Geilenkirchen: Jugendhaus Franz von Sales: Neue Heimat für schwierige Jugendliche

Geilenkirchen: Jugendhaus Franz von Sales: Neue Heimat für schwierige Jugendliche

Der 17-jährige Richard (Namen der Jugendlichen geändert) kommt aus dem Gefängnis. Gesessen hat er wegen Diebstahls und Drogenmissbrauchs. Seine Bewährungsauflage lautete, zunächst in einem Heim zu leben. Im Jugendhaus Franz von Sales in Tripsrath fand er eine Unterkunft. Doch hier blieb er nicht lange.

Nach kurzer Zeit war er wieder verschwunden. Nicht immer sind die Fälle so aussichtslos, wie der von Richard, der den Heimplatz nur kurzfristig angenommen hat, um aus dem Knast zu kommen. Oliver, der mit 16 Jahren in das Jugendhaus einzog, hat in der Gesamtschule Übach-Palenberg sogar sein Abitur gemacht. Heute ist er Elektrosteiger bei RWE Power.

„90 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die hier leben, haben ein Trauma erlebt, seien es seelische Verletzung in ihren Familien, körperliche oder sexuelle Gewalt“, sagt Diplom-Sozialarbeiter Peter Barwinski, seit 1982 Leiter des Jugendhauses. Mit solch einem Trauma ist auch der 17-jährige Michael nach Trisprath gekommen. Die Mutter ist früh gestorben, der Vater hat sich davon gemacht, während der Pubertätszeit gab es in der Pflegefamilie Probleme: „Der Junge hat sich in einer psychischen Dauerkrise befunden. Er fragte sich: ‚Wer bin ich, wo komme ich her‘. Das Trauma wurde nicht aufgearbeitet“, berichtet Erzieher Klaus Rehberg, Wohngruppenleiter und stellvertretender Leiter des Jugendhauses.

Diebstähle, Drogen, Schulverweigerung waren bei Michael die Folgen. Im Jugendhaus Franz von Sales fühlt er sich heute sicher und angenommen. Nach therapeutischer Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Erkelenz fängt er nun an zu reden. „Das ist schon ein großer Erfolg“, sagt Rehberg, der den Jungen, wie alle anderen Bewohner, auf ein selbstständiges Leben vorbereitet. Eine Berufsausbildung zieht er nicht mehr für ihn in Betracht. „Eine Helfertätigkeit wäre noch möglich“, sagt er.

„In jedem Menschen das Gute suchen und wecken.“ Dieses Motto von Franz von Sales (1567 - 1622), Fürstbischof von Genf mit Sitz in Annecy, Ordensgründer, Mystiker und Kirchenlehrer, hängt auch im Büro von Peter Barwinski, der die Anfänge des Jugendhauses miterlebt hat. Der Sozialarbeiter erinnert an das alte Kloster im Übach-Palenberger Stadtteil Marienberg, wo die Oblaten des heiligen Franz von Sales ihre Heimat hatten.

Pater Josef Lienhard, Jugendseelsorger im Dekanat, hat die Not vieler Jugendlicher mitbekommen. „Sie kamen aus zerrütteten Familien, brauchten eine Unterkunft, aber Heimplätze gab es wenig“, blickt Barwinski zurück. Als 1973 neben dem alten Kloster ein neues gebaut werden sollte, hat sich Pater Lienhard im Orden für den Erhalt des alten Gebäudes stark gemacht und hier ein Jugendwohnheim eingerichtet. Zehn Jugendliche fanden in Marienberg eine Unterkunft, zehn Heimplätze gibt es auch heute noch dort.

Die Geburtsstunde der Tripsrather Einrichtung schlug im Jahr 1976. Der Gesetzgeber senkte die Volljährigkeitsgrenze von 21 auf 18 Jahre. Damit hatten die über 18 Jahre alten Jugendlichen das Recht verloren, in einer Jugendwohngruppe zu leben. Diese mussten plötzlich von den Jugendämtern anderweitig untergebracht werden. Pater Lienhard und Norbert Goretzka, auch heute noch Heimleiter im Marienberger Kloster, suchten ein Haus, um diese nun jungen Erwachsenen in einer Wohngemeinschaft unterbringen zu können. Im Geilenkirchener Stadtteil Würm wurden sie fündig. „Am 1. Februar 1976 zog der erste junge Mann bei minus 20 Grad ein“, weiß Peter Barwinski.

