatsachen hinterher

Zahlen lügen nicht, aber das entscheidende Problem daran, sich als Unfallkommission nur nach ihnen zu richten, ist, dass den Tatsachen hinterhergearbeitet wird. Weitere Unfälle mögen sich zwar verhindern lassen, aber eben erst als Reaktion auf Unfälle, die bereits statistisch erfassbar zustande gekommen sind – mit den bekannten, oft dramatischen Folgen.

Mithin trägt der Erlass dem Ziel Rechnung, Gefahrenpunkte zu erkennen und zu entschärfen, auch ohne dass sie genau in das bislang angewandte Raster passen. Wie sinnvoll das ist, unterstreicht gerade der tödliche Unfall bei der Mülldeponie auf tragische Weise: Die K3 wurde der Unfallkommission als direkte Reaktion auf den Runderlass gemeldet. Ein Unfallhäufungspunkt oder eine Unfallhäufungslinie im herkömmlichen Sinne war sie eigentlich nicht.

Auch die Landesstraße 42 im Bereich Nirm ist in den Fokus der Unfallkommission des Kreises Heinsberg gerückt. Vor Müllendorf steht bereits ein Blitzer. Foto: zva/Jan Mönch

7000 Unfälle pro Jahr

Auf der K3 habe es vom Ortsausgang Birgden bis zum Ortseingang Gillrath seit einschließlich 2008 29 Unfälle gegeben, teilt Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken auf Nachfrage mit. Insgesamt verletzten sich dabei sieben Menschen schwer und 30 leicht. Der Unfall von vorvergangener Woche war der erste im genannten Zeitraum, der ein Todesopfer forderte. 29 Unfälle mögen nach viel klingen. Frenken sagt aber auch: „Wir haben im Kreisgebiet rund 7000 Unfälle pro Jahr, davon rund 800 mit Personenschaden. Sieht man diese Relation, ist die K3  nicht sehr auffällig.“

Ohnehin ist es nicht so, dass auf Straßen mit den Merkmalen der K3 automatisch die meisten Unfälle geschehen. Enge und Unübersichtlichkeit können auch zu einer vorsichtigeren Fahrweise und damit weniger Unfällen führen. Das beste Beispiel für das Gegenteil ist die neue Autobahn 4 zwischen Düren und Kerpen: Sie verläuft schnurgerade, man kann kilometerweit sehen, und gerade diese Eigenheit in Verbindung mit dem damals noch fehlenden Tempolimit sorgten dafür, dass nach der Eröffnung innerhalb von nur anderthalb Jahren neun Menschen auf dem Teilstück ihr Leben ließen. Letztlich sind fast alle Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen. Daran kann auch die Unfallkommission nichts ändern.