Handwerker im Kreis Heinsberg: Fünf Prozent mehr Umsatz

Konjunkturmarathon : 91 Prozent der Handwerksbetriebe im Kreis Heinsberg sind zufrieden

Über einen wahren Konjunkturmarathon freuen sich die Handwerksbetriebe im Kreis Heinsberg. Sie verzeichneten im vergangenen Jahr einen Umsatzzuwachs in Höhe von fünf Prozent. 91 Prozent der Betriebe bezeichnen ihre Lage als gut oder zufriedenstellend. Und auch das Jahr 2019 wird für das Handwerk ein gutes Jahr.

„Das Jahr 2018 war top. Die Lage im Handwerk war besser als je zuvor. Wir hatten einen Umsatzzuwachs in Höhe von fünf Prozent“, sagt Dr. Michael Vondenhoff, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Heinsberg. „91 Prozent der Handwerksbetriebe im Kreis Heinsberg haben ihre Lage als zufriedenstellend oder gut bezeichnet, im gesamten Bezirk der Handwerkskammer Aachen waren es sogar 92 Prozent“, fügt er hinzu.

Es ist nicht das erste Jahr, in dem das Stimmungsbarometer der Handwerker ganz weit nach oben ausschlägt. „2018 war das vierte Jahr in Folge ein gutes Jahr. Man spricht von einem Konjunkturmarathon. So etwas haben wir seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr erlebt“, zeigt sich Vondenhoff gut gelaunt.

Besonders im Baugewerbe laufe es wie schon seit Jahren gut: „100 Prozent der Betriebe sind zufrieden. Im Baunebengewerbe, beispielsweise in der Elektro- und Sanitärbranche, sind es immerhin noch 95 Prozent“, sagt der Jurist. Besonders gefragt bei Investoren seien Mehrfamilienhäuser als Kapitalanlage: „Es wird weiterhin in Betongold investiert“, weiß Vondenhoff. Rückläufig sei der Bau von Einfamilienhäusern. Bei der Vergabe von Krediten seien die Banken vorsichtiger geworden, außerdem seien die Baupreise gestiegen.

Wo es derzeit nicht so ganz rund läuft, ist das Kfz-Gewerbe: „Hier liegt die Zufriedenheit bei nur 74 Prozent“, weiß der Geschäftsführer. Durch den Dieselskandal sei die Verunsicherung beim Verbraucher groß, der Gebrauchtwagenhandel sei eingebrochen.

Blickt Vondenhoff auf das neue Jahr, zeigt er sich erneut optimistisch: „Es wird ein gutes Jahr, aber kein Rekordjahr. Wir gehen von einem Wachstum von vier Prozent aus. Das ist aber immer noch super.“ Allerdings werde sich die Gesamtkonjunktur abkühlen. Die Wirtschaft sei wegen des Handelskrieges zwischen den USA und China verunsichert, die Folgen der restriktiven Politik gegenüber Russland und die Diskussion um den Brexit seien in der Wirtschaft spürbar.

Sei es früher mit der Gesamtwirtschaft bergab gegangen, habe man das auch im Handwerk gespürt. „Das gilt heute nicht mehr. Wenn die Industrie früher einen Schnupfen bekommen hat, hat das Handwerk gleich reagiert. Doch das gilt heute nicht mehr, das Handwerk ist robuster geworden.“ Gründe seien eine immer noch hohe Konsumbereitschaft und Investitionen der öffentlichen Hand in die Infrastruktur. Dennoch seien die Handwerksbetriebe selbst vorsichtiger geworden: „Sie wissen: Die Party ist irgendwann zu Ende, die Wachstumsdynamik ist nicht mehr da, man will konsolidieren und sich nicht übernehmen.“

Derzeit können die meisten Handwerker im Kreis Heinsberg noch die Sektkorken knallen lassen: „Die Gesamtauslastung der Handwerksbetriebe liegt bei 84 Prozent. Im Baugewerbe sind es 90 Prozent, im Baunebengewerbe 89 Prozent“, sagt Vondenhoff. Nicht ganz so rosig sieht es im Kfz-Gewerbe mit 77 Prozent und in der Lebensmittelbranche mit 76 Prozent aus.

