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Heinsbergs Südkreis und die Dienstwagen der Bürgermeister

Glosse zur Automobilkultur : Und was fahren Sie dienstlich, Herr Bürgermeister?

Dienstwagen können politische Karrieren beflügeln oder zerstören. Unsere Bürgermeister im Heinsberger Südkreis wissen das offenbar und verhalten sich vorsichtig. Achtung, Satire!

Nichts, in das ein Mann sich hüllt, entfaltet eine derartige Außenwirkung wie das Auto. Die Abendgarderobe vielleicht noch, aber von Abendgarderobe hat kaum jemand Ahnung, von Autos hingegen fast jeder ein wenig, und schon deshalb ist das Auto, wenn es schön ist und teuer war, viel besser dazu geeignet, Neid zu schüren. Wenn ein Amtsträger sich in das schöne, teure Auto hinein setzt, wurde es zudem mitunter vom Wähler bezahlt, der sich selbst oft nur ein weniger schönes, weniger teures Auto leisten kann. Es drohen Neid, Missgunst und ein Rüffel vom Bund der Steuerzahler.

Präsidialer Mann, präsidiales Auto

Es liegen Indizien vor, dass andere Kulturen sich durch größere Nachsicht auszeichnen. Gibt man bei den Bildagenturen die Suchbegriffe „Putin“ und „Dienstwagen“ ein, fährt auf dem Bildschirm ein schwarzes, mit Fahnen behängtes Schlachtschiff vor, mit einem Kühlergrill so groß wie der Rote Platz. Der Beliebtheit von Putin bei seinem Volk hat das bislang nicht geschadet, die Russen sind vielleicht nicht solche Neidhammel wie wir, und es stört sie nicht großartig, wenn ihr Präsident ein präsidiales Auto fährt, aber wehe deutschen Amtsträgern!

Ulla Schmidt, die frühere Gesundheitsministerin, kam vor knapp zehn Jahren in Erklärungsnot, als ihr Dienstwagen, ein Audi A6, in Spanien gestohlen wurde. Sie war damit in Urlaub gefahren, einfach so! Und der Oberbürgermeister von Aachen ließ sich vom Steuerzahler mal einen goldenen 7er-BMW hinstellen. Aus so einem goldenen 7er stiegen wohl sonst eher Vertreter anderer Branchen, ätzte der Personalrat. Welche Branche gemeint war, blieb unklar, vielleicht die der Fahrzeuglackierer.

Der Maharadscha von Rajkot gönnte sich zu Lebzeiten diesen Rolls Royce Phantom II, Baujahr 1932. Obgleich technisch überholt (Verbrennungsmotor, keine Einparkhilfe), ist das Auto heute noch viel wert. Man ahnt: Einen Bund der Steuerzahler kannte der Maharadscha nicht. Unsere Amtsträger im Heinsberger Südkreis müssen sich heute mit viel lumpigeren Dienstwagen zufriedengeben. Foto: dpa/A2931 Bernd Weißbrod

Sozialistische Planwirtschaft

Die Fliehkräfte sind also enorm, und schon deshalb lohnt ein Blick darauf, womit denn die Bürgermeister in unserem Heinsberger Südkreis so herumfahren. Der Bund der Steuerzahler braucht an dieser Stelle nicht weiterzulesen, haushaltstechnisch ist soweit alles okay. Aber was wollen unsere Bürgermeister uns mit ihren Autöchen mitteilen?

Wolfgang Jungnitsch, der Bürgermeister von Übach-Palenberg, hat sich kürzlich erst vom Stadtrat einen Skoda Superb als Dienstwagen genehmigen lassen. Das Modell ist auf unseren Straßen eher selten zu sehen, daher sei hier kurz erklärt, dass es sich um das Spitzenmodell des Herstellers handelt, es wird der oberen Mittelklasse zugerechnet, so ähnlich wie ein 5er-BMW. Während man bei BMW für den Namen aber eher draufzahlt, zahlt man bei Skoda etwas weniger und nimmt dafür in Kauf, dass im Namen der Klang sozialistischer Planwirtschaft nachhallt.

Die Verwaltung teilt mit, dass man ein sehr, sehr gutes Leasing-Angebot erhalten habe. Nur das sei ausschlaggebend gewesen. Richtig ist aber auch: Ein Superb ist einerseits nicht zu popelig, um den Chef zu transportieren, andererseits kommt er aber nicht protziger rüber als es sich der Chef einer Stärkungspaktkommune gestatten sollte. Die Redaktion hält die Wahl insofern für nicht angreifbar.

