Geilenkirchen: Im Schlaflabor in das Leben der Patienten eintauchen

Geilenkirchen: Im Schlaflabor in das Leben der Patienten eintauchen

Peter B. liegt im Bett und findet einfach keinen Schlaf. Er wälzt sich von einer Seite auf die andere. Minuten und Stunden rinnen so dahin. Die Nachtstunden werden für ihn zur Qual.

Die Ereignisse des Tages gehen dem leitenden Angestellten nicht mehr aus dem Kopf. Am nächsten Tag fühlt er sich wie gerädert. Er ist müde, erschöpft, antriebslos.

Auch Paul W. hat keinen erholsamen Schlaf. Er schnarcht und macht Atempausen. Der Körper beendet diese durch Schrecksituationen. Bis zu 100 Mal in der Stunde. Paul W. schläft unruhig, sein Schlafanzug ist durchgeschwitzt. Er erwacht mit Kopfschmerzen und fühlt sich tagsüber wie gerädert. Sobald er zur Ruhe kommt, nickt er ein.

Wie wichtig erholsamer Schlaf für den Menschen ist, weiß Dr. Wolfram Kuller, Leiter des Schlaflabors im Geilenkirchener St.-Elisabeth-Krankenhaus: „Im Schlaf kann sich das Gehirn erholen. Dabei ist es nicht passiv, sondern im Schlaf passiert viel”, sagt er und weist auf Stoffwechselvorgänge, auf die Ausschüttung von Wachstumshormonen und hormonelle Vorgänge im Körper hin: „Hindert man den Menschen am Schlafen, stirbt er”, sagt der Oberarzt.

Sieben Stunden und 15 Minuten ist die durchschnittliche Schlafdauer der Deutschen. Manche kommen mit sechs Stunden aus, andere brauchen acht Stunden. Es gibt unterschiedliche Schlaftypen. „Wir reden von Eulen und Lerchen. Die Eulen kommen abends nicht ins Bett und morgens nicht raus. Und die Lerchen stehen morgens um sechs Uhr auf und sind recht fröhlich”, schmunzelt Dr. Wolfram Kuller. Das Schlafbedürfnis ist bei den Menschen recht unterschiedlich. „Erholsamer und gesunder Schlaf ist dadurch gekennzeichnet, dass man am nächsten Tag ausgeruht und zufrieden mit seinem Schlaf ist.

Für den Schlaf braucht es zwei Voraussetzungen: Müdigkeit und Entspannung”, erklärt der Leiter des Schlaflabors, übrigens das einzige im Kreis Heinsberg. Dabei erinnert er sich an die ältere Dame, die um 21 Uhr ins Bett geht und um 3 Uhr in der Nacht nicht mehr schlafen kann. „Sie hatte ihre sechs Stunden Schlaf, nur zu einer vorgezogenen Zeit”, plädiert der Oberarzt dafür, die Bettzeit an das individuelle Schlafbedürfnis anzupassen.

„Anspannung ist der Feind des Schlafes”, warnt der Mediziner und nennt beispielhaft den Fall einer Studentin, die für ihr Examen lernt. Aufgrund der Anspannung findet sie nachts keinen Schlaf. Aber auch nach bestandenem Examen ändert sich das nicht. „Mittlerweile verbindet das Gehirn mit dem Bett das Wachsein”, erklärt Dr. Kuller. „Viele Menschen machen sich auch Sorgen um ihren Schlaf, und gerade das verhindert den Schlaf.” Wenn der Schlaf zu oft gestört wird, verliert er seine Erholungsfunktion. Man schläft zwar von der Menge her ausreichend, aber die Qualität des Schlafes ist miserabel.

Einschlafrituale

Er empfiehlt auch dem Erwachsenen Einschlafrituale, so wie es für die meisten Kinder üblich ist: Bei den meisten Kindern läuft der Abend immer gleich ab: Abendbrot essen, baden, Schlafanzug anziehen, Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, Gute-Nacht-Kuss, schlafen. Kuller: „Auch der Erwachsene braucht eine Dreiviertelstunde, um runterzukommen. Manche Schaffen das sehr gut mit Yoga oder autogenem Training, andere lesen noch ein paar Seiten in einem Buch. Voher kann man sich auf einem Blatt Papier aufschreiben, was am Tag wichtig war und was am nächsten Tag wichtig sein wird. Dann nimmt man die Probleme nicht mit in die Nacht, denn die Nacht dient der Ruhe.”

