Gangelt - Historische Selfkantbahn nimmt wieder Fahrt auf

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Historische Selfkantbahn nimmt wieder Fahrt auf

Von: Markus Bienwald
Letzte Aktualisierung:
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An Ostern zog die Selfkantbahn erstmals nach der Winterpause wieder schnaubend durch die Lande.
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Zugführer Jörg Pentz kümmerte sich um die genaue Einstellung der rein manuellen Anzeigen für die Abfahrtzeit.
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Tanken im Dampflok-Stil geht natürlich nicht ohne viel Qualm und neugierige Blicke.
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Auch historische Schilder findet man noch auf den Bahnhöfen der Selfkantbahn.
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In Schierwaldenrath war auch die Dampflok „Haspe“ zu bewundern.

Gangelt. Schnee, Dauerregen, kalte Temperaturen: All das hatten die Wetterfrösche für das Osterwochenende vorhergesagt. Eingetroffen davon ist zum Glück nur wenig. Und gestört hätte es die Freunde der Selfkantbahn, die unter den Segeln der „Interessengemeinschaft Historischer Schienenverkehr“ (IHS) am Wochenende erstmals nach der Winterpause Fahrt aufnahmen, ohnehin nur wenig.

„Wir hatten beim Saisonauftakt auch schon mal Schnee“, erinnert sich Helmut Kommans, stellvertretender Vorsitzender der IHS. „Und bald wird es ohnehin wärmer“, sagt er noch, bevor er im kombinierten Fahrkarten- und Souvenirverkauf direkt an den Schienensträngen im Schierwaldenrather Bahnhof wieder dem Geschäft nachgeht.

Geschäftiges Treiben gab es am Eröffnungswochenende ohnehin. Hier und da wurde noch einmal genau nachgeschaut, ob das „rollende Material“, wie Waggons, Loks und Triebwagen gerne auch genannt werden, den ersten Dienst schadlos antreten können. „Wenn ein Rad erstmal eine Runde gedreht hat, dann klappt es auch wieder“, weiß Jörg Pentz aus Erfahrung. Als Zugführer ist er übrigens nicht derjenige, der vorne in der Lok für Tempo oder dessen passende Drosselung vor der Einfahrt in den Bahnhof sorgt. Zugführer, so erklärt er zwischen zwei Fahrten, kümmern sich um den Zug an sich, um dessen Insassen, regeln die Abfahrt durch Ansagen und sorgen sich um die Reisenden.

Die sind zwar zumindest zum Start am Vormittag des Ostersonntags noch relativ dünn gesät. An der guten Vorbereitung der ehrenamtlichen Eisenbahner ändert das allerdings nichts. Denn sowohl die Loks, wie die in tiefem Grün und Schwarz glänzende und schnaubende „Haspe“, als auch die Wagen zeigen sich bestens präpariert. Und das eher kühle Wetter mit den gelegentlichen Schauern erweist sich nicht nur als Bote des bevorstehenden sprichwörtlichen Aprilwetters. Bei den niedrigen Temperaturen sieht es fantastisch aus, wenn der Dampf den Zug nach vorne treibt.

Gerade am noch stehenden Objekt, so in den Momenten kurz vor der Abfahrt, wenn das, was aus dem großen Kamin ganz vorne an der „Haspe“ entweicht, sich langsam immer weiter in Richtung Schwarz färbt, schiebt auch der Wind die Mischung aus Qualm und Dampf optisch sehr verlockend hin und her. Da kommt es vor, dass die rauchende Mischung sich verwirbelt wie bei einem startenden Jet und die Lok wie auch die angehängten Wagen in einen mystischen Nebel taucht. Für die meist männlichen Kameraleute mit Video- und Fotoabsichten sind das natürlich die gesuchten Momente, die nicht ohne Druck auf den Auslöser vorüberziehen. Und wenn die „Haspe“, Baujahr 1956, mit ihren geschätzten 200 Pferdestärken dann den typischen Takt anschlägt und sich mit ihrem einen Puffer voran an die Spitze der langen Reihe von Waggons setzt, dann wird es auch den Maschinisten vorne im Führerstand sichtlich warm ums Herz.

So durften Zaungäste miterleben, wie sich die zuvor von den vielen Handgriffen noch etwas gestresste Miene eines Lokführers zu einem breiten Grinsen entwickelte und dass im irgendwie beruhigenden Takt der dampfbetriebenen Maschine auch sein Herz gleich ruhiger schlug. Was den Takt angeht, sind die Menschen, die sich in ihrer Freizeit der Erhaltung des rollenden Denkmals auf der Schmalspur verschrieben haben, übrigens mindestens genauso gut wie deren Kollegen von der Deutschen Bahn. Vielleicht sind sie sogar noch besser, denn bei der Selfkantbahn, die sich einspurig vom Bahnhof Schierwaldenrath an Birgden vorbei zum Bahnhof Gillrath schlängelt, sind die Zeiten für Abfahrt und Ankunft auch am ersten Betriebswochenende gleich fest eingehalten worden.

Lok aus dem Jahr 1897

Leute wie Jörg Pentz, dessen Finger mit Akribie die natürlich rein mechanischen Zeiger des Abfahrtsymbols in Richtung Gillrath auf die richtige Zeit schieben, sorgen dafür, dass das so bleibt. Die Selfkantbahn zieht einen nicht unerheblichen Teil ihrer Faszination immer wieder aufs Neue aus der Mischung aus dem rollenden Material längst vergangener Zeiten, dem durchaus urigen Mitfahrgefühl und dem eigentümlichen Duft der von Kohle betriebenen Dampftechnik.

Am Wochenende gab es auch abseits der schmalen Schienen noch einiges zu sehen. So zum Beispiel die Lok 46 aus dem Jahr 1897: geschätzte 80 PS stark, dabei 19 Tonnen leicht, zog sie im großzügigen Schuppen der IHS vor allem wegen ihrer massiven Front die Blicke auf sich. Aus manchen Blickwinkeln wirkte die eigentlich recht grazile Lok sehr massiv. Ein anderes Highlight gab es mit „Gleis 3“ zu sehen und zu erleben. Da zumindest der Bahnsteig in Schierwaldenrath keine drei, sondern nur zwei Gleise anbietet, dachten sich die Organisatoren, dass sie das nahe gelegene Restaurant nach seinem umfassenden Umbau so nennen sollten.

Der Bau erstrahlt jetzt in frischem Grau, bietet ein ganz neues Erlebnis und ergänzt die Selfkantbahn, die ohnehin immer wieder einen Besuch wert ist, so um ein neues Element. Und mit der „HK 87“ aus dem Jahr 1918, die als letzte ihrer Art in Finnland ausgemacht wurde, gibt es in diesem Jahr noch ein weiteres großes Projekt der Bahn. Ihre Restaurierung soll in diesem Jahr starten. Dann wäre sie 100 Jahre nach ihrer Fertigstellung wieder in Dienst und würde die Dampflokgeschichte der Selfkantbahn fortschreiben.

Doch bis dahin werden noch viele Züge die rund fünfeinhalb Kilometer lange Strecke bis zum Saisonende Ende September unter die Räder nehmen.

 

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