Sechs Plätze standen in Würm zur Verfügung, die Betreuung hatten Pater Lienhard und Goretzka zusätzlich übernommen. Doch sie stellten im Laufe der Zeit fest, dass für die jungen Männer mehr Betreuung erforderlich war. Schließlich kamen sie aus zerrütteten Familien, aus anderen Heimen, in denen sie nicht zurecht kamen, oder aus dem Gefängnis. Im Januar 1982 wurde Barwinski als erster hauptamtlicher Sozialarbeiter eingestellt.

Er sollte von nun an die ihm Anvertrauten auf dem Weg in die Selbstständigkeit und in die eigene Wohnung begleiten. „Darüber hinaus habe ich in Spitzenzeiten bis zu zwölf junge Erwachsene betreut, die bereits die Wohngruppe in die Selbstständigkeit verlassen hatten“, berichtet er. Die Nachfrage nach Heimplätzen war groß. Es kamen Anfragen von Familien, Jugend- und Sozialämtern. „Überall, wo Jugendliche auffällig wurden, wurde nun Hilfe benötigt“, so Barwinski. 1989 wurde deshalb in Heinsberg-Karken eine zweite Wohngruppe eröffnet.

1991 trat das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft. Junge Erwachsene hatten von nun an das Recht, auch über den 18. Geburtstag hinaus in einem Heim zu leben. Hatten bislang das Kreissozialamt und der Aachener Caritas-Förderverein für die Unterbringung gezahlt, war von nun an der Staat zuständig. Auf Anregung des Kreisjugendamtes wurden aus den beiden Einrichtungen offiziell Heime. „Das ermöglichte uns, das Personal aufzustocken, auf zwei Jugendliche kam nun eine hauptamtliche pädagogische Fachkraft.“

In den nächsten Jahren wurde die Nachfrage nach stationärer Betreuung geringer, die Bitten um ambulante Hilfe mehr. 1994 wurde die Karkener Wohngruppe geschlossen, das Personal für die ambulante Betreuung zur Verfügung gestellt. „Das Denken vieler Jugendlicher hatte sich gewandelt. Sie wollten Hilfe annehmen, aber nicht in einer Gruppe. Und wir konnten dadurch jetzt ganze Familien ambulant betreuen“, sagt Barwinski.

1995 zog die Gruppe nach Tripsrath um, wo am Kreuz ein Haus angemietet wurde. Hier stehen neun Plätze zur Verfügung, die Bewohner sind meistens zwischen 15 und 18 Jahre alt. Darüber hinaus wurden zwei Single-Wohnungen in Geilenkirchen und Palenberg angemietet für Jugendliche, die das Heim verlassen, aber noch nicht ganz selbstständig leben wollen.

Einige wenige in Tripsrath lebende Jungen besuchen eine Regelschule, andere gehören der Jungarbeiter-Arbeitsgemeinschaft des Berufskollegs am Berliner Ring an, wo sie an zwei Tagen in der Woche unterrichtet werden und an drei Tagen an einem Praktikum teilnehmen. „Schon der zweitägige Unterricht ist für manche eine Hürde, weil sie überhaupt keine Tagesstruktur kennen“, hat Rehberg erfahren.

Mehr belastbare Jugendliche nehmen an berufsbegleitenden Maßnahmen der Agentur für Arbeit in der AWO-Werkstatt im Palenberger Carolus-Magnus-Centrum teil. „Wir behandeln die Jugendlichen mit Respekt. Sie sind keine Menschen zweiter Klasse. Sie hatten doch nur Pech mit ihrer Familie, die sie sich nicht aussuchen konnten“, sagt Barwinski. Und Rehberg ergänzt: „Sie bekommen von uns eine professionelle Wiederbeelterung, weil sie es verdient haben. Und wir vermitteln: Du bist ein liebenswerter und wertvoller Mensch!“