Mit der Auswertung von Fragebögen kann Kuller eine Aussage über die Qualität des Schlafes machen. „Im Schlaflabor messen wir die schlafbezogenen Atemstörungen.” Üblicherweise geht der über Schlafstörungen, Schnarchen und Tagesmüdigkeit klagende Patient zunächst zu seinem Hausarzt, der ihn dann an einen Facharzt für Lungenkrankheiten überweist. Mit Hilfe der Polygrafie mit einem kleinen Gerät, kann der Lungenfacharzt Atempausen feststellen. „Aber das Gerät kann nur Atempausen registrieren, nicht aber, wann der Patient geschlafen hat”, erklärt der Oberarzt.

Zwei Nächte verbringt der Patient, mit Messgeräten verbunden, dann im Schlaflabor. Gemessen und registriert werden in der Nacht Augenbewegungen, Hirnströme, Muskelspannung, Atemfluss, Atemanstrengung, Schnarchen, Sauerstoffgehalt im Blut, Beinbewegungen, Körperlage und Pulsfrequenz. Gleichzeitig wird ein EKG aufgezeichnet. Gut erkennbar sind bei diesen Untersuchungen dann die Schreckreaktionen. Diese entstehen, weil beim Patienten im Schlaf die Zunge nach hinten fällt und die Atemwege verschließt. Mit Hilfe eines CPAP-Beatmungsgerätes lässt sich verhindern, dass sich die Atemwege verschließen. So werden im Schlaf Atempausen und Schrecksituationen verhindert.

Ein ungestörter Schlaf ist die Folge. Ursache dieser Schlafstörungen sind sehr vielfältig. Übergewicht oder individuelle Besonderheiten des Körperbaus, beispielsweise ein kurzer Hals, spielen eine Rolle. „Hunderte Menschen habe ich mit solch einem Atemgerät versorgt. Das Übergewicht spielt als Ursache zwar eine große Rolle. Abnehmen ist jedoch ein leicht gegebener, aber schwer zu befolgender Rat.

Nur zwei der vielen Patienten, die ich mit dieser Krankheit betreut habe, haben es geschafft, durch Gewichtsreduktion die Atemstörungen zu beheben”, berichtet Kuller und weist auch auf die Gefahren von Atemstörungen in der Nacht hin: Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt können die Folge sein. „Durch die Schrecksituationen in der Nacht haben viele Patienten besonders in der Nacht hohen Blutdruck. Das Risiko durch Atemstörungen ist etwa gleich hoch wie das von starkem Rauchen”, so Kuller.

455 Patienten hat er, unterstützt von sechs Krankenschwestern, im vergangenen Jahr im Schlaflabor behandelt. Zuvor führt er lange Gespräche mit dem Patienten, um dessen Lebensgewohnheiten kennenzulernen: Welchem Beruf geht er nach? Arbeitet er im Schichtdienst? Leidet er unter Stress? Hat er ausreichend Bewegung? Hat er Probleme? „Als Arzt muss man in das Leben der Menschen mit all ihren Problemen eintauchen.”

Als vor 140 Jahren das Geilenkirchener Krankenhaus gegründet wurde, haben sich Ärzte noch nicht mit der Schlafmedizin beschäftigt. Schlafstörungen wurden mit Schlaftabletten oder vom Patienten selbst mit Alkohol behandelt. Erst seit den 50er-Jahren beschäftigen sich Ärzte mit der Schlafmedizin. Auf Anregung des ehemaligen Chefarztes für Innere Medizin, Dr. Hans Schulenburg, wurde 1996 das Schlaflabor im Geilenkirchener Krankenhaus eingerichtet.

Dr. Kuller, Internist, Somnologe und Schlafmediziner, hat den Aufbau begleitet und seit 1999 die Leitung. Zwischenzeitlich wurde das Geilenkirchener Schlaflabor von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin akkreditiert. Dieses Zertifikat wird alle zwei Jahre überprüft. „Heute kennt man über 80 schlafmedizinische Diagnosen. Vieles ist aber noch unerforscht. So manche physiologischen Vorgänge im Gehirn müssen noch untersucht werden. Und je mehr man sich damit beschäftigt, desto interessanter wird die Schlafmedizin”, blickt Kuller in die Zukunft.

Mehr von Aachener Nachrichten