Kleines Auto, winkender Schorsch

Wenn einer um die Außenwirkung von Autos weiß, dann ist das Georg Schmitz, der Bürgermeister von Geilenkirchen. Er fährt ja noch immer seinen 14 Jahre alten, roten, soweit eher wenig präsidialen Seat Arosa, der ihm selbst gehört und ähnlich bekannt ist wie er selbst.

Der Restwert der alten Gurke, von Schmitz innig geliebt, dürfte nicht viel höher sein als der Preis eines Hollandrads beim Real, und dass ein Bürgermeister ein schlechteres, älteres, billigeres, langsameres, hässlicheres Auto fährt als viele Leute, die keine Bürgermeister sind, na klar, das bringt im Lande der Neidhammel Sympathie ein. Der Knaller sind natürlich die niedlichen, gelben Feuerwehrstreifen außen drauf. Und aus dem Fenster winkt milde lächelnd der Schorsch. Kein PR-Experte könnte es sich schöner ausdenken.

Georg Schmitz tut also gut daran, den Arosa bevorzugt da zu fahren, wo seine Wähler es sehen: in und um Geilenkirchen. Muss er mal auf einen Kaffee zur Regierungspräsidentin nach Köln oder gibt es frische Kekse in einem Düsseldorfer Ministerium, nimmt er lieber seinen Dienstwagen, der ihm nämlich auch zur Verfügung steht: Es ist ein Mercedes E220d. Wie Wolfgang Jungnitschs Skoda ist das ein Auto der oberen Mittelklasse, aber hallo, mit Stern dran!

Das Gasgeben auf der A44 kommt mit der E-Klasse natürlich um einiges geiler als mit dem Arosa, so viel sei an dieser Stelle unterstellt. Weil man mit Diesel-Motor in Köln und Düsseldorf ja bald nicht mehr fahren dürfen dürfte, wird der E220d demnächst durch ein Modell gleicher Marke und Modellreihe mit Hybridmotor ausgetauscht. Natürlich gab es ein sehr, sehr gutes Leasing-Angebot.

Freude bei den Herstellern

Hersteller und Händler freuen sich, wenn Leute wie Schmitz ihre Limousinen nutzen. Wenn höherrangige Persönlichkeiten aus ihren höherklassigen Autos aussteigen, um mit anderen höherrangigen Persönlichkeiten Kekse zu essen und Kaffee zu trinken, sieht das besser aus als wenn zum Beispiel Fahrzeuglackierer damit in Hamburg über die Reeperbahn prollen. Daher bekommen die Verwaltungen auch all die sehr, sehr guten Leasing-Angebote unterbreitet, was die Behauptung, die Karren seien letztlich gar nicht so teuer, obwohl sie ja eigentlich doch teuer sind, man werfe mal einen Blick auf die Listenpreise, ein bisschen glaubhafter macht.

Ein grauer Fleck auf der Landkarte ist für die Premium-Hersteller bislang Gangelt. Den Bürgermeister der Gemeinde, Bernhard Tholen, sieht man dienstlich meist mit einem 20 Jahre alten VW Golf IV TDI herumfahren. Das Gemeindewappen auf der Fahrertür signalisiert gesunden Lokalpatriotismus, das Modell selbst das Selbstbewusstsein einer Gemeinde, die keine viel größeren Probleme hat, als das vielleicht jemand den Blick auf die Stadtmauer mit Wohnungen für alte Leute beeinträchtigen könnte.

Ein Auto für alle

Interessanter noch ist aber, dass Bernhard Tholen gar keinen eigenen Dienstwagen hat. Der Golf steht allen Rathausmitarbeitern zur Verfügung, fast jeder ist schon mal damit gefahren. Im Rathaus gibt es eine Liste für den Golf, auf der man sich eintragen kann, man darf sich das das vielleicht ungefähr so vorstellen: „Mittwoch, 11 Uhr, Bernhard trinkt im Kreishaus Kaffee mit Stephan“, oder aber „Donnerstag, 13 Uhr: Gerd vertritt Bürgermeister bei Eiserner Hochzeit in Nachbarheid (danke, Bernhard!)“. Man weiß es nicht.

Was Autos betrifft, ist Bernhard Tholen jedenfalls sozusagen das Gegenteil von Georg Schmitz. Dienstlich bescheiden unterwegs, soll er privat einen Sportwagen von BMW fahren, der so ähnlich aussieht wie das Auto von Batman und auch ähnlich schnell ist, so raunt man es sich in der Gemeinde zu. Das würde dazu passen, dass Tholen im Kreis Heinsberg als eine Art Super-Bürgermeister gilt, den sogar der politische Gegner gut findet. Ob das Auto auch über eine Bewaffnung verfügt, ist nicht bekannt. Es geht aber auch keinen von uns Neidhammeln etwas an, auch nicht den Autor dieses Textes, der Tholen hat nämlich alles von seinem eigenen Geld bezahlt.