Kreis Heinsberg: Konzert mit Gänsehaut: Ein tränenreicher Abschied

Kreis Heinsberg: Konzert mit Gänsehaut: Ein tränenreicher Abschied

Kaum eine Spur von Müdigkeit war bei den Musikern der Schülerband „Rur-Rock — Wir zusammen“ , als sie von einer mehr als 20-stündigen Bus- und Flugreise aus Petrosawodsk im Nordwesten Russlands zurückkehrten.

Zu stark wirkten Eindrücke und Erlebnisse auf die Schüler, der Förderschule des Kreises Heinsberg mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“, einer außergewöhnlichen Fahrt nach.

„Inklusion und Integration mit Rock- und Popmusik zu Wasser und zu Lande von St.Petersburg nach Petrosawodsk“: Dies war das neueste anspruchsvolle deutsch-russische Musikprojekt, das gemeinsam mit der russischen ­Partnerschule der Rurtal-Schule, dem Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) Pskow, realisiert wurde. Zum ­20-jährigen Bestehen Jubiläum des HPZ und der Schulpartnerschaft war mit einer viertägigen Flusskreuzfahrt ein ganz besonderes Vorhaben geplant worden, das auch mit der offiziellen Aufnahme in das Deutschlandjahr in Russland 2012/2013 vom Auswärtigen Amt Berlin und vom Goethe-Institut Moskau gewürdigt wurde.

In St. Petersburg warteten an der Anlegestelle des Schiffes „Wissarion Belinskij“ schon die Musiker vom HPZ und vom College für Kunst und Kultur Pskow auf ihre Freunde aus Deutschland. Der Gouverneur von St. Petersburg höchstpersönlich hatte für eine schnelle Passabfertigung am St. Petersburger Flughafen gesorgt!

Dann ging es endlich los — mit weiteren 250 Passagieren auf dem Fluss Newa in Richtung Karelien. Während die übrigen Passagiere auf der ruhigen Schifffahrt das schöne Wetter und die herrliche Landschaft genießen konnten, waren für die Musiker am nächsten Morgen Proben angesagt. Die integrative deutsch-russische Band „MbI BMECTE — Wir zusammen“ musste sich für das erste große Konzert auf dem Schiff am nächsten Abend zusammenfinden!

Ein Ausflug zum Kloster Valaam am Ladoga-See brachte Abwechslung ins straffe Probenprogramm. Inzwischen waren auch viele Passagiere auf die bunte Gruppe von jugendlichen Musikern mit und ohne Handicap und ihre erwachsenen Begleiter aufmerksam geworden und stellten sich bei den Proben als Zaungäste ein.

Mit Vorfreude und etwas Bangen begann der nächste Tag. Was passiert am frühen Abend beim Konzert? Werden die russischen Passagiere kommen? Eine hochinteressante Schleusendurchfahrt auf dem Fluss Swir lenkte von diesen Gedanken etwas ab. Um 18 Uhr, zum Beginn des Konzertes, gab es lange Gesichter bei den Musikern aus Oberbruch und Pskow. Gerade mal fünf Besucher hatten sich eingefunden! Aber was die „Rur-Rocker“ nicht bemerkt hatten: Das Schiff befand sich gerade zu dieser Zeit wieder in einer Schleuse — und die Passagiere wollten sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen. Zehn Minuten später war der Konzertsaal prall gefüllt, fast alle Passagiere und auch Besatzungsmitglieder waren gekommen!

Voller Euphorie steigerte sich die Band mit ihren Rock-Klassikern in ein Glanzstück voll einzigartiger Spiel- und Lebensfreude mit berührenden Momenten voller Nähe zum Publikum. Die begeisterten Zuhörer feierten die Musiker mit einem langen rhythmischen „Ma-la-dzi, Ma-la-dzi …“ („Ihr seid gut, Ihr seid gut …“) — und manche Träne wurde auch verdrückt. Gänsehaut überall — solche überwältigenden Emotionen hatte die deutsch-russische Band in ihrer langen Erfolgsgeschichte noch nicht erlebt.

Mit dem Besuch der Museumsinsel Kischi im Onega-See folgte tags darauf wohltuende Entspannung nach all der Aufregung. In Petrosawodsk, Hauptstadt der ­autonomen Republik Karelien, verließen die „Rur-Rocker“ das Schiff. Ihre Mission war aber noch nicht beendet. Ihre Konzentration galt dem Konzert am kommenden Abend im Nationalen Staatstheater der Republik Karelien. Etwas Enttäuschung machte sich breit, als es im Theater zu Konzertbeginn noch viele leere Plätze gab.

Das zunächst recht reservierte Publikum wurde erst nach dem dritten Stück so richtig „wach“. Als Volkan Semerci mit ­glockenklarer Stimme schon bei den ersten Takten des „Earth-Songs“ von Michael Jackson Szenenapplaus bekam, war der Bann gebrochen. Das kannten die Musiker schon: das „Ma-la-dzi“ des begeisterten Publikums.

Ein dicker Wermutstropfen folgte: Das vorgesehene Open-Air-Konzert während des Stadtfestes durfte aus „Sicherheitsgründen“ nicht stattfinden. Befremdlich erschien es den Reiseteilnehmern auch, dass die deutschen und russischen Gäste bei allen Unternehmungen und Ausflügen von der Polizei begleitet wurden.

Schöne und bewegende Momente gab es bei einem Besuch in einem Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen in der Nähe von Petrosawodsk. Gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen verbrachten die „Rur-Rocker“ zwei fröhliche Stunden mit Tanz und Musik, wobei die als Geschenk mitgebrachten Instrumente eifrig benutzt wurden.

Der Besuch des Wasserfalls „Kiwatsch“ und ein Picknick beschlossen den letzten Tag des Aufenthaltes in Petrosawodsk. Die lange Rückreise mit dem Bus nach St. Petersburg zum Flughafen verlief so zügig, dass die deutsch-russische Gruppe noch einen Abstecher zum herrlichen Park des Katharinenschlosses in Puschkin machen konnten. Dann trennten sich aber die Wege — und es hieß für die russischen und deutschen Freunde, nicht ohne Tränen mit „Doswidanja“ und „Auf Wiedersehen“ Abschied zu nehmen nach einer unglaublich intensiven Woche mit unvergesslichen Eindrücken und Begegnungen.