Klimaprofessor Ortwin Renn zu Gast im Gymnasium

Warum bewegt sich so wenig, obwohl alle wollen? : Klimaprofessor zu Gast im Gymnasium

Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn weiß Bescheid, wenn es um die Themen Klima und Umwelt geht. Dennoch konnte er nicht alle Zuhörer seines Vortrags „Klimaschutz und Nachhaltigkeit – Warum bewegt sich so wenig, obwohl alle wollen“ überzeugen.

Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn ist wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam und Inhaber des Lehrstuhls „Technik- und Umweltsoziologie“ an der Universität Stuttgart. Darüber hinaus arbeitet er im Leitungsteam des Forschungsinstituts DIALOGIK, einer gemeinnützige GmbH zur Erforschung und Erprobung innovativer Kommunikations- und Partizipationsstrategien in Planungs- und Konfliktlösungsfragen. Dieser Mann weiß also, wovon er redet. Dennoch konnte er nicht alle Zuhörer seines Vortrags „Klimaschutz und Nachhaltigkeit – Warum bewegt sich so wenig, obwohl alle wollen“ überzeugen.

Das Bischöfliche Gymnasium St. Ursula Geilenkirchen hatte zu dieser öffentlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung in seine Aula eingeladen. Aufgrund persönlicher Beziehungen eines Mitglieds des Lehrerkollegiums hatte das Gymnasium den hochkarätigen Gastredner gewinnen können. Schulleiter Jürgen Pallaske hieß Professor Ortwin Renn willkommen, nachdem Schüler der Klasse 7 das Publikum mit einem eigenen Song zum Thema Klimawandel auf den Abend eingestimmt hatten.

Am Freitag steht der globale Klimastreik auch auf dem Aktionsprogramm der Geilenkirchener Fridays for Future-Gruppe (um 8 Uhr geht es an der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule los), in Berlin wird dann das Klimakabinett tagen, und in New York startet am Samstag der UN Klimagipfel. Da passte der Vortrag von Professor Renn optimal ins Zeitfenster, auch wenn seine Ausführungen eher ernüchternd waren, als das sie Aufbruchsstimmung verbreiteten. Kenntnisreich schilderte Renn den derzeitigen Klima-Zustand und erläuterte, warum sich trotz des physikalisch nachweisbaren Klimawandels die Menschen so schwer tun, der drohenden Katastrophe die Stirn zu bieten.

Das beste Beispiel lieferte der Professor selber. Er war mit dem Flieger aus Potsdam angereist, wie anders hätte er auch zwischen zwei weiteren Terminen den in Geilenkirchen wahrnehmen können. Der Mensch habe aber, so der Professor, für solche Fälle vorgesorgt und die Ausrede erfunden, beispielsweise: der Flieger fliegt ja sowieso. Zuhause in Potsdam verzichte er aber auf ein eigenes Auto, meinte der Referent und ergänzte, dass beispielsweise der mit Rücksicht auf die Treibhausgase geübte Verzicht auf regelmäßigen Fleischgenuss durchaus auch Lebensqualität bescheren könne. Eine dem automobilen Volk wohl schwer zu vermittelnde These des Professors lautete, dass 43 Millionen Autos in Deutschland einfach zu viel fürs Klima wären. 10 Millionen wären vielleicht bei entsprechender Umrüstung verträglich.

Ein Beitrag aus dem Zuhörerkreis zielte auf die Eigenverantwortung der Menschen ab. Der Mann forderte auf, jeder der nicht regelmäßig online shoppe und sich die Waren wenig klimafreundlich anliefern lasse und vielleicht auch noch zurücksende, möge doch mal die Hand heben. Viel Beifall gab es für diesen Beitrag. Was Professor Renn kommentieren ließ: „Ich bin immer froh, wenn die Leute für etwas applaudieren, das sie selber nicht tun.“

„Das Klima kann nur die Sonne retten“, hatte der erste Gast, der nach dem Vortrag zu Wort kam, ziemlich unbeeindruckt von dessen Ausführungen angemerkt und den Klimawandel ins Reich der Märchen verbannt. Die Klimawandelleugner waren im Auditorium aber sicherlich in der Minderzahl. Doch diejenigen, die sich wie die Mitglieder von Fridays for Future vehement für eine Kursänderung einsetzen, dürften es nicht leicht haben. Denn die Thesen des Professors zur Fragestellung „Warum bewegt sich so wenig, obwohl alle wollen“ waren nachvollziehbar.

Ortwin Renn führte unter anderem den Tipping Point an. Das Klima wandle sich nicht linear, so dass die Auswirkungen des menschliche „Fehl“-Verhaltens nicht sofort spürbar würden, sondern erst an einem bestimmten Kipp-Punkt, dann aber umso deutlicher. Zudem sei das Problem grenzüberschreitend und komplex. Zudem handle der Mensch  nun mal gerne nach dem Prinzip, solange mein Nachbar nichts tut, tue ich auch nichts. Er habe, so Renn, aber auch in Gruppen, die er beraten habe, viel Enthusiasmus gespürt, wenn die Menschen erlebt hätten, dass sie gemeinsam etwas umsetzen können. Renn stellte fest, der Klimawandel sei eine Bedrohung, die man in den nächsten Jahren weltweit angehen müsse. Und schloss mit: „Der Klimawandel ist aber auch eine Chance für mehr Mitmenschlichkeit.“

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