Geilenkirchen: „In den Räten geht der Schulkrieg los”

Geilenkirchen: „In den Räten geht der Schulkrieg los”

Die Geilenkirchener Realschule bleibt erhalten. Eine Sekundarschule wird nicht eingerichtet, die Gesamtschule wird nicht erweitert. Dies hat der Stadtrat am Mittwochabend nach langer Debatte in geheimer Abstimmung entschieden.

Der Beschlussvorschlag der Verwaltung nach einer Elternbefragung, die Realschule auslaufen zu lassen und die Gesamtschule mindestens sechszügig zu führen, stimmten nur 13 Stadtverordnete zu, 24 votierten mit Nein. In der äußerst lebhaften Diskussion vor großer Zuschauerkulisse hatten zuvor CDU und FDP für den Erhalt der Realschule plädiert.

Es gebe eine Nachfrage seitens Geilenkirchener Eltern, zwei Eingangsklassen der Realschule zu bilden, argumentierte Stefan Kassel für die FDP. Und an der Gesamtschule könnten rechnerisch alle Kinder mit Wahl Gesamtschule, Hauptschule und Sekundarschule zusammen untergebracht werden.

Nach Übach-Palenberg

Dies seien hochgerechnet 113 Kinder für 120 Plätze. „Es könnten wie in der Vergangenheit noch fünf Heinsberger an der Gesamtschule aufgenommen werden. Dann bleiben theoretisch zwei Plätze frei für Realschulabbrecher”, erklärte Kassel. Beim Wunsch, eine Hauptschule zu besuchen, bleibe die Möglichkeit, nach Übach-Palenberg zu fahren. „Wer diese Schulform wünscht, wird weiterhin in einer Nachbarstadt fündig. Der weitere Weg als geplant ist nicht ideal, für diese Zielgruppe wird es aber grundsätzlich nicht schlechter.”

Besser werde, dass durch weniger Einpendler ein Platz auch in der vierzügigen Gesamtschule wahrscheinlich sei, sprach sich Kassel für eine Fortführung der Realschule aus. Für die Grünen wog deren Fraktionschef Jürgen Benden nochmals das Für und Wider einer jeden Schulform ab und kam zu dem Ergebnis: „Die Sekundarschule ist wichtig und richtig. Wir wollten jedem Kind einen Schulplatz in unserer Stadt geben”, sagte Benden. Die Sekundarschule könne in den nächsten fünf Jahren Bestand haben.

„Aber die Eltern wollen sie nicht. Die Sekundarschule ist die beste Schulform. Die Frage ist aber, was ist durchsetzbar? In unserer Fraktion haben wir keine einheitliche Meinung. Jeder wird nach seinem Gewissen entscheiden. Ich persönlich werde für die Gesamtschule stimmen.”

„Verärgerung und fast Beschämung”, wie mit dem Thema in den letzten Wochen umgegangen worden sei, empfand CDU-Fraktionschef Wilhelm-Josef Wolff. Es gebe einen Schulentwicklungsplan, und es habe keine Hinweise auf eine Veränderung der Schullandschaft gegeben, sagte er. „Herr Bürgermeister, Sie haben anscheinend Ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Die SPD, ansonsten wirklich nicht vorausschauend, aber politisch motiviert, stellt einen Antrag, der sich mit der Sekundarschule beschäftigt. Dann wird man plötzlich wach, und es geht hoppla-hopp. Man braucht mehr Zeit. Im Moment möchten wir keine Änderung der Schullandschaft”, sagte Wolff in Richtung Fiedler.

Der Bürgermeister entgegnete: „Die Dynamik kam durch die Entscheidung der Gemeinden Gangelt und Selfkant auf, eine Gesamtschule zu gründen und der Hauptschule den Todesstoß zu versetzen. Ab dem Moment hatte ich alle Hände voll zu tun mit dem Thema.” Die Elternbefragung habe kein eindeutiges Ergebnis gezeigt, es gebe kein Richtig oder Falsch, argumentierte Bürgerlisten-Fraktionschef Christian Kravanja und beantragte geheime Abstimmung.

Für die SPD erklärte Uwe Eggert: „Ich freue mich, dass wir, wie so vieles in Geilenkirchen, die Diskussion angestoßen haben. So etwas kommt selten von den Konservativen. Wir in der SPD sind uns einig. Wir favorisieren die Gesamtschule.”

„Das ist ein Skandal”

Manfred Mingers (Die Linke): „Wir wissen es nicht, aber wir entscheiden. Das Land gibt die Entscheidung runter, und in den Räten geht der Schulkrieg los. Das ist ein Skandal.” Der Verwaltungsvorschlag spiegele den Elternwillen wider, sprach auch er sich für eine Erweiterung der Gesamtschule aus.

Dr. Joachim Möhring (SPD) beschäftigte sich nochmals mit den Prognosen: „Die Anmeldezahlen an der Realschule sind stark rückläufig, sie sinken von vier- auf zweizügig. Die Nachhaltigkeit ist nicht mehr gegeben, sie wird sich auflösen müssen.” Benden forderte: „Wir müssen uns auch um die schwächeren Kinder kümmern, lasst uns nicht den Fehler machen, diese Kinder zu vergessen.”

Fiedler stellte zum Abschluss der Diskussion zwei Prinzipien vor: „Machen wir ein Angebot für alle Geilenkirchener Schüler in unserer Stadt, oder erhalten wir die Vielfalt der Schullandschaft?” Die Mehrheit des Rates entschied sich für eine vielfältige Schullandschaft.

Noch am Abend der Ratssitzung verfasste Uwe Böken, Leiter der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen, eine E-Mail, die unter anderem an Bürgermeister Thomas Fiedler und an die Bezirksregierung in Köln ging.

„Bei der Aussprache vor der Abstimmung wurde sehr deutlich, dass die Ratsmitglieder der CDU- und der FDP-Fraktion trotz mehrfacher Beratung durch Mitglieder unserer Schulleitung nach wie vor von der falschen Annahme ausgegangen sind, dass alle bisher nach Gangelt ausgependelten Hauptschüler durch frei werdende Kapazitäten an der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule künftig einen Platz finden können. Dabei wurde trotz gegenteiliger Beratung vollkommen ausgeblendet, dass an der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule auch Schüler aus Heinsberg und Waldfeucht angemeldet werden, die im Verfahren wegen fehlender Gesamtschulen in ihren Herkunftsstädten bzw. -gemeinden in unserem Verfahren selbstverständlich zu berücksichtigen sind.”

Böken weist in dem Schreiben weiter darauf hin, „dass nach wie vor Hauptschüler aus Geilenkirchen auspendeln müssen”. Und er erklärt: „Das aber haben all die Kommunalpolitiker zu verantworten, die heute gegen den Antrag der Verwaltung gestimmt haben.”

In die Zukunft blickt Uwe Böken ebenfalls: „Zugleich sage ich aber voraus, dass sich der Rat der Stadt Geilenkirchen in spätestens einem Jahr erneut mit dem Thema beschäftigen wird.”