Nicht nur das Handwerk, auch die Kreishandwerkerschaft selbst als Vertretung der 3200 Handwerksbetriebe im Kreis Heinsberg freut sich über Wachstum. 900 Mitgliedsbetriebe mit knapp 25.000 Beschäftigten aus 13 Innungen gehörten im vergangenen Jahr der Kreishandwerkerschaft an. Rund 20 Mitgliedsbetriebe mussten schließen. Da sich 70 Firmen neu der Kreishandwerkerschaft angeschlossen haben, freut sich Vondenhoff dennoch über ein Plus von 50 Handwerksbetrieben.

Was dem Geschäftsführer ein wenig Sorgen bereitet, ist die sinkende Zahl der Auszubildenden: Wurden im Jahr 2017 noch 659 Lehrlinge von der Kreishandwerkerschaft betreut, so hatten im vergangenen Jahr nur 619 junge Menschen einen Ausbildungsvertrag. „Der Bedarf an Auszubildenden ist riesig. Aber ein Studium ist bei jungen Leuten beliebter als eine Ausbildung im Handwerk. Die Universitäten ziehen viele junge Leute ab“, bedauert Vondenhoff, legt aber dennoch eine Spur Optimismus an den Tag: „Der Trend dreht sich. Man merkt, die Unis sind nicht das alleinige Heil. Die Löhne gleichen sich denen eines Akademikers an. Auch das Arbeitslosenrisiko der gewerblichen Arbeitsnehmer im Handwerk gleicht sich dem eines Akademikers an.“

Um Werbung bei den Jugendlichen für das Handwerk zu machen, lädt die Kreishandwerkerschaft zum 6. Berufsinformationstag für Samstag, 9. Februar, 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr, ins Berufskolleg Ernährung, Sozialwesen und Technik am Berliner Ring in Geilenkirchen ein.

Was neben fehlenden Auszubildenden und Fachkräftemangel ebenfalls Sorgenfalten in Vondenhoffs Gesicht treibt, ist die politische Diskussion um Anliegerbeiträge: „Wenn die Kommunen selbst entscheiden können, ob sie Anliegerbeiträge für den Ausbau von Straßen erheben, habe ich die Befürchtung, dass mancher Bürgermeister Investitionen aufschiebt. Das bedeutet, dass es künftig weniger Aufträge im Straßenbau gibt“, sagt Vondenhoff, der seine Bedenken gemeinsam mit dem Obermeister der Straßenbauer, Dietmar Frenken, im Landesbauministerium in Düsseldorf vorgetragen hat.

„Wir plädieren dafür, dass jeder Grundstückseigentümer einen jährlichen Beitrag für den Ausbau von Straßen leistet. Auch tendieren wir dazu, eine Härtefallregelung einzuführen. Für das regionale Handwerk wäre ein Aufschub von Baumaßnahmen katastrophal“, sagt Vondenhoff. Auch der Brexit werde die deutsche Wirtschaft treffen. „Das werden wir im Handwerk zeitverzögert zu spüren bekommen.“

„Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Argumente.“ Dieses Motto des deutschen Unternehmers Harald Kostial aus dem Jahre 1959 kann Michael Vondenhoff nur unterschreiben. Getreu diesem Motto, das in großen Lettern im Verwaltungsgebäude der Kreishandwerkerschaft an der Nikolaus-Becker-Straße in Geilenkirchen prangt, hat der Geschäftsführer Wege gefunden, die Kreishandwerkerschaft zu modernisieren und für die Zukunft fit zu machen. Für mehrere Hunderttausend Euro wurden im vergangenen Jahr die Lehrwerkstätten in Geilenkirchen und Erkelenz saniert und für die Ausbildung neue Maschinen gekauft. Derzeit wird das aus den 60er-Jahren stammende Verwaltungsgebäude komplett saniert.

Das Gebäude erhält ein neues Dach, neue Leitungen und neue Fenster, 600.000 Euro werden hier investiert, Ende April soll es fertig sein. Im nächsten Jahr soll die Kfz-Werkstatt für die überbetriebliche Ausbildung mit einem Aufwand von 800.000 bis eine Million Euro saniert und erweitert werden.

Mit Blick auf das Motto des Unternehmers Kostial meint Vondenhoff: „Wenn man etwas verändern möchte, hat man viele Widerstände, man kann alles kaputtreden. Wenn man etwas verändern will, ist das aber frustrierend. Wenn man sich wirklich etwas fest vornimmt, schafft man das auch. Wir jedenfalls wollen ein moderner Dienstleister für unsere Handwerksbetriebe sein